„Mein Alltag ist jetzt auf Französisch.“

Die 20-jährige Veronika Mair aus Außervillgraten macht gerade ein Au-Pair-Jahr in Paris.

Unser letztes Treffen liegt inzwischen einige Monate zurück. Veronika Mair aus Außervillgraten, von allen liebevoll Vroni genannt, erzählt mir frühmorgens via Skype von ihrem Leben in Paris. Seit Ende August lebt die 20-Jährige als Au-Pair-Mädchen in einem Vorort der französischen Hauptstadt. Dass sie sich damit einen Traum erfüllt hat, sieht man in ihren strahlenden blauen Augen, hört man mit jedem Wort. „Heimweh? Warum sollte ich Heimweh haben, wenn ich jeden Tag tausend neue Erfahrungen machen kann?“

Bis März hat ihr Tag mit dem Besuch der Sprachschule begonnen. Nachmittags holt sie die Kinder ihrer Gastfamilie von der Schule ab und verbringt den Nachmittag mit den beiden Mädchen Clémence und Pauline und deren Bruder Grégoire. „Ich helfe ihnen bei der Hausübung, begleite sie zu verschiedenen Aktivitäten wie Sport oder Musikunterricht, spiele mit ihnen und bereite das Abendessen zu.“

Warum es sie in die französische Metropole verschlagen hat? Vorrangig wegen der Sprache. Nach drei Jahren Französischunterricht an der HLW Lienz war das Sprachentalent fasziniert und wollte die „Stadt der Liebe“ so erleben, wie sie wirklich ist und nicht nur, wie sie sie in der Klassenreise vor zwei Jahren gesehen haben. „Als Au-Pair zu arbeiten ist nun mal einer der einfachsten Wege, um in einem anderen Land zu leben. Zu sehen, wie ein Tag, ein Monat, ein Jahr einer französischen Familie aussieht. Und es ist richtig cool, wie selbstständig und doch unbewusst ich eine Sprache gelernt habe. Mein Alltag ist jetzt auf Französisch.“

Nun streift Veronika regelmäßig mit interessierter Miene und Sony-Kamera durch die Museen und Straßen der Stadt, stets auf der Suche nach etwas Neuem, bestenfalls Leckerem. Ich kenne sie als Feinschmeckerin, Kaffeeliebhaberin, daher rührt auch ihr Schwärmen für die Cafés: „Das Leben in Paris findet auf den Straßen statt – und das liebe ich so sehr! Man geht spazieren, setzt sich zur Seine oder auf die Terrasse eines Kaffeehauses und macht sich eine schöne Zeit. Statt sich zu verkriechen, sobald es kalt ist, geht man in Paris dennoch in ein Café und setzt sich draußen unter die Heizstrahler. Außerdem sind es lauter Nichtraucherlokale, da kann sich Österreich noch was abschauen.“

Veronika Mair, gezeichnet von Linda Steiner.

Das Villgrater Naturmädchen legt neben (gewohnt) guter Luft auch viel Wert auf die richtige Ernährung. Im folgenden Jahr will sie an der Universität Wien ein Studium der Ernährungswissenschaften antreten. „Es wäre nur zur Überbrückung, weil ich eigentlich Diätologie studieren will. Dieses Jahr hat das aber leider nicht geklappt“. Sie selbst leidet an einer Unverträglichkeit, weshalb ihr dieses Thema noch mehr Interesse entlockt. Ihr Leben in einem Jahr stellt sie sich nicht weniger aufregend vor als das, das sie derzeit führt. Besonders freut sich die extrovertierte junge Dame darauf, wieder neue Menschen kennenlernen, was ihr sowieso nicht schwerfallen wird. „Allenfalls werde ich aber weniger Freizeit haben“, lacht sie.

