Geschmackspolizei für Wohnträume in Pastell

„Pleasantville Mienekugel“ – zu schön um wahr zu sein!

Es gibt ein paar Dinge, die man in der künftigen Einfamilienhaus-Siedlung an der Lienzer Zettersfeldstraße in der sogenannten Mienekugel nicht tun sollte. Zum Beispiel zu tief in den Farbtopf greifen, sein Flachdach begrünen, einen Alu-Zaun errichten oder sich scheiden lassen und das Haus verkaufen. Pleite gehen ist auch nicht gut.

Bei der Gemeinderatssitzung am 11. Februar wurden die letzten von insgesamt 22 Parzellen an fünf Bauwerber vergeben und die entsprechende Widmung für das Grundstück der neuen Siedlung abgesegnet.

Auch in den dick umrandeten Parzellen klebt ein PostIt-Zettelchen. Die letzten fünf Bauplätze in der Mienekugel wurden vergeben. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner
Auch in den dick umrandeten Parzellen klebt ein Post-it-Zettelchen. Die letzten fünf Bauplätze in der Mienekugel wurden vergeben. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Es wurden aber auch Richtlinien publik gemacht, die für die künftigen Bauherren und -frauen in der Mienekugel verbindlich sind und tief in die Denkschablonen eines kleinstädtischen Bauausschusses blicken lassen. Statt auf verdichteten Wohnbau zu setzen, forcierte vor allem die ÖVP den Bau von Einfamilienhäuschen auf einem Acker im Osten der Stadt. „Für junge Leute, die bereits den Spaten in der Hand haben“, formulierte Vizebürgermeister Meinhard Pargger in überschwenglicher Vorwahlrhetorik bei der Gemeinderatssitzung.

Nur gut, dass die jungen Leute nicht den Pinsel in der Hand haben – und womöglich an Geschmacksverwirrung leiden. Über Geschmack darf man in der Mienekugel nämlich nicht streiten. Den hat man. Nein, nicht den eigenen, sondern den kollektiven Bauausschussgeschmack, was ein wenig wie eine ästhetische Drohung klingt.

Neben der Gebäudehöhe von maximal 8,5 Metern, der Vorgabe von zwei oberirdischen Stockwerken und der Ausrichtung des Giebels werden den künftigen Siedlern per Vertrag „Pastellfarben“ für die Fassade des geliebten Eigenheimes ans Herz gelegt. In der Kategorie „Lightness hell“, Buntheit C1 oder C2. Somit hat Lienz jetzt eine Buntheitsverordnung. Wie hübsch! Man will, so Bauausschuss-Obmann Stephan Tagger, kein „Farbkastl“ und schon gar keine „Blaue Lagune“. Also eine hellblaue Lagune?

Die Lienzer Geschmackspolizisten haben offenbar die Trends erkannt. Das Pantone-Institut – die Instanz in Sachen Farbe – kürte nämlich „Rose Quartz“ und „Serenity“ zu den Modefarben des Jahres 2016. Originaltext: „Im Prinzip handelt es sich dabei um Baby-Rosa („Rose Quartz“) und Baby-Blau (Serenity), also zwei Pastellfarben.“ Na dann hoffen wir auf reichlich Nachwuchs in der neuen Siedlung!

Doch damit nicht genug. Kein Alu oder Plastik für den Zaun, ist doch klar. Beim Dach kann man sich austoben, wenn die Himmelsrichtung stimmt. Die ist festgelegt, damit die Häuschen in Reih und Glied stehen. Flachdach? Geht, aber nicht begrünt, sondern nur mit Kies. Walmdach oder klassischer Giebel? Kein Problem, aber dunkel gedeckt wäre recht und auf keinen Fall darf sich was spiegeln. Oje. Das könnte Stress mit der geplanten Photovoltaik-Anlage geben.

Foto: Pleasantville, 1998 (New Line Cinema)
Foto: Pleasantville, 1998 (New Line Cinema)

Hier wird ein Masterplan sichtbar! In der Mienekugel entsteht offenbar ein neues Pleasantville (ein richtig guter Film!) – von unseren politischen Visionären auf dem Reißbrett der Zukunft entwickelt – eine kleine Welt aus Pastelltönen, besiedelt von Menschen, die perfekt zueinander und zu den Vorstellungen der Kleinstadt-Politiker passen.

Idealerweise sind diese Leute nicht weit gereist, sondern kommen aus Lienz (eines der Vergabekriterien!) und sind eingefleischte Dolomitenstädter. Denn laut Vorschrift müssen sie hier wohl oder übel auch bleiben. Zehn Jahre muss der Mienekugel-Siedler Wurzeln schlagen, der Hausverkauf ist so lange verboten. Nur triftige Abwanderungsgründe werden anerkannt. Die Farbe des Nachbarhauses zählt nicht dazu.

