Durchhalteparolen und Realitätsverlust an der Isel

Es ist höchste Zeit, einen Plan B für Virgen und Prägraten zu schmieden.

Fast alle Signale stehen auf "Stopp" für ein Kraftwerk am Gletscherfluss Isel in Osttirol. Foto: Wolfgang C. Retter
Fast alle Signale stehen auf „Stopp“ für ein Kraftwerk am Gletscherfluss Isel in Osttirol. Foto: Wolfgang C. Retter

Die gefährlichste Krankheit, die Politiker und Manager befallen kann heißt „Realitätsverlust“. Symptome, die diese Krankheit begleiten sind: gebetsmühlenartige Durchhalteparolen, stereotype Worthülsen und dogmatische Glaubenssätze, die suggerieren sollen: „Ich bin im Besitz der Wahrheit, also fürchtet euch nicht und folget mir nach.“ Im Virgental haben Dietmar Ruggenthaler als Dorfpolitiker ohne Opposition und INFRA-Chef Wolfgang Widmann als Kraftwerksplaner ohne Konkurrenz diese Rolle übernommen. Beide werden nicht müde, ihre Dogmen herunterzubeten. Als da sind:

1) Das Iselkraftwerk wird gebaut.
2) Wenn es gebaut ist, fließt eine Menge Geld.
3) Dieses Geld verteilen wir unter die Bedürftigen, also die Bürger von Virgen und Prägraten.
4) „Von außen“ lassen wir uns nicht hineinpfuschen (Anm.: „Außen ist alles, was außerhalb des Virgentales ist, also die ganze Welt.)
5) Der Teufel wohnt „draußen“ und nennt sich neuerdings „Natura 2000“.

Das Problem ist nur, dass die Außenwelt von Lienz über Innsbruck und Klagenfurt bis Brüssel zwar große Sympathie für die Iseltaler und den dazugehörigen Fluss hegt, aber auch große Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Kraftwerkes, das eindeutig negativ für die Natur ist (sonst wären ja keine „Ausgleichsmaßnahmen“ nötig) und leider nicht so eindeutig gewinnbringend.

Die Kombination aus sicherem Schaden und unsicherem Nutzen nennt man vornehm „Risiko“ und weniger vornehm „Dummheit“. Riskant war das Unterfangen in allen seinen bisherigen Phasen. Bei Nacht und Nebel wurde das Kraftwerk von den Gemeinderäten über die Köpfe der Bevölkerung hinweg fixiert, nachträglich mit beispiellosem PR-Aufwand gerechtfertigt, mit ausgeklügelten Formulierungen und nicht wirklich haltbaren Versprechungen im Tal selbst „demokratisch legitimiert“ und von einem Projektanten durchgezogen, der seine Finger entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Spiel hat – ohne Mitbewerber.

Längst hat das Projekt die Ebene der Lokalpolitik verlassen. Und sich damit der totalen Kontrolle durch Ruggenthaler, Widmann & Co. entzogen. Vieles deutet auf einen Stopp und damit ein Szenario hin, dem sich die Virgentaler langsam stellen müssen. „Augen zu und durch“ wird nicht gespielt.

Es gibt auch eine Öffentlichkeit außerhalb des Tales und die kann man nicht so einfach kontrollieren oder manipulieren. Es gibt politische Verwerfungen – Landesrätin Ingrid Felipe droht ein Gesichtsverlust – und gewichtige Warnrufe, etwa von Tiwag-Boss Wallnöfer. Jetzt will auch noch Kärnten mitreden. Und es gibt eine europäische Gemeinschaft, die sich – auch demokratisch legitimierte – Regeln gegeben hat, die man nicht „von unten“ mit Bauernschläue aushebeln kann. Das Dogma muss deshalb fallen. Die Prediger müssen ihre Glaubenssätze überarbeiten. Virgen und Prägraten sollten in die Realität zurückkehren und einen Plan B schmieden. Den Plan B für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass das Iselkraftwerk nicht gebaut wird.

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3 Postings bisher
SusiCat-frankfurt vor 4 Jahren

... der kommentar gefällt mir auch - nur noch wenige tage, dann werde ich wieder entlang der Isel wandern ... und kann beobachten wie gut die wunden, verursacht durch murenabgänge und uferabbrüche verheilt sind ... und begegne hoffentlich einer stetig zunehmenden Gruppe Virgentalbewohnern, die einem Wasserkraftwerk skeptisch gegenüber stehen und längst nicht mehr den gewinnversprechungen glauben!

spitzeFeder vor 4 Jahren

Respekt, Herr Pirkner - ein exzellenter Kommentar! Thumbs up!

Huettenwirt vor 4 Jahren

Treffender kann man die aktuelle Situation kaum darstellen! Die Kommentare von Herrn Pirkner zeigen die Realität. Ein großes Kompliment dem Verfasser. Hier wird die Streu vom Weizen getrennt. Bravo und weiter so !