Scharenweise verlassen meine Kollegen Österreich

Sebastian Rapf hat gerade sein Medizinstudium in Graz beendet.

Das ist die 45. Folge der Interview-Serie “Heimweh?” Im Introvideo zur Serie erfahren Sie mehr. Unser heutiger Gesprächspartner ist Sebastian Rapf, 25 Jahre, aus Lienz.

Sebastian Rapf, porträtiert von Linda Steiner.
Sebastian Rapf, porträtiert von Linda Steiner.

Erzähl mal, was du machst!

Ich hab bis vor rund 25 Tagen Medizin in Graz studiert und bin nun fertig mit dem Studium. Studiert habe ich seit sechs Jahren und nun habe ich vor, den neuen Turnus – auf schön Neudeutsch Common Trunk, der rund neun Monate dauert, in Graz zu absolvieren. Ich mache ihn dort, weil ich nicht weiß, wo ich genau hin möchte und weil noch viele Freunde von mir in Graz sind.

Warum hast du dich für ein Medizinstudium entschieden?

Eigentlich wollte ich zuerst Archäologie oder Biologie studieren. Aber nach dem Archäologiestudium kann man gleich mit dem Betteln anfangen, denn die Jobchancen sind sehr schlecht. Der Nachteil von Biologie ist der, dass man mit großer Wahrscheinlichkeit in die Forschung muss und unter stetigem Forscherdrang steht – mit zusätzlich schlechter Bezahlung. Daher habe ich mich für Medizin entschieden. Auch die Familievorgeschichte hat bei meiner Entscheidung eine große Rolle gespielt.

Sechs Jahre sind Mindeststudienzeit oder? Hast du sehr viel Zeit für das Lernen aufgewendet?

Jein. Die ersten zwei Jahre, wo einem das Basiswissen beigebracht wird, sind schon anstrengend. Danach muss ich gestehen, ist unser Studium nicht mehr schwer, denn dank den modernen und allseits beliebten Multiple-Choice-Tests ist man fast gezwungen, die Altfragen zu lernen. Ohne sie würde man den Test nie bestehen. Egal wie viel man lernt. Daher sind die letzten drei Jahre viel leichter und im letzten Jahr arbeitet man im Krankenhaus oder in verschiedenen privaten Praxen. Anfangs man muss sich Monat für Monat, Prüfung für Prüfung, durcharbeiten und weiterhangeln. In den letzten Jahren bleibt es einem selbst überlassen, wie viel man in ein Thema Zeit zum Lernen investiert.

Wie waren deine Erfahrungen in der Praxiszeit?

Wechselhaft. Zu meiner Zeit mussten die Ärzte Blut abnehmen, Leitung legen, ja sogar Infusionen anhängen. Als Anfänger mussten wir diese Aufgabe manchmal den ganzen Tag über erledigen und konnten dabei nichts für unseren späteren Beruf lernen. Jetzt ist das Aufgabe der Pflege. Es kommt auch sehr darauf an, mit welchen Ärzten man zu tun hat. Welche Station, welches Fach – viele Faktoren spielen mit. Also wie gesagt. Manchmal habe ich sehr gute und manchmal auch sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Gibt es einen Bereich, der dich besonders interessiert?

Am meisten interessiert mich die Interne und danach Infektiologie.

Du hast am Anfang erwähnt, dass du dir noch nicht sicher bist, wohin du gehen möchtest. Wäre es eine Option für dich im Ausland zu arbeiten?

Leider ja.

Warum leider?

Österreichische Ärzte werden, im Vergleich zu unseren Nachbarn im Norden und Westen, schlechter bezahlt und die Arbeitsbedingungen sind meistens auch schwieriger. Leider in dem Sinne, dass ich eigentlich nicht wegziehen will,. Aber wie man vielleicht schon aus der Zeitung erfahren hat, bin ich mit dieser Meinung nicht allein. Scharenweise verlassen meine KollegInnen Österreich.

Dann ist die Chance, dass du nach Osttirol zurückkehren wirst, wohl ziemlich gering?

Das weiß ich wirklich nicht. Einerseits gibt es den Fachbereich Infektiologie, falls ich mich dahin entwickeln möchte, im BKH nicht und wenn die Arbeitsbedingungen wirklich so schlecht sind, wie viele meine arbeitenden Kollegen behaupten, dann ist die Chance gering.

Andererseits bin ich hier aufgewachsen und wie schon fast alle meine interviewten Vorgänger liebe ich die Natur und die Sportmöglichkeiten hier. Auch das Temperament der Osttiroler bringt einen immer wieder mal zum Schmunzeln. Meine Schwester hat auch behauptet, dass sie nie nach Osttirol zurückkehren wird und jetzt baut sie sogar ein Haus hier und arbeitet nun auch in Osttirol. Mal schauen, was die Zukunft so bringt.

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In der Serie „Heimweh?“ entstehen vorerst 50 Porträts von Studentinnen und Studenten aus Osttirol, geschrieben und gezeichnet von Linda Steiner. Unterstützt wird dieses Dolomitenstadt-Projekt von Durst Phototechnik. Am 11. September wird der erste Durchgang dieser Serie mit einem „Heimweh-Fest“ in Lienz beendet. 

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