Die schöne Legende von der „Tilliacher Million“

… und warum dieses „Wunder“ in Lienz nicht funktionieren kann.

Bei der Vollversammlung des Osttiroler Tourismusverbandes war sie wieder zu hören, die Legende von der Tilliacher Million, die, einem Weihnachtswunder gleich, dem hölzernen Dorf Aufschwung und Wohlstand bescherte, herbeigesammelt aus eigener Kraft. Demnach machten die braven Leute aus dem Bergbauerndorf Obertilliach eine Kollekte, trugen wundersamerweise mehr als eine Million Euro zusammen und weil das so etwas Unglaubliches ist, haben TVBO, Land Tirol und Osttirol Investment GmbH zu dieser Million gleich noch das Sechsfache dazugelegt, damit ein langgehegter Wunsch der Obertilliacher in Erfüllung geht und ein mehr als sieben Millionen Euro teurer Lift gebaut werden kann.

Josef Lugger und seine Familie sind zugleich Investoren und Nutznießer beim Obertilliacher Millionendeal, der in erster Linie ein schlauer geschäftlicher Schachzug ist. Foto: Expa/Groder

Die Geschichte ist tatsächlich erstaunlich und ein wunderbarer Schachzug des ebenso mächtigen wie gewieften Ober-Obertilliachers Josef Lugger, Großhotelier, Bauernfunktionär und TVB-Insider. Er und sein Sohn haben nämlich mehr als die Hälfte dieser legendären Million selbst gestemmt, eine Handvoll Hoteliers und Tourismusunternehmen aus dem Dorf den überwiegenden Rest. Das Geld wurde als Stammkapital eingezahlt, damit sind diese tüchtigen Menschen auch mehrheitlich Besitzer der Obertilliacher Bergbahnen. Die Fördergeber wie der TVBO sind nur „atypische stille Gesellschafter“. Sie haben gezahlt und wenig faktischen Einfluss. Wie bei den Kalser Bergbahnen werden die Spender das Geld wohl mittelfristig abschreiben können.

Es stimmt, auch viele Dorfbewohner waren bei der Kollekte in Obertilliach mit je ein paar Hundertern dabei und sind jetzt an der Bergbahn beteiligt. Insgesamt ist durchaus erstaunlich, was Vater und Sohn Lugger geschafft haben. Sie sind aber nicht Samariter, sondern tüchtige Geschäftsleute. Sie haben mit ihrem Geld Eigentum erworben, sind auch Geschäftsführer der Bahn und die wichtigsten Tourismusunternehmer vor Ort. Gezahlt haben in Obertilliach neben den Luggers vorwiegend jene, die sehr direkt von den Einnahmen der Bahn profitieren. Ihre Rechnung könnte aufgehen. Jeder von diesen Unternehmen investierte Euro wurde nicht nur mit sechs Euro Fördergeld aufgewogen, sondern wird über Hotelnächtigungen, Skikurse und andere Umwegrentabilitäten – hoffentlich – direkt wieder hereingespielt. Das macht aus der Sicht dieser privaten Investoren Sinn.

Wer auf ein ähnliches „Wunder“ in Lienz hofft, um die dortigen Bergbahnen sowohl am Hochstein als auch auf dem Zettersfeld in Schuss zu bringen, vergisst etwas Wichtiges: die Lienzer Bergbahnen sind nicht in Privatbesitz. Die Lienzer Wirtschaft und die Bürger der Stadt zahlen bereits Millionen für diese Bergbahnen! Sie gehören nämlich fast zur Hälfte der Stadt Lienz. Und „die Stadt“, das sind alle Bewohner, die über Gebühren und Steuern zu den Einnahmen der Gemeinde beitragen. Zweiter Hälfte-Eigentümer der Lienzer Bergbahnen ist der TVB Osttirol, dessen Kassen – wie kürzlich dargelegt – ebenfalls überwiegend von den Pflichtbeiträgen der Unternehmen im Lienzer Becken gefüllt werden.

Jahrzehnte vor den Obertilliachern haben die Lienzer bereits ihre Bergbahnen also schon selbst finanziert. Vor der Fusionierung der Verbände, als die Lifte in Lienz errichtet wurden, waren Stadt und TVB-Lienz Hauptfinanziers. Bis heute zahlen Unternehmen und Bürger der Stadt Lienz laufend (!) Millionen, um diese chronisch negativ bilanzierenden Bergbahnen über Wasser zu halten. Würde jeder Euro, den Lienz und die Wirtschaft des Talbodens für diese Bahn bereits hingeblättert haben, mit sechs Euro Förderung aufgewogen, dann könnte man die schönsten Lifte des Alpenraumes auf die beiden Lienzer Skiberge stellen. Was angesichts der Entwicklung des Weltklimas im übrigen fahrlässig  hinausgeschmissenes Geld wäre.

