Josef Oberhollenzer und die Vielschichtigkeit

Ein Gespräch mit dem Südtiroler Autor, nicht in Aibeln sondern in Dölsach.

Der Zufall wollte es, dass ein Südtiroler Autor, der vor kurzem ein neues Buch veröffentlichte, Zeit für ein Gespräch hatte – und zwar in Dölsach, wo er in den achtziger Jahren lebte. Und natürlich brachte Josef Oberhollenzer sein gerade erst im Folio-Verlag erschienenes Buch „Sültzrather“ mit und gab uns einen ersten Einblick in dieses Werk, das fast schon ein wenig an ein Lebenswerk erinnert. Denn in diesem Buch steckt nicht nur die Geschichte von Vitus Sültzrather, jenem Schriftsteller, auf den Josef Oberhollenzer schon 2001 einen Nachruf verfasste, sondern auch sehr viel von ihm selbst und wohl noch mehr von der Welt des Schreibens an und für sich.

Josef Oberhollenzer. Foto: Folio Verlag

Schon das Gespräch mit Josef Oberhollenzer machte neugierig auf das Buch. „Die Leute sagen, dass es ein schwieriges Buch ist. Aber man muss ja nicht alles verstehen, was man liest. Jandl hat auch nicht für Kinder geschrieben und die Kinder lieben Jandl. Man muss den Leuten schon etwas zutrauen. Ich selbst könnte ja das Buch auch nicht mehr lesen, wenn jetzt schon alles davon in mir drin wäre. Wenn ich in eine Landschaft schaue wie diese hier vor diesem Fenster in Dölsach, kann ich auch nicht alles sofort aufnehmen, sondern nur Teile davon.“ An welche Teile man sich danach erinnert, ist wohl das Entscheidende. Es geht Oberhollenzer – und vor allem Sültzrather – schließlich um das Erinnern: „Es habe eine zeit gegeben, in der der dichter Vitus Sültzrather nicht aus dem Haus sei; es heißt, er habe nicht auf die vergangenheit treten wollen, wenn er in die zukunft hinein sei.“

„Jeder Raum, in dem wir uns aufhalten, ist voller Erinnerungen. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, mit Blick auf den Apfelbaum, der auch im Winter noch Äpfel trägt, dann höre ich, wie die Bücher auf den Regalen hinter mir mit mir sprechen und mir Sätze zuflüstern. Sobald ich im Schreiben bin, verspüre ich nur Lust und Freude dafür. Für manche kann das Schreiben zur Qual werden. Niemals für mich. Alles, was mich umgibt, inspiriert mein Schreiben. Ein Satz, eine Begegnung, alles,“ erzählt Oberhollenzer dazu. Reinhold Giovanett, der mit ihm Texte vertont und als Band auftritt, beschrieb sein Schreiben einmal folgendermaßen: „Josef schreibt diese schönen Texte, die sich, von ihm gelesen, wie ein verschachteltes, aber schlüssiges Gebäude vor einem aufbauen.“

Und genau das ist es, worauf sich der Leser von „Sültzrather“ einlassen muss: ein komplexes Konstrukt aus Geschichten auf vielen Ebenen, miteinander verbunden durch die Wendeltreppen der Konjunktive, Fußnoten, Zitate und ausufernden Sätze, die in sich geschlossen wieder wie selbstständige Räume für ihre eigenen Geschichten sind. „All das wuchernde, mäandernde, all das lebendig verquaste verquere, all die möglichen geschichten in rechteckige fertiggeschichten verpackt? Die solln sich ihre geschichten (all die russischen und serbischen und bosniakischen und rumänischen und italienischen, die deutschen auch und die österreichisch-ungarischen, all die christlichen und islamischen und jüdischen opfergeschichten – und die paar tätergeschichten, auch thalerschen zuschnitts, „pSSt!“), die solln sich ihre geschichten unter der waldbegrenzten, unter der wurmgepflügten erde erzähln?“

Vordergründig und hauptsächlich aber geht es um die Geschichte von Vitus Sültzrather, einem Zimmermann aus dem Ort Aibeln, den es übrigens in Südtirol gar nicht gibt, auch wenn Josef Oberhollenzer in der ersten seiner insgesamt 205 Fußnoten genauesten angibt, wo er liegt und wie viele Einwohner er im Jahr 2001, als Vitus Sültzrather starb, gehabt hat. Vitus Sültzrather hat es übrigens auch nie gegeben, aber er lebt in diesem Buch. Und dort ist er nach einem Sturz vom Baugerüst querschnittsgelähmt. Wie besessen schreibt er deswegen gegen das Vergessen an. Als er fertig ist, beginnt er mit der gleichen Vehemenz, und gegen alle Proteste seiner Schwester, der Zugehfrau und deren Tochter, alles, was er aufgeschrieben hat, wieder zu vernichten. „Es sei also vollkommen unerheblich, was er sage, habe Vitus Sültzrather damals gesagt: Was er jetzt sage, sage er nur, weil er wissen wolle, was zu sagen er noch imstande sei – oder: wie weit er im sagen nach all dem noch käme, was in dieser welt schon gewesen sei.“

Zwischen diesen beiden Feldzügen gegen das Vergessen steckt die Frage, woraus die Erinnerung nach dem Verschwinden gemacht ist. „Nicht ein werk zu hinterlassen wie Shakespeare, wie Homer, nicht nicht existiert zu haben trotz eines riesenwerks mag vielleicht hinter all dem dann folgenden gewesen sein. Sondern vielleicht zu verschwinden in den unermeßlichen weiten des vergessens und trotz all der überlebensbemühungen doch nichts als teil jenes namenlosen menschenheeres zu sein, das sich in den untiefen der geschichte verloren habe. Oder erst allmählich den immensen mißerfolg der auslöschung seines werks erahnend, nämlich so, daß die menschen sein vernichtungswerk nicht als werk begriffen, als sein vollkommen makelloses werk.“

Inmitten dieses Kampfes aber spielen sich viele Geschichten auf vielen Nebenschauplätzen ab. Wie etwa jene von dem Lehrer, der im Schulhaus stürzt, weil er den Schulsekretär im Traum trifft, und das sofort mit ihm besprechen will, was übrigens an eine Passage aus Oberhollenzers letztem Buch „Der Traumklauber. Eine Erzählung in 52 Geschichten“ erinnert. Dort geht es um einen Mensch, der nicht träumen kann, alles dafür täte, es zu können und sich so die Träume anderer einverleibt, um selbst glücklich zu werden. Und ähnlich wie dieser Traumklauber verwebt Oberhollenzer in diesem neuen Buch Zitate, Anekdoten, Geschichten, wahre oder erfundene Fakten zu einem mehrschichtigen Gebilde.

Aber, wie Josef Oberhollenzer betont, „muss man ja nicht alles auf einmal und von vorne nach hinten lesen“. Und man muss wohl auch nicht immer genau wissen, was denn nun wahr und was erfunden ist. Denn schließlich geht es ja um die Frage nach dem vollkommenen Werk. Es geht um verlorene und erschaffene Welten und es geht um die Suche nach dem Glück, das laut Matthäus Passler, einem dreizehnjährigen