Diese nutzt sie aktuell, um hilfsbedürftigen Menschen zu helfen – eine soziale Ader hat sie immer schon gehabt. Einmal in der Woche hilft sie in der „Cuisine des Migrants“ mit, in der Mittagessen für ca. 200 Personen gekocht und danach auf den Straßen der Millionenmetropole verteilt wird. Sie erzählt von dem Kontrast, der in der Stadt herrscht. Napoleons Gold, überall. Not und heimatlose Menschen darunter. „Das Schlimme ist, dass es irgendwie normal wird, diese Leute einfach zu ignorieren. Ihnen zu helfen, ist meine Wertschätzung Paris gegenüber, meine Art, „Danke“ zu sagen.“

Sonst ist sie gerne mit ihren Freundinnen unterwegs, die wie sie ein Au-Pair-Jahr oder auch ein Erasmusstudium absolvieren. Eine davon ist Anna Lusser aus Kartitsch, die gemeinsam mit ihr dieses Abenteuer begonnen hat. Aber auch mit neuen Bekanntschaften aus verschiedenen Ländern genießt sie die kleinen Dinge: Spazieren, sich austauschen, Baguette und Wein auf Montmartre, die Seine und der Eiffelturm bei Nacht.

Das Schönste, auf das Veronika in der Zeit in Frankreich zurückblickt, sind einerseits die Ausflüge in die Regionen Bretagne, Normandie sowie Champagne, andererseits die Besuche ihrer Lieben aus der Heimat. „Ich freue mich einfach, wenn ich „mein“ Paris herzeigen kann, so wie ich es sehe und erlebe. Als mich meine Mama besucht hat, haben wir in der Boulangerie Baguettes, in der Fromagerie guten Käse geholt, um später zusammen zu kochen und bei einer Flasche Wein zusammenzusitzen.“

Angesprochen auf den Abschied von ihrer nicht ganz kleinen Familie − sie hat selbst vier Geschwister − schildert sie die übermäßige Vorfreude, die die ohnehin recht geringe Wehmut gedämmt hat. Für sie war es immer klar, dass sie nach Paris geht, ich erinnere mich an ihr Pläneschmieden. Außerdem hat Vroni in den vergangenen sieben Monaten doch insgesamt dreimal österreichischen Boden betreten. „Dadurch, dass ich bereits im Vorfeld ein Retourticket für einen familiären Anlass gebucht hatte, war der Weggang von daheim gar nicht schlimm. Ich fühle mich hier in Paris nicht aus der Welt, ich könnte jetzt in einen Flieger steigen und wäre am Abend daheim.“

Von Außervillgraten über Paris nach Wien – kann sie sich vorstellen, nach Osttirol zurückzukehren? Das hänge vor allem von ihrer späteren beruflichen Karriere ab, vielleicht auch von der Liebe, schmunzelt sie. Bisher habe sie sich noch nicht informiert, inwieweit sie mit einer Diätologieausbildung international arbeiten könne. „Es gibt so viele schöne Städte, so viele andere Länder − ich würde mich jetzt nicht auf Paris fixieren.“ Mit ihrer Familie in Osttirol bleibe ihr die Alternative zur Rückkehr immer, und man könne ja auch dort so viel Schönes unternehmen.

Im Anschluss an unser Gespräch lässt sie mich noch Folgendes wissen: „Es macht eigentlich wenig aus, wo auf der Welt ich bin. Für mich ist es wichtig, auch mal von daheim weg zu sein, um mich selber kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen und zu sehen, dass nicht alles im Leben selbstverständlich ist. Aber was bringen mir Erfahrungen, wenn ich sie mit niemandem teilen kann? Jetzt wird mir bewusst, dass daheim für mich FAMILIE bedeutet, und mit Menschen zusammen zu sein, die ich gern habe. Bisous!“


In der Serie „Heimweh?“ porträtieren wir junge Menschen aus Osttirol, die außerhalb des Bezirkes studieren oder eine andere Ausbildung absolvieren. Du studierst oder machst eine andere Ausbildung außerhalb Osttirols? Wir porträtieren dich! Schicke uns ein paar Zeilen über dich an redaktion@dolomitenstadt.at und eine(r) unserer jungen Redakteure bzw. Redakteurinnen wird sich melden.

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