Ich will meinen Weg mit einem Lächeln gehen

Auslandszivildiener Mauricio Gamper arbeitet mit Kindern in Ecuador.

Das ist die 42. Folge der Interview-Serie “Heimweh?” Im Introvideo zur Serie erfahren Sie mehr. Unser heutiger Gesprächspartner ist Mauricio Gamper, 22 Jahre, aus Lienz.

Mauricio Gamper, porträtiert von Linda Steiner.
Mauricio Gamper, porträtiert von Linda Steiner.

Erzähl mal was du so machst!

Ich mache meinen Zivilersatzdienst im Ausland in einem Projekt für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Im wunderschönen Ort Mindo mitten im Nebelwald von Ecuador helfe ich gemeinsam mit zwei weiteren Volontären, das Ganze am Laufen zu halten. Dazu gehören die alltäglichen Aufgaben, wie Wäsche waschen, den Essbereich der Kinder herzurichten oder zu schauen, dass sie sich die Zähne putzen.
Jeden Nachmittag haben die Kinder eine zweistündige „Tutoria“, in der sie Unterstützung bei den Hausaufgaben erhalten und Spiele spielen, alles nach Montessori. Auch wir Volontäre haben diese Möglichkeit der freien Entfaltung, so arbeite ich derzeit am spielerischen Aufbau des Englischunterrichts, bringe mich in der Küche ein, freue mich, in Zukunft den Gitarrenunterricht zu übernehmen und bemühe mich, den Kindern hier den freien und kreativen Raum zu bieten, den sie zwischen Schule und Elternhaus dringend benötigen.

Wie bist du dazu gekommen?

Es begann alles auf einer Party in Wien. Damals lernte ich Michael, einen ehemaligen Auslandszivildiener kennen, der mir von seinem Einsatz in einer Tropenstation in Kambodscha erzählte und mich davon überzeugte, diesen Schritt zu wagen. Man muss zuerst den Zivildienstbescheid einreichen, sich danach zum Auslandszivildienst melden und anschließend eine Organisation sowie ein passendes Projekt finden. Motiviert durch mein Interesse für andere Länder und Kulturen, insbesondere für Lateinamerika, gelang es mir, die typisch österreichische Bürokratie zu überwinden und heute hier zu sein.

Was magst du an deiner Arbeit am liebsten?

Das ist schwer zu beantworten, da mir alles irgendwie gefällt. Das mir entgegen gebrachte Vertrauen und die Selbständigkeit sind mir im Arbeitsalltag wichtig. Am beeindruckendsten für mich ist die offene Herzlichkeit, Begeisterungsfähigkeit und Zufriedenheit der Kinder!
Nach meiner letztjährigen Arbeit als Schilehrer, als ich das Vergnügen hatte, einige Erfahrung mit Kindern zu sammeln, ist es unglaublich, das zu erleben. Wie groß die Freude über eine Guayaba (eine Frucht, die hier – vergleichbar mit den Äpfeln in Osttirol – an jeder Ecke wächst) sein kann, durfte ich bereits lernen. Zu teilen, wenn nicht genug für alle da ist, wird ebenfalls selten abgelehnt. Mittlerweile kann ich nicht mehr durchs Dorf gehen, ohne von einem Haufen Kinder begrüßt zu werden. Abstand oder persönliche Grenzen, die wir in Österreich gewohnt sind, sind mit der hier vorherrschenden Offenheit schwer vereinbar und daher weitgehend unbekannt. Sich daran zu gewöhnen war nicht schwer und bereichert mein Leben ungemein!

Möchtest du später weiter im Sozialbereich arbeiten?

Dazu gibt es ein klares Jein! Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft mit Kindern zu arbeiten – am liebsten in Bereichen, in denen ich ihnen etwas beibringen kann, das sie auch interessiert. Es wäre schön dazu beizutragen, die Umstände von Menschen, die nicht so privilegiert sind wie ich und nicht wie ich aus einem reichen und sicheren Land, mit Schulbildung, Fremdsprachen und einem Reisepass kommen, zu verbessern. Mein großes persönliches Ziel liegt momentan darin, die Welt zu bereisen, vorerst nach meinem Einsatz hier in Lateinamerika. Ich möchte meinen bescheidenen Unterhalt dafür verdienen und mich persönlich entwickeln. Auch glaube ich, dass es möglich ist, meinen Weg mit einem Lächeln zu beschreiten und zu versuchen, das Leben meiner Mitmenschen zu bereichern. Aber wer weiß schon, was das Leben bringt …

Hast du noch einen starken Bezug zu deiner Heimat?

Selbstverständlich! Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr in Osttirol aufgewachsen, habe dort meine Familie, einige gute Freunde (auch wenn viele mittlerweile auswärts studieren). Dafür bin ich sehr dankbar. Auch habe ich eine „Basis“ mit einer Lebensqualität, die ihresgleichen sucht. Selbst wenn Osttirol in den Augen vieler „Junger“ nicht viele Möglichkeiten bietet, bin ich froh um die Ruhe und Gelassenheit und dass die Zeit hier noch nicht rasen muss. Außerdem darf ich ganz ehrlich zugeben, dass mir im Nebelwald wenig so sehr fehlt wie der frische, weiche Tiefschnee, meine Schi und die Osttiroler Berge.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder in Osttirol zu leben?

Leben bedeutet in meinen Augen, an einem Ort zu sein, an dem es mir gefällt und wo ich nicht das Gefühl habe, ich sollte ganz woanders sein. In diesem Sinne kann ich getrost sagen: ja! Ich freue mich darauf, wieder Zeit in Osttirol zu verbringen, vielleicht auch wieder hier zu arbeiten, um das global gesehen einmalige Einkommens- und Lebensniveau zu genießen. Auch für Kinder, die Gesundheit von Körper und Seele, den Kontakt mit alten Freunden finde ich Osttirol großartig. Allerdings alles zu seiner Zeit. Momentan gefällt es mir hier, in meiner Hängematte im Holzhaus, ganz gut!

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In der Serie „Heimweh?“ entstehen vorerst 50 Porträts von Studentinnen und Studenten aus Osttirol, geschrieben und gezeichnet von Linda Steiner. Unterstützt wird dieses Dolomitenstadt-Projekt von Durst Phototechnik. Außerhalb Osttirols lebende Studierende, aber auch andere junge „Bildungsauswanderer“ können sich per Mail an redaktion@dolomitenstadt.at bei uns melden, wenn sie an diesem Projekt teilnehmen möchten.

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