„In einigen Jahren braucht keiner mehr Booking.com“

Hotelier Mario Gerber über Tourismusgesinnung, Ganztagsjobs und Online-Trends.

Einen „Tourismus Stammtisch“ mit Osttiroler Kolleginnen und Kollegen nahm Mario Gerber, Obmann der Tiroler WK-Fachgruppe Hotellerie zum Anlass für einen Stimmungsbericht aus der Branche. Gerber kandidiert auf Platz 3 hinter Günther Platter und Sonja Ledl-Rossmann auf der ÖVP-Landesliste und gilt als Senkrechtstarter der Tiroler Schwarzen im Tourismus, moderner und umgänglicher als der ursprünglich auf dem dritten Listenplatz gesetzte Franz Hörl, der in den Nationalrat wechselte.

Flankiert von TVBO-Obmann Franz Theurl bedankte sich der Hotelier aus dem Kühtai wenig überraschend bei der aktuellen Regierung für die angekündigte Rücknahme der Umsatzsteuererhöhung von 13 auf zehn Prozent und forderte eine Kommunikationsoffensive „nach innen“. Es sei an der Zeit, die „Tourismusgesinnung“ im Land zu verbessern und „dem Tourismus den Stellenwert zu geben, den er verdient“.

Mario Gerber wünscht sich mehr Tourismusgesinnung und glaubt nicht, dass die Arbeitsbedingungen in seiner Branche schlecht sind. Foto: wirtschaft.tirol

Weite Teile des Mediengespräches wurden von der Frage beherrscht, wie man speziell in den Tiroler Tälern wieder mehr heimische Arbeitskräfte für den Tourismus begeistern könnte. Selbstkritik kam dabei wenig auf. Gerber sieht die Fehler der Vergangenheit – schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung – längst ausgebessert, räumt aber ein, dass nur eine konsequente Entwicklung weg von der Saisonarbeit hin zum Ganzjahrestourismus die Attraktivität des Berufsbildes heben könnte. Osttirol sei im übrigen anders als der Norden des Landes: „Ich bin begeistert, wie viele Einheimische hier noch im Tourismus arbeiten! In Nordtirol gibt es Regionen, die haben gar keine Einheimischen mehr“, räumte der Fachgruppensprecher ein.

Einig waren sich Gerber und Theurl, dass es an der Zeit sei, das Dogma wachsender Nächtigungszahlen zu durchbrechen und touristische Erfolge mit einem aussagekräftigeren Indikator zu messen: der Wertschöpfung. Vor allem diese gelte es zu steigern und nicht nur die Zahl der Übernachtungen. Generell, so Gerber, käme den touristischen Verbänden vor allem die Rolle des Produktentwicklers zu, weniger jene der Vermarktung, die erfolgreiche Betriebe weitgehend selbst bewerkstelligen: „Wir verkaufen nicht Übernachtungen, sondern Emotionen.“

Wichtigstes Werkzeug ist dabei natürlich das Internet. Im Netz steht die Branche aus der Sicht des VP-Landtagskandidaten vor einer gravierenden Zeitenwende. Die heute allgegenwärtigen Buchungsplattformen geraten unter Druck: „In einigen Jahren braucht keiner mehr Booking.com. Dann haben längst Facebook und Google diesen Job übernommen.“ Die schwer zu kontrollierende Bettenvermietung über Airbnb sieht Gerber grundsätzlich nicht negativ, „wenn es Waffengleichheit gibt und die Anbieter bei Steuern und Auflagen die Spielregeln einhalten.“

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3 Postings bisher
aigner100 vor 3 Monaten

Sehr geehrter Herr Mario Gerber!in vielen Punkten gebe ich ihnen recht. Dass in Kühtai, Ischgl und Kitzbühel keine zusätzlichen Nächtigungen mehr gebraucht werden, ja das verstehen auch wir! Wir haben in Osttirol tolle, einzigartige Projekte und findige Gastwirte und Hoteliere. bei uns fehlt es einzig und allein an den Rahmenbedingungen. eines der grössten TVBbudgets und die niedrigste Nächtigungsrate von Tirol. das sagt schon viel. Den schönsten Teil Tirols, ohne Autobahnlärm und Abgasgestank, ideal für den sich abzeichnenden Trend Entschleunigung, Erholung, Regeneration, den gilt es endlich gezielt zu vermarkten. Von der Projektentwicklung bis zur Vermarktung dieser und der Vermarktung der gesamten Region nach Aussen, darf es keine Lücken geben. das ist Aufgabe des Tvb für Osttirol. wir haben eine ganz andere Situation wie der Rest Tirols. wir brauchen keinen Massentourismus, aber wir brauchen so viel Nächtigungen , dass vom kleinsten Betrieb bis zum grössten Investor alle davon leben können!!Geld zum Investieren haben. Ziel: Ganzjahresbetriebe mit Ganztagsjobs denn dann entwickelt auch die Jugend wieder Freude am Tourismus. wir brauchen einen Tvb wo Tourismus gemacht und gestaltet werden darf. Ich hoffe sehr, dass sie Herr Gerber sich die Zeit nehmen in Osttirol mal hinter die Kulissen zu schauen, damit sie sehen woran der Tourismus in Osttirol krankt!

Behu vor 3 Monaten

Ich finde es eine gefährliche Aussage zu behaupten, dass der TVB weniger für die Vermarktung der Region verantwortlich sein sollte, und das dies dafür "erfolgreiche Betriebe" übernehmen sollten. Mit Verlaub Herr Gerber, dies mag vielleicht in den funktionierenden touristischen Orten in Tirol seine Berechtigung haben, allerdings nicht in Osttirol. Das ein Hotelleriebetrieb in Ischgl die Region nicht eigens bewerben muss um Wintergäste anzusprechen mag das sein. In Osttirol muss der potentielle Gast aber sehrwohl auf die Region und die Möglichkeiten die man ihm bieten kann aufmerksam gemacht werden, da Osttirol im Gegensatz zu den Tiroler Tourismushotspots keine Marke ist! Sicher ist Produktentwicklung wichtig und gehört auch zu den Aufgaben eines TVB´s - Markenbildung aber auch !!

Ebenso kann ich die Zukunftsprognose von Herrn Gerber bzgl. booking.com nicht nachvollziehen? Die Priceline Group, dazu gehört das größte Onlinebuchungsportal booking.com mit mehr als 1,6 Mio. Hotels, steigern den Umsatz jährlich und liegen bereits bei über 8. Mrd. €. Ich bin kein Wirtschaftsforscher aber ich denke dieses Onlinebuchungsportal wird es doch noch einige Zeit geben.

ulma vor 3 Monaten

Zum Thema "Tourismusgesinnung": Mario Gerber fordert Projektentwicklung ein, doch sein Sitznachbar, TVBO Obmann Theurl, bekämpft diese seit 10 Jahren: Das gilt sowohl für die Projektentwicklung als auch (noch verstärkt) für das fertige Produkt. Der spektakulärste Hochgebirgsrundweg der Alpen, der Skyline Trail Osttirol 360 Grad, lässt grüssen!