Ich beginne unser System zu verstehen

Jusstudent Paul Zinell macht sich Gedanken über Recht und Gerechtigkeit in Österreich.

Das ist die 35. Folge der Interview-Serie “Heimweh?” Im Introvideo zur Serie erfahren Sie mehr. Unser heutiger Gesprächspartner ist Paul Zinell, 22 Jahre, aus Lienz.

Paul Zinell, porträtiert von Linda Steiner.
Paul Zinell, porträtiert von Linda Steiner.

Erzähl mal, was du machst!

Zurzeit lebe ich in Graz und studiere dort Jus im sechsten Semester.

Warum hast du dich für Jus entschieden?

Als ich zu studieren begann, war ich noch unsicher, was ich machen wollte. Einer der Hauptfaktoren, warum ich mich dann für Jus entschieden habe war, dass sich damit viele Türen öffnen. Außerdem beginne ich durch das Studium langsam zu verstehen, wie unser System und der Staat, in dem wir leben, funktionieren.

Was denkst du nun über unseren Staat beziehungsweise unser System?

Auf der einen Seite hat das System einem großen Teil der Bevölkerung zu einem nie da gewesenen Wohlstand verholfen. Darüberhinaus schätze ich mich glücklich, in einem demokratischen und funktionierenden Rechtsstaat leben zu dürfen, wo momentan kein Krieg herrscht und der doch recht große Sicherheit bietet. Auf der anderen Seite ist Österreich aber auch nicht frei von Ungerechtigkeit. Eine doch beträchtliche Anzahl von Österreichern und Österreicherinnen lebt an der Armutsgrenze und auch Diskriminierungen sind keine Seltenheit. Ein großer Teil unseres Wohlstandes lässt sich auch darauf zurückführen, dass Menschen und Länder rund um den Globus ausgebeutet werden. Somit wäre mehr Menschlichkeit im System wünschenswert. Der Kuchen ist meiner Meinung nach groß genug, es stellt sich bloß die Frage, wie er verteilt werden soll.

Willst du mit deiner Ausbildung irgendwann gegen diese Ungerechtigkeiten vorgehen?

Über das wie und was habe ich mir jetzt noch nicht so viele Gedanken gemacht. Es gibt jedoch zahlreiche staatliche und nicht-staatliche Organisationen, die in diese Richtung arbeiten.

Konntest du auch schon praktische Erfahrungen sammeln?

Beim Gericht in Lienz konnte ich im Rahmen der Rechtshörerschaft einen spannenden Einblick in den Alltag bekommen. Letztes Jahr war ich in Frankreich bei einer Konsumentenschutzorganisation tätig.

Du kennst die Situation im Ausland wie auch die zu Hause. Wäre es für dich eine realistische Option, wieder nach Osttirol zu kommen?

Es ist sicher nicht ausgeschlossen, aber zurzeit bin ich mehr darauf konzentriert, wo ich gerade bin. Wohin der Weg dann gehen wird, wird sich weisen.

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In der Serie „Heimweh?“ entstehen vorerst 50 Porträts von Studentinnen und Studenten aus Osttirol, geschrieben und gezeichnet von Linda Steiner. Unterstützt wird dieses Dolomitenstadt-Projekt von Durst Phototechnik. Außerhalb Osttirols lebende Studierende, aber auch andere junge „Bildungsauswanderer“ können sich per Mail an redaktion@dolomitenstadt.at bei uns melden, wenn sie an diesem Projekt teilnehmen möchten.

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