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7 Postings bisher
senf vor 2 Jahren

nette bevormundung des (övp-donminierten) bauauschusses der stadt lienz an die häusslbauer. sogar die gibelrichtung und die hausfarbgebung u. a. wird nun vorgeschrieben. solar grüßt! könnt ihr euch an den arch-wettbewerb erinnern? wer kam denn da zum zug? (auszug aus anderen beitrag) so ist das nun einmal in lienz. frin@ du has recht, vor allem im letzten absatz. die frage stellt sich, wie man das dann alles exekutieren will. tirolweit hat man die bauordnung liberalisiert, architektur, gestaltung soll ja frei bleiben, man hat sich bei der novelle auf das nachbarschaftsrecht konzenriert. in lienz geht man einen anderen weg. ein sonderbares machtgehabe und man meint dort immer noch, der bürger sei unmündig. ist mein eindruck jedenfalls. wir lienzer????

frin vor 2 Jahren

Kann mir jemand erklären wieso man sich dort ein Grundstück kauft?

Die Preise waren ja nicht gerade ein Schnäppchen, man hat gleichzeitig noch zig andere Menschen um sich herum inkl. Wohnblock und die Hauptstraße ist auch nur ein paar Meter weit weg - entspanntes wohnen sieht für mich etwas anders aus.

Jetzt liest man hier das man sich noch an zig Vorgaben halten muss, nicht einmal so Kleinigkeiten wie die Farbe, oder Zaunmaterial darf man auf seinem eigenen Grund bestimmen und man wird mit einem Knebelvertrag 10 Jahre gewurzelt --> Jobwechsel, Scheidung usw. spielen wohl bei einigen keine große Rolle.

chiller336 vor 2 Jahren

@ boarium .... bild herauskopieren dann kannst vergrössern - und alle namen lesen grins .... wobei ich, wenn ich einer der auserwählten wäre - nicht heiss drauf wäre, dass hinz und kunz auf dolomitenstadt sehen kann wo ich (bzw wer sonst aller) wohne/wohnt ;)

boarium vor 2 Jahren

@lz9900 Erstmal: Gratulation. Dann: Musst ein Adlerauge oder gute Auflösung haben, ich kann grad kaum einen Namen entziffern. ;) Weiters: Ob man die glücklichen Bauwerber als Medium einfach so veröffentlichen soll, finde ich grundsätzlich überlegenswert. Und schließlich: ohne eine Ahnung über den Ablauf zu haben - GR-Sitzung war Donnerstag Abend. Selbst, wenn die schriftliche Benachrichtigung auf Grund der abendlichen Beschlüsse noch am Freitag Vormittag weitergeleitet, verfasst, unterzeichnet und in die Post gekommen ist, könnte sie dich erst frühestens Montag erreichen. Eher wohl später. Aber ich versteh dich, ist wohl ein bisserl wie Weihnachten, ich will auch immer gleich die Geschenke öffnen :-P Darum: viel Spaß bei der Vorfreude!

LZ9900 vor 2 Jahren

Ich finde das komisch. Habe mich auch beworben, von der Stadt aber keine Antwort bis heute. Und jetzt sehe ich meinen Namen hier auf Dolomitenstadt?

Sehr interessant.

skepsis vor 2 Jahren

Verrückt, dass man da überhaupt bauen läßt. Somit ist die Türe offen, dass man sich auch dort weiter ausbreitet und somit noch mehr Felder zubetoniert. Aber was will man von dieser Politik mehr erwarten, es zählt nur der schnelle Rubel, damit die ("sozialschwachen") aber wohl doch privilegierten, wahrscheinlich doch nicht schlecht betuchten jetzt dort hin bauen können. Alles in Reih und Glied und womöglich unifarben, ähnlich wie es in den USA überall aussieht. Und Photovoltaik oder Solar darf auch nicht spiegeln. Also wenn das ein Projekt für die Zukunft sein soll, dann gute Nacht. Der Ölpreis wär momentan recht günstig, offenbar soll man somit besser auf dieses Heizsystem setzen, oder hat man zumindest hier (sinnvollerweise) auch Regeln aufgestellt? Jedem armen Lienzer sein Häuschen, na mal schauen, wie lange dann noch Grund und Boden zur Verfügung stehen wird...schon eigenartig, dass es auch noch Menschen gibt, die in Wohnungen überleben können...

Aspasia vor 2 Jahren

Wahnsinn! Wieso nicht gleich Baupläne vorgeben und eine kleine nette Siedlung à la "Desperate Housewives" bauen, nur halt im Osttiroler Stil? Ob man sich mit solchen Vorhaben wirklich Wählerstimmen holt? Also meine mal sicher nicht?