Tiroler Pionierarbeit der Gemeinwohl-Ökonomie

Umdenken hin zu mehr gemeinschaftlichen Werten zieht auch Osttiroler Unternehmer an.

Manche sagen, es war im Jahr 2010, als die Gemeinwohl-Ökonomie entstanden ist. Andere beziehen sich auf Aristoteles, der schon vor circa 2400 Jahren darauf hingewiesen habe, dass Wirtschaft, die nur auf Gewinn ausgerichtet ist, „widernatürlich“ sei. Fest steht, dass sich vor fünf Jahren ein Dutzend Unternehmer und die Bewegung attac zusammenschlossen, um an neuen wirtschaftlichen Werten zu arbeiten. Daraus ist noch im selben Jahr die Idee zur Gemeinwohl-Ökonomie entstanden. Seitdem hat sich das Konzept international wie national verbreitet – und ist auch in Osttirol nicht mehr ganz neu. Einige lokale Unternehmen haben schon ihr Interesse bekundet, eine sogenannte Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen, ein großer Osttiroler Betrieb ist sogar schon mitten im Prozess. Am 15. April soll die Bezirksgruppe Lienz gegründet werden.

Der Tiroler Controller Manfred Blachfellner mit Gemeinwohl-Initiator Christian Felber und zwei Unterstützern.
Der Tiroler Controller Manfred Blachfellner mit Gemeinwohl-Initiator Christian Felber und zwei Unterstützern.

Welche Personen genau die Gruppe prägen werden, ist noch unklar. Auf jeden Fall zu den Pionieren in Lienz gehören wird Josef Kollnig. Er hat sich schon mehrere Jahre mit der Gemeinwohl-Ökonomie beschäftigt und glaubt daran, dass für Osttirol nicht nur die Idee an sich, sondern insbesondere der Gedanke der Vernetzung von Betrieben und die Kooperation hilfreich sein könnten. Manfred Blachfellner, seit Jahrzehnten im Controlling (inter)nationaler Betriebe tätig und derart von der Gemeinwohl-Ökonomie begeistert, dass er inzwischen selbst zum Entwicklungsteam gehört, dazu: „Im Prinzip ist es so, dass es jede und jeder auch alleine machen könnte, denn es gibt genügend Anleitungen für die Gemeinwohl-Bilanz, aber man kann viel voneinander lernen. Der eine hat hier Erfahrung, der andere dort.“ In Osttirol könne die Zusammenarbeit besonders sinnvoll sein.

Josef Kollnig voller Elan: „Mich interessiert es für mich selbst und für mein Unternehmen, aber ganz besonders gefällt mir die Idee, das nicht alleine zu machen, sondern eine Gruppe mit den gleichen Zielen aufzubauen.“ Die Bezirksgruppe soll gegründet werden, weil es zu umständlich sei, immer zu den Treffen nach Nordtirol zu fahren. Wenn man sich in Osttirol vernetze, bringe das auch gleich regionale Kooperationen mit sich, denn für die Gemeinwohl-Ökonomie läuft es so: Am wichtigsten bewertet wird das Regionale, dann das Ökologische und schließlich gehe es um Gerechtigkeit (Fair Trade).

Der Lienzer Unternehmer Josef Kollnig verfolgt die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie schön länger.
Der Lienzer Unternehmer Josef Kollnig verfolgt die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie schön länger.

Vorbilder für die Umsetzung in Osttirol zeigen sich beim italienischen Nachbarn, denn Südtirol ist besonders aktiv. Während sich in den letzten beiden Jahren in Nordtirol 22 Unternehmen auf die Gemeinwohl-Bilanz eingelassen haben, waren es in Südtirol schon über 100. Sogar einige Gemeinden bilanzieren dort bereits nach diesem System, etwa Laas oder Schlanders, wo die gesamte Region Vinschgau mitmacht und darüber hinaus auch eine Regionalwährung, den Vinschger, eingeführt hat.

In Nordtirol haben bisher einerseits soziale Betriebe im Sinne des Gemeinwohls bilanziert, etwa die Volkshilfe Tirol oder die Lebenshilfe Tirol, aber auch eine Rechtsanwaltskanzlei sowie die Bäckerei BichlBäck oder Sanoll Biokosmetik. Auch die Katholische Kirche hat mit einigen ihrer Betriebe inzwischen großes Interesse angemeldet und wird heuer teilweise nach diesem Modell bilanzieren. Auf Bundesebene könnte im Jahr 2015 noch das Sozialministerium mit einer Abteilung dazukommen sowie in Tirol ein großer Sportveranstalter.

Die ersten Gemeinwohl-Unternehmer, v.l.: Georg Pehm (FH Burgenland), Alfons Graf und Wolfgang Heck (Life Food GmbH), Georg Willeit (Lebenshilfe Tirol), Christian Felber (Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie), Aender Schanck (Oikopolis Gruppe), Heinrich Kronbichler (WBS Training AG), Macus Stadler (satisfy AG)
Die ersten Gemeinwohl-Unternehmer, v.l.: Georg Pehm (FH Burgenland), Alfons Graf und Wolfgang Heck (Life Food GmbH), Georg Willeit (Lebenshilfe Tirol), Christian Felber (Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie), Aender Schanck (Oikopolis Gruppe), Heinrich Kronbichler (WBS Training AG), Macus Stadler (satisfy AG)

Dass Geld, der Umgang mit Gewinn sowie die Orte, wo sich Unternehmen Geld holen, eine große Rolle spielen, hat dazu geführt, dass derzeit die Bank für Gemeinwohl gegründet wird. Statt an Gewinn zu denken, wird dort nach dem Genossenschaftsgedanken gearbeitet. Mehr dazu im aktuellen DOLOMITENSTADT-Magazin.

Zehn Eckpunkte gibt es für die Gemeinwohl-Ökonomie, einer davon braucht den Staat, denn die besonders positiven Betriebe sollen steuerliche und rechtliche Vorteile erhalten, leichter an Kredite kommen und öffentliche Aufträge erhalten. Das könnte neben dem Image-Effekt auch ein Grund zum Mitmachen sein. Die meisten der zehn Punkte hingegen beinhalten Worte wie Menschenwürde, ökologische Verantwortung oder „ein gutes Leben für alle“. Dass das Konzept dennoch nicht naiv ist, zeigt die Matrix, die für die Bilanzierung angewandt wird, ein Punktesystem, das genau vorgibt, was wie zu bewerten ist. Interessanter als die Bilanz an sich findet Blachfellner ohnehin das, was die Auseinandersetzung bewirke, etwa die Umstellungen, auf die sich Betriebe im Zuge dessen einließen: Welche Lieferanten hat man, wie geht man mit seinen Mitarbeitern um und wie sieht man seine Kunden? Woher bezieht man den Strom, wie verpackt man seine Ware und nach welchem System erfolgt die Entlohnung? Allein darüber nachzudenken, kann schon Änderungen bewirken.

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powerbaeuerin vor 3 Jahren

...sollte funktionieren :-) Ein dickes BRAVO den Wegbereitern! ...und auch diesem Medium für die Berichterstattung :-)