Was wird aus dem Pfleghaus Schloss Anras?

Der Betreiberverein arbeitet an ambitionierten Zukunftsplänen.

Vergangene Woche ließ die SP-Bezirkskultursprecherin Anita Kerstein kurz mit der Meldung aufhorchen, das historische Pfleghaus Schloss Anras werde stillgelegt. Die Zukunft stehe „in den Sternen“. Die Lienzer Gemeinderätin zeigte sich empört über diesen „Kahlschlag im Osttiroler Kulturbetrieb.

Anita Kerstein befürchtet den "kulturellen Kahlschlag" in Osttirol.
Anita Kerstein befürchtet den „kulturellen Kahlschlag“ in Osttirol.

Wir haben uns daraufhin beim bisherigen Betreiberverein erkundigt und von Sprecher Claudio Wilhelmer eine Antwort erhalten, die differenziert auf die Sachlage eingeht und aufgrund der kulturellen Bedeutung des Hauses hier in voller Länge veröffentlicht wird:

„Das Pfleggerichtshaus Schloss Anras steht seit 1989 im Eigentum der Willy Messerschmitt-Stiftung und wurde seit dem Abschluss der Generalsanierung im Jahre 1997 museal und als Galerie genutzt. Der Messerschmitt-Stiftung ist es zu verdanken, dass dieses Kulturgut erhalten geblieben ist und weiterhin das Ortsbild von Anras bestimmt. Schloss Anras konnte sich seither, insbesondere mit der Unterstützung zahlreicher Künstler – e.g. Paul Flora, Eva Mazzucco, Oswald Kollreider, Hans Salcher – überregional als anerkanntes Kulturzentrum im Osttiroler Pustertal etablieren.

Schloss-Anras
Das historische Pfleghaus Schloss Anras war bis vor kurzem eine wichtige kulturelle Spielstätte im Osttiroler Oberland. Foto: Expa/Groder

Das Gebäude wurde in dieser Zeit von der Messerschmitt-Stiftung an das Land Tirol bzw. ferner an die Gemeinde Anras vermietet. Eine erfolgreiche Revitalisierung sollte insbesondere dadurch gelingen, dass vertraglich festgelegt wurde, dass nach der Sanierung das Gemeindeamt in den 1. Stock übersiedelt, was sich jedoch aufgrund baulicher Gründe als nahezu unmöglich erwies – zudem befand sich ein Teil des Gebäudes und somit auch die dafür vorgesehenen Räume nicht im Eigentum der Stiftung (das Eigentum am Pfleghaus war zweigeteilt). Alternativ dazu wurde ein Konzept entwickelt, durch welches Schloss Anras museal und kulturell genutzt werden sollte. Hierfür wurde der gemeindeeigene Trägerverein „hochfürstbischöflich-brixnerisches Pfleggerichtshaus Schloss Anras – Verein zur Förderung der Kultur, des Brauchtums und der Tradition“, bestehend aus jeweils aktiven Gemeinderäten bzw. Bürgermeister und Vizebürgermeister sowie Vertretern aus Tourismus, gegründet und das Pfleghaus durch den Trägerverein von der Gemeinde Anras angemietet. Damit konnte das Haus seit 1997 einem breiten Publikum zugänglich gemacht sowie nachhaltig und dauerhaft genutzt werden.

Das historische Ensemble ist in ausgezeichnetem Zustand.
Das historische Ensemble ist in ausgezeichnetem Zustand.

Um den Verträgen und dem Wunsch der Gemeinde Anras sowie dem Land Tirol gerecht zu werden, wurde im Jahre 2010 neuerlich an einem Umzug des Gemeindeamtes gearbeitet. Mittlerweile stand das gesamte Gebäude in Eigentum der Stiftung, jedoch hätte der Einzug der Gemeindeverwaltung für den mittlerweile etablierten Museumsbetrieb weitreichende Folgen gehabt. So wäre v.a. der gesamte 1. Stock mit Blick auf die frühchristliche Kirche für Museumszwecke entfallen, ebenso die Ausstellungsflächen für das „Zugpferd“ Paul Flora mit einer historischen Stube und einem wertvollen Ofen – also zentrale bauliche Elemente.

