"Potschepol" nennen die Einheimischen dieses Hochplateau, das ein uralter Kraftplatz ist. Über dem Wasserfall sieht man die 3.053 Meter hohe Alkuser Rotspitze. Fotos: Dolomitenstadt/Gander

"Potschepol" nennen die Einheimischen dieses Hochplateau, das ein uralter Kraftplatz ist. Über dem Wasserfall sieht man die 3.053 Meter hohe Alkuser Rotspitze. Fotos: Dolomitenstadt/Gander

Potschepol – der schönste Arbeitsplatz der Welt

Warum ein Professor und drei Taucher auf 2.285 Metern Seehöhe besten Wodka trinken.

Jeder, der zumindest einmal den idyllischen „Potschepol“ – eine von einem mäandrierenden glasklaren Bach durchzogene Hochebene – durchschreitet, die Kar-Schwelle überwindet und plötzlich den tiefblauen Alkuser See vor sich sieht, spürt es: das ist ein magischer Ort.

Schon vor Jahrzehnten hat der in Lienz praktizierende Arzt Sebastian Mühlburger im Bereich des Alkuser Sees eine beschriftete römische Steinplatte entdeckt und nahe des Fundortes versteckt. Erst viele Jahre später, im Jahr 2003 erfuhr der gebürtige Lienzer und Leiter des Instituts für Achäologien in Innsbruck, Harald Stadler, bei einem zufälligen Arztbesuch von diesem hochspannenden Relikt aus der Römerzeit.

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Cornelia Klocker und Elias Flatscher arbeiten im Team von Professor Stadler am Alkuser See.

2006 war es dann soweit: Unter der Leitung von Stadler startete die erste Grabungskampagne rund um den Potschepol. Seitdem sind der Professor und seine Mitarbeiter jedes Jahr zwei Wochen lang an diesem magischen Ort, um wenigstens einige seiner Geheimnisse zu lüften. Inzwischen steht fest, dass es sich beim Potschepol und dem Areal um den Alkuser See um ein besonders geschichtsträchtiges Terrain handelt. Die Gemeinde Ainet zählt heute zu den Hotspots der Hochgebirgsforschung in Österreich.

Zutage kamen u.a. Funde aus der frühen Bronzezeit, wie eine Bronzedolchklinge, vorgeschichtliche Keramik, Kristalle, eine verziegelte Feuerstelle und Holzkohlereste, römische Schmuckstücke, Waffen, zahlreiche Hufeisen bis hin zu interessanten und amüsanten Funden aus jüngerer Zeit.

Diese archäologischen Ausgrabungen und die Entdeckung von Hirtenunterständen und Viehpferchen sind für Harald Stadler der Beweis, dass dieses Gebiet seit Jahrtausenden begangen, genutzt und wahrscheinlich auch beweidet wurde.

Besonders spannend sind die zwei nachgewiesenen römischen Brandopferplätze aus dem 1. bis 4. Jahrhundert, einer am Potschepol und einer nahe am Ufer des Alkuser Sees, letzterer interessanterweise genau an der Stelle, wo in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein steinerner Altar errichtet wurde. Also genau dort, wo inzwischen so manche katholische Messe gefeiert wurde, haben schon vor 2.000 Jahren unsere Vorfahren Wertvolles, wie Tiere – oder zumindest deren Knochen – oder Schmuck, zur Huldigung ihrer Götter dem Feuer überlassen.

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Markus und Hoshyar – hier vor dem Gipfelkreuz über dem Alkuser See – sind „Sondengeher“, die mit Metalldetektoren nach Wertvollem suchen. Hoshyar stammt aus Syrien und hilft bei den Arbeiten im Hochgebirge.

In den vergangenen Wochen war Harald Stadler mit einem zehnköpfigen Team, bestehend aus den örtlichen Grabungsassistenten Cornelia Klocker und Elias Flatscher, Archäologiestudenten und freien Mitarbeitern wieder vor Ort. Allein in den letzten Tagen wurden beim See mehrere Bronzefibeln (sprich: Broschen), ein Bergkristall und verbrannte Tierknochen in nur fünf bis sieben Zentimetern Tiefe geborgen. Die Entstehung von einem Zentimeter Humus dauert in dieser Höhe übrigen tausend Jahre!

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Hans, Manfred und Florian (von links) tauchen nach Schätzen im 50 Meter tiefen und wenige Meter unter der Oberfläche nur noch vier Grad „warmen“ Bergsee.

Ziel der Grabungskampagne dieses Jahr, zum 10-Jahre-Jubiläum, ist die archäologische Erschließung eines Opferplatzes am und auch im Alkuser See. Im See selbst wird nämlich auch so mancher Schatz vermutet. Sehr tiefe Seen – der Alkuser See zählt mit fast 50 Metern zu den tiefsten Tirols – hatten immer eine besondere Anziehungskraft. Man wollte Tellus, Ceres und andere Erdgöttinnen und -götter mit Opfern gnädig stimmen. Außerdem befanden sich früher mit dem Alkuser See, dem Gutenbrunn und dem ehemaligen See am Potschepol drei Gewässer in unmittelbarer Nähe. Und die Dreizahl – die Trias – hatte schon damals eine besondere religiöse Bedeutung.

Manfred, Florian und Hans von der Wasserrettung Osttirol sind den Geheimnissen im eiskalten Wasser – ab wenigen Metern Tiefe beträgt die Wassertemperatur vier Grad Celsius! – auf der Spur.

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Harald Stadler (Mitte) erzählt von spannenden Orten und erstaunlichen wissenschaftlichen Taten.

„Alles ist möglich,“ meint Harald Stadler mit glänzenden Augen. Beim abendlichen Lagerfeuer unter Millionen von glitzernden Sternen erzählt der Universitätsprofessor spannende und heitere Geschichten aus dem Leben eines Archäologen. Vom Fluch des Pharao in Ägypten, seinen Grabungen und Ausstellungen an den faszinierendsten Plätzen der Erde und  – Harald Stadler ist auch Obmann des Kosakenvereins Lienz – von abenteuerlichen Reisen nach Russland. Aber für ihn steht fest: „Für mich ist das hier der schönste Arbeitsplatz der ganzen Welt!“

Wer nun selber Schatzsucher werden möchte, sollte dies auf legalem Wege tun und sich beim Geocaching versuchen. Was das ist und wie es funktioniert erfährt man am besten aus unserem Magazin hier zum Nachlesen.

Ach ja, der russische Wodka! Nur für ganz besondere Anlässe, etwa um auf einen neuen Fund gebührend anzustoßen, holt Harald Stadler eine Flasche besten russischen Wodka aus einem geheimen Versteck. Die Götter waren uns wohlgesonnen: Am Tag unseres Besuchs wurden gleich mehrere römische Bronzefibeln gefunden!

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