„Es hat einfach Spaß gemacht.“

Elfie Greiter erzählt vom Freiwilligenprojekt „Zeit und Sinn schenken“.

Manche Geschichten entstehen von selbst. Sie werden angeregt von einem Wort, einem nebenbei gesagten Satz, manchmal auch vom Schicksal quasi serviert, ohne dass man sagen könnte, wie genau es dazu gekommen ist. In den letzten Wochen erreichen uns bei Dolomitenstadt immer wieder solche Geschichten, insbesondere in Zusammenhang mit Flüchtlingen. Etwa die Geschichte von Anni und Günther Bachlechner, die wie aus heiterem Himmel von ihrer Tochter mit der Idee „überfallen“ wurden, zwei Flüchtlinge bei sich aufzunehmen und dies auch taten; oder eine Geschichte, die uns von Elfie Greiter aus der Neuen Mittelschule Egger-Lienz zugetragen worden ist. Sie begann ihre Erzählung so: „Osttirol ist zwar sehr klein, aber in vielem auch sehr groß(artig). Eine kleine/große hiesige Lienzer/Osttiroler Weihnachts- oder Adventgeschichte ist schnell erzählt und zeigt: WIR Osttiroler haben Herz und sehen/wahrnehmen/fühlen/tun …“

Ein Projekt will Flüchtlingen "Zeit und Sinn" schenken. Rasch stellte sich heraus, dass es auch Sinn für die Einheimischen bewirkt. Fotos: Elfie Greiter
Ein Projekt will Flüchtlingen „Zeit und Sinn“ schenken. Rasch stellte sich heraus, dass es auch Sinn für die Einheimischen bewirkt. Fotos: Elfie Greiter

Folgendes trug sich zu:
An der Neuen Mittelschule Egger-Lienz gehen – wie an anderen Schulen auch – Flüchtlingskinder in die Schule. Ganz selten, manchmal unvermutet, erfahren die einheimischen Kinder dadurch von deren Schicksal. So erzählt Mohammad eines Tages, warum er seine Mutter und seine Geschwister seit vier Monaten nicht mehr gesehen hat. Er ist alleine mit seinem Vater geflohen. Mohammad erzählt auch vom Leben in der Angerburg, einer irgendwann hoffentlich funktionierenden Familienzusammenführung und dem Wissen, eine neue Heimat gefunden zu haben: in Virgen.

Die Geschichte berührt – nicht nur die Schüler. Daraus entsteht der Wunsch, zu helfen. So entwickelt sich eine Idee und daraus wiederum ein Projekt: „Zeit und Sinn schenken“ – jeden Nachmittag: 2 x 50 Minuten gegen die Hoffnungslosigkeit, die Eintönigkeit des Wartens und gegen die Leere von 24 Stunden ohne Arbeit und häufig ohne Familie. Mit der Zeit entsteht ein Stundenplan für alleinstehende Männer aus Syrien, die schon drei bis sechs Monate in Österreich sind. Am Ende soll es ein Zertifikat geben, das Integrationswillen bezeugt. Lehrer und andere Engagierte melden sich, von der Schuldirektion, der Stadtgemeinde, den Lienzer Bergbahnen aber auch von eigentlich Unbeteiligten kommt Unterstützung. Carmen Korber begleitet das Projekt mit einer Feldforschung an der Karl-Franzens-Universität Graz.

An diesem Punkt der Erzählung zitiert Elfie Greiter die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch: „Ich glaube, dass die Menschheit nur durch Mitgefühl überleben kann.“ Und die Osttirolerin fügt hinzu: „Letztendlich beweist sich Menschlichkeit nicht durch Worte, vielmehr durch Tun.“ Dies beweisen die Osttiroler mit ihrem Projekt. Bernadette Tagger aus Leisach, Schafbäuerin, sagt: „Sie soll’n warme Hax’n haben. Ich werd‘ mit ihnen Patschn filz’n und die Wolle übernimm ich.“ Bahaeddin Albadawi, ursprünglich selbst Flüchtling und inzwischen in der Angerburg angestellt, weiß, was gebraucht wird und wie man die Neuangekommenen zum Mitmachen animieren kann. Auch die Flüchtlinge selbst helfen bei der Organisation mit. Hamse, aus der 3s-Klasse der NMS Egger-Lienz, übersetzt den Stundenplan ins Arabische, damit ihn alle verstehen können. Er bittet, dass sein Bruder mitmachen kann. Andere melden sich ebenfalls. So wird Deutsch gelernt und einiges miteinander unternommen, unter anderem steht Eislaufen auf dem Programm.

Aller Anfang ist schwer – auch beim Eislaufen, doch Spaß machte der gemeinsame Versuch trotzdem.
Aller Anfang ist schwer – auch beim Eislaufen, doch Spaß machte der gemeinsame Versuch trotzdem.

Elfie Greiter fasst das Ganze so zusammen: „Als wir vier KollegInnen die 22 Asylwerber nach ihrem ersten Eislaufen zufrieden und müde wahrnehmen durften, mit ihnen im Anschluss alkoholfreien Punsch und Lebkuchen genossen und sich kleine Gespräche entwickelten, erklärten wir spontan und einhellig: Wir sind wieder dabei, wenn es noch so eine Outdoor-Aktion gibt. Es hat einfach Spaß gemacht.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Das ist Glück oder Zufall und eine Chance, dass wir Menschen aus einem anderen Kulturkreis ganz natürlich erleben durften und dabei keine Angst vor dem Fremden erfahren haben. Mögen wir diese Erfahrung noch mit vielen Einheimischen teilen.“

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