Die Fördergeber messen aber ohnehin mit zweierlei Maß, wie Lienz bereits beim Schwimmbad erkennen musste. Auch hier finanzieren die Stadtbürger drei Viertel der Kosten selbst und tragen – wie bei den Bergbahnen – nicht nur die Errichtungskosten, sondern auch die jährlichen Verluste. Eine Bergbahn zu finanzieren ist eine Sache, ihre Abgänge zu übernehmen eine andere. Seit nur noch Kunstschnee einen Skibetrieb möglich macht, explodieren diese Abgänge.

Die Stadt Lienz würde deshalb vermutlich lieber heute als morgen das Kapitel Bergbahnen schließen und – wie in Obertilliach – private Investoren einladen, kräftig zu investieren und die Anteile zu übernehmen. Allerdings stehen diese Bergbahn-Anteile bei Stadt und TVBO nach wie vor als millionenschweres Anlagenvermögen in den Bilanzen. Diese Millionen müssten Private erst einmal hinblättern, um die alte Bahn zu bekommen. Mit einem symbolischen Euro – auch so ein Märchen – ist es nicht getan. Weitere Riesensummen müssten nach einer Übernahme durch Private fließen, um die Träume der Touristiker zu verwirklichen. Nichts von alledem wird passieren, weil die wirtschaftliche Vernunft, die globale Erwärmung und notorisch knappe Kassen das einfach nicht zulassen.

Es gibt eben doch keine Wunder, weder in Obertilliach, noch in Lienz.


Hotels in Lienz und Umgebung

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

5 Postings bisher
DEMI vor 9 Monaten

Wie Herr Pirkner schon richtig feststelte bei seiner Darstellung der Finanzierung des TVB Osttirol sind Lienz und Nussdorf Debant was die Pflichtbeiträge betrifft die Haupzahler. Zu erwähnen wäre zu diesem Punkt nur das sie nur die Hauptzahler sind weil alle Osttiroler ihr Geld in diese zwei Gemeinden tragen, sprich dort einkaufen und dortige Firmen beschaftigen.

Ich würde dem Hochstein sein Weihnachtswunder wünschen, da es um jede Infrastruktur schade ist die verschwindet.

Frohes Neues Jahr wünscht Euch DEMI

beobachter52 vor 9 Monaten

Jetzt wissen wir es endlich: Nur die Lienzer Bürger zahlen Steuern und Gebühren, nur die Lienzer Unternehmen zahlen Pflichtbeiträge für den Tourismusverband - und mit diesen Geldern werden Schwimmbad und Bergbahnen finanziert, die dann vor allem von Bewohnern anderer Gemeinden und Gästen (kostenlos?) benützt werden. Und die Stadt Lienz hat noch nie Förderungen vom Land bekommen! Dabei habe ich immer gemeint, dass alle Arbeitnehmern, Pensionisten, Unternehmer, Bauern ... Steuern zahlen, abhängig vom Einkommen und nicht vom Wohnort - und dass es Bedarfszuweisungen vom Land auch für die Städte gibt! Da habe ich geglaubt, dass die Gebühren für Wasser, Abwasser ... in anderen Gemeinden ähnlich hoch oder höher sind als in der Stadt Lienz! Und ich habe immer gedacht, alle Unternehmen zahlen Pflichtbeiträge an den Tourismusverband, sogar in Obertilliach! Jetzt verstehe ich endlich, warum die Frau Bürgemeisterin gemeint hat, das Hallenbad könne von ihr aus ruhig in Leisach oder in Lavant stehen. Die Stadt Lienz erhält ja wahrscheinlich für die (knapp 100?) Mitarbeiter keine Kommunalsteuer ...

Das Dilemma Hochstein liegt vor allem darin, dass man statt einem gezielten Ausbau der 2. und 3. Sektion den teuern (und unschönen) "Osttirodler" errichtet hat! Davon wird wahrscheinlich ein ehemaliger Gemeinderat und Tourismusfunktionär nicht direkt profitieren - im Gegensatz zu den Obertilliacher Investoren ...

anton2009 vor 9 Monaten

Sehr geehrter Herr Dr. Pirkner! Besser kann man es nicht darstellen und formulieren - vielen Dank!

Huettenwirt vor 9 Monaten

Man hat viel zu lange gewartet ... vor vielen Jahren hätte die Schultz-Gruppe die Skigebiete in Lienz noch übernommen ... jetzt ist der Zug abgefahren. Vor wen oder was hatte man Angst ? Vor einem "Monopol" ... Befürchtungen, dass die Schultz-Gruppe die Preise diktieren kann. Was ist heute ? Obwohl weniger Komfort und Qualität vorhanden ist, kosten die Liftkarten in Lienz gleich viel wie die der Schultz-Gruppe. Solange sich in den Köpfen der "Macher" nichts ändert, wird es weiterhin von Jahr zu Jahr zu hohen finanziellen Abgängen kommen.

    kritisch vor 9 Monaten

    Mich wundert schon, dass es tatsächlich noch Skifahrer gibt, die freiwillig die Sektion II um diesen Preis am Hochstein nutzen! Das ganze ist doch wohl nur noch ein letztes Zucken, bis der Hochstein Geschichte sein wird....