Historische Stuben im Pfleggerichtshaus Anras.
Historische Stuben im Pfleggerichtshaus Anras.

Ferner war unklar, wie Parteienverkehr und Museumsbetrieb zur selben Zeit in gemeinsam genutzten Gebäudeteilen realistisch umsetzbar sein sollte. Hier konnte – trotz zahlreicher Vorschläge seitens der Interessenvertreter des Vereines – kein sinnvoller Kompromiss gefunden werden. Ebenso gab es gemeindeseitig bereits vorliegende Pläne für einen Um– und teilweise Neubau des bestehenden Gemeindeamtes. Im Frühjahr 2012 kam es dann zu einer Finanzrechtsnovelle, welche Gemeinden für Bauprojekte ab dem September 2012 die Geltendmachung der Vorsteuer verbat – so wurde dies „schnell“ vorgezogen und das neue bzw. sanierte Gemeindezentrum konnte dann Ende 2013 eröffnet werden.

Schloss Anras blieb zwischenzeitlich außen vor und mit Anfang 2014 endeten dann nach 20 Jahren die Verträge rund um Schloss Anras – sowohl zwischen Stiftung und Land Tirol sowie Land Tirol und Gemeinde Anras. Ebenso hatte auch der Verein keinen Mietvertrag als Grundlage der Nutzung mehr. Da es bis dato weder für das Land Tirol noch für die Gemeinde Anras möglich war, einen Konsens – insbesondere kostenseitig (für Kulturförderung und Betriebskosten handelt es sich gemeindeseitig jeweils um einen vierstelligen Betrag pro Jahr) zu finden – hat sich der Trägerverein für das Jahr 2014 das Ziel einer strategischen Neuausrichtung des Museumsbetriebes/Nutzung von Schloss Anras gesetzt.

Mit Blick auf die Machbarkeit wird in Zusammenarbeit mit der Messerschmitt-Stiftung, der Gemeinde Anras und dem Land Tirol weiterhin nach Synergien gesucht, um daraus ein zukunftssicheres und nachhaltiges Konzept für Schloss Anras und die Gemeindeentwicklung zu entwickeln. Die Strahlkraft und wirtschaftliche Bedeutung (Gastwirtschaft, Tourismus, Naturladen als regionale Absatzmöglichkeit für Landwirte, etc.) von Schloss Anras muss gelernt werden – das Pfleggerichtshaus ist der kulturelle USP der Gemeinde und Region.

Eine Landmark und ein Alleinstellungsmerkmal für Gemeinde und Region.
Eine architektonische Landmark und ein Alleinstellungsmerkmal für Gemeinde und Region.

Festzuhalten ist bei der Aussage „den Geldhahn zugedreht“, dass sich der Verein und somit das Museum stets durch Gemeindemittel und Einnahmen aus dem Museumsbetrieb finanziert hat und hier nur sporadisch Fördermittel der Tiroler Kulturabteilung in Anspruch genommen hat.

Für Vertragsdetails zwischen Land Tirol und Gemeinde Anras sowie Land Tirol und dem Eigentümer steht dem Verein keine Aussage zu. Dennoch muss ein Fortbetrieb in erster Linie der Gemeinde Anras ein Anliegen sein und liegt nicht – wie oft kommuniziert – an der Messerschmitt-Stiftung als Eigentümer. Seitens der Stiftung gibt es die Bereitschaft, das Pfleghaus (sowohl der bestehende Museumsteil als auch der zu generalsanierende Teil = das gesamte Gebäude) – unter der Bedingung der berechtigten Wertschätzung und Mitarbeit seitens Gemeinde Anras und Land Tirol – für kulturelle Zwecke zur Verfügung zu stellen. Ebenso ist dies das bei der Vereinsvollversammlung im April 2014 erklärte Ziel des Vereines und somit der Gemeinde.

