Ich möchte unbedingt nach Lienz zurück

Lisa Benedikt studiert „textil.kunst.design“ in der Industriestadt Linz.

Das ist die 23. Folge der Interview-Serie “Heimweh?” Im Introvideo zur Serie erfahren Sie mehr. Unsere heutige Gesprächspartnerin ist Lisa Benedikt. Sie kommt aus Lienz und ist 24 Jahre alt.

Lisa Benedikt, porträtiert von Linda Steiner.
Lisa Benedikt, porträtiert von Linda Steiner.

Erzähl mal was du machst.

Ich studiere an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, textil.kunst.design im 3. Semester Master und die beiden Lehramt-Studien Textiles Gestalten und Bildnerische Erziehung.

Was kann man sich unter textil.kunst.design vorstellen?

textil.kunst.design bietet ein umfassendes Spektrum an Ausbildungen. Dazu zählen Webtechniken, Maßschneiderei, Textile Verarbeitungstechniken, das Textildesign, digitale und analoge Druckverfahren sowie Papier- und Latexformgebung. Ein weiterer Fokus liegt in der Produktgestaltung und im projektorientierten Arbeiten innerhalb textiler und freier Anwendungsbereiche. Mit der Ausbildung in den unterschiedlichsten textilen Techniken, sowie in Materialkunde und der Kenntnis projektbezogener künstlerischer Prozesse werden experimentelle Ansätze zur Entwicklung einer individuellen Formensprache gefördert und mit dem sechssemestrigen Bachelor und darauffolgenden viersemestrigen Master abgeschlossen.

Neben der freien künstlerischen Betätigung erlangen AbsolventInnen die fachliche Kompetenz, den Kreativbereich von Textilbetrieben zu leiten, oder selbst ein Designbusiness zu gründen. Weiters befähigt der Abschluss, in allen Bereichen der creative industries Fuß zu fassen, im speziellen dem Textildesign, der Raumausstattung, experimenteller Gestaltung von Dekors für Theater etc.

Orientiert ihr euch dabei an Aufträgen für reale Kunden?

Wie bereits mit der vorhergehenden Frage ausführlich beantwortet, wird sehr viel Wert auf freies Gestalten gelegt. Jedoch arbeiten wir immer wieder mit Firmen zusammen wie z.B.: Eisbär, Swarovski, 2resist, div. Museen wie TBA21, mumok, Textiles Zentrum Haslach, …

Welches Projekt hat dir bis jetzt am besten gefallen?

Die heuer sehr erfolgreiche Teilnahme unserer Abteilung an der INDIGO 2015 in Paris. Die Indigo ist Teil der Modemesse Première Vision Pluriel. Dort zeigen 150 bis 180 Studios ihre neuesten Designs für Oberbekleidung. Zu finden sind Stoffdesigns für Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, Wäsche, Badebekleidung, Sportbekleidung und Accessoires. 15.000 EinkäuferInnen aus 110 Ländern kommen, um neue Designs für Ihr Label, beispielsweise Adidas, Alexander McQueen, C&A, Louis Vuitton, etc. zu finden. Speziell der Messebereich Indigo ist für Universitäten und deren Textil-Studenten von großer Bedeutung. Dort bekommen sie die Möglichkeit, ganz experimentelle Kollektionen zu erstellen, zu präsentieren und Kontakte für Praktika und mögliche Jobs zu knüpfen.

Studierst du das Lehramt als Absicherung oder aus Passion?

Beides trifft zu. Natürlich erachte ich eine pädagogische Ausbildung als sehr wertvoll in meinem zukünftigen Designberuf. Ich sehe sie als feste Plattform und Erweiterung meines freien Textilstudiums. Im Laufe der Jahre kristallisierte sich eindeutig der Wunsch heraus, mein bereits angeeignetes Wissen weiterzugeben und zu lehren. Speziell bei der Sommerakademie im Kunst Werk Lienz/ Dölsach durfte ich bereits bei dem Kurs „Kunst & Mode“ als Assistenz arbeiten und viele interessante Erfahrungen sammeln. So beschloss ich, das Lehramt neben meinem Masterstudium zu beginnen.

Glaubst du, dass es möglich ist, als freischaffende Textildesignerin seinen Lebensunterhalt zu verdienen?

Natürlich ist es ein großer Wunsch von mir, aber gleich nach dem Studium als selbstständige Textildesignerin zu arbeiten ist sehr schwierig. Anfangs fehlen einfach das nötige Kleingeld, eine weitreichende Berufserfahrung und die richtigen Kontakte – welche das Um und Auf in diesem schnelllebigen Business sind. Es wäre daher sinnvoll, sich zuerst bei diversen Designstudios einzuarbeiten, um möglichst viel Erfahrungswerte für die Selbstständigkeit zu sammeln.

Kannst du dir vorstellen in Osttirol zu leben?

Ja, ich möchte unbedingt wieder nach Lienz zurück! Eigentlich wollte ich nie von Osttirol weg, aber meine Ausbildung führte mich in die Großstadt Linz. Dort lernte ich die Vor- und Nachteile dieser Industriestadt kennen. Eine große Verlockung, wenn sich einem enorm viele Möglichkeiten auftun, doch meine Sehnsucht nach dem kleinen Paradies „Osttirol“ ist mir nie verloren gegangen. Natürlich würde ich gerne nach meinen Studienabschlüssen zurückkehren, als Lehrerin unterrichten und nebenbei im Designbereich auf „freelancer“ Basis für eine Textilfirma arbeiten.

Gibt es etwas, das du an Osttirol verändern würdest?

Ich wäre grundlegend für die Abschaffung der diskussionsunfreudigen Streitkultur, zur Schaffung einer allgemeinen Basis für zukünftige Projekte. Zudem keine „Eigenbrodelei“ mehr, sondern aktive Kooperationen, wie zum Beispiel mit der Universität Innsbruck & HTL Lienz zur Grundsteinsetzung von neuen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Außerdem würde ich mir mehr Werbung, Mut und Risikobereitschaft bei innovativen Ideen, vor allem bei der Umsetzung dringendst notwendiger Freizeiteinrichtungen (z.B.: Kletter-, Tennis-, Eventhalle) für Einheimische sowie auch für unsere Touristen wünschen.

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In der Serie „Heimweh?“ entstehen vorerst 50 Porträts von Studentinnen und Studenten aus Osttirol, geschrieben und gezeichnet von Linda Steiner. Unterstützt wird dieses Dolomitenstadt-Projekt von Durst Phototechnik. Außerhalb Osttirols lebende Studierende, aber auch andere junge „Bildungsauswanderer“ können sich per Mail an redaktion@dolomitenstadt.at bei uns melden, wenn sie an diesem Projekt teilnehmen möchten.

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