Bis auf weiteres muss die Osttiroler Kultur- und Tourismuslandschaft jedoch auf dieses Kulturgut sowie diesen Arbeitgeber verzichten.“

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5 Postings bisher
J. Bodner

Geschätzer beobachter52, durch beobachtung und erfahrung entsteht vernunft, diese würde ich mir auch für sie wünschen. Dazu brauchen sie wirklich nur in die geschichte schauen ohne dabei gleich angst zu haben, dass sie was lernen müssen. Wie recht sie doch haben, kann es nicht sein, dass das Gebäude aus historischer sicht sowohl ein "pfleghaus" im sinne der gerichtsbarkeit sowie auch ein schloss im sinne eines herrschaftlichen sommersitzes der bischöfe von brixen war. Sollten sie das nicht wissen, dann ist es ja wirklich schade, dass das museum geschlossen wurde, da wäre bestimmt auch noch ein bisschen geschichte für sie dabei gewesen. Naja sie brauchen anscheinend keine geschichte zu lernen, daher lege ihnen etwas von richard wagner's walküre nahe: "Ruhig Brauner! Brich nicht den Frieden!" oder hab ich mich da gerade mit dem "Galopper" verhört? Aber sie haben ja bestimmt recht, sie wohnen ja wahrscheinlich auch in keinem haus oder gar einer villa, sondern in einer (mehrparteien-)baracke. Glauben sie mir, man würde ihnen das abkaufen, dafür brauchen sie auch gar keine urkunde - Tourismuswerbung pur. Fragt sich nur wo sie dann die vielen Touristen bewirten… Wie immer sie es darstellen und verdrehen wollen: Ob "schloss" oder "pfleghaus", es sind die selben Tore die leider geschlossen wurden.

beobachter52

Lieber J. Bodner - ich brauche nicht Geschichte zu lernen! Nur weil in einer alten Urkunde "Schloss" steht, ist es ein Pfleghaus und kein Schloss! Bloß weil jemand zu seinem Hund "Galopper" sagt, wird er kein Pferderennen gewinnen .....

J. Bodner

Lieber beoachter52, wenn ihre "schilderungen" stimmen, dann zeigt das ja gerade die bedeutung vom pfleghaus oder wenn man will vom schloss. Ich gehe davon aus, dass nur ein bruchteil dieser vielen touristen frust und ärger bei ihnen ausdrücken, ansonsten sollten sie eine gastwirtschaft eröffnen. Gut geführt und zudem auch noch die vielen anderen touristen die sich nicht gerade bei ihnen beschweren abgefangen, dürfte das ein jackpot sein, mit ihrer gastfreundschaft können sie dann ja zudem entschädigen...der Rubel sollte rollen, herzlichen Glückwunsch! Und warum müssen die hinweisschilder weg, das pfleghaus steht ja oder hab ich was überlesen? Und was die von ihnen kritisierte bezeichnung als "schloss" betrifft, da halte ich es wie kreisky: "Lernen's a bisserl Geschichte…

beobachter52

So wichtig die Erhaltung und Nutzung solcher Gebäude wäre, die Bezeichnung "Schloss Anras" ist irreführend und eigentlich eine Frechheit unseren Gästen gegenüber! Von der B 100 mit auffallenden Straßenschildern zum "Schloss" geleitet, haben mir schon viele Touristen ihren Frust und Ärger über das nicht zu findende Schloss ausgedrückt. Wenn das Pfleghaus dann noch geschlossen war und gerade keine Ausstellung stattfand, stieg der berechtigte Ärger. Nun ist das Pfleghaus gschlossen, der Hinweis auf das "Schloss" aber teilweise unverändert, einmal mit einem kleinen Schild "2014 geschlossen" notdürftig ergänzt. "Macht nichts, schauen wir halt das Schloss so an", werden einige denken und sich wieder sehr ärgern! Tourismuswerbung pur!

nanny

Es ist ein wunderschönes Ensemble und anlässlich der vorjährigen Salcher-Ausstellung haben wir es wieder einmal besucht. Die Schätze, die es - neben aktuellen Ausstellungen - beherbergt, sind vielfältig und dicht. Aber es ist halt leider - wie vieles in Osttirol - nicht gerade einfach zu erreichen und liegt abseits des "normalen" Verkehrsstromes. Macht natürlich gerade seinen Reiz aus, aber ... so ist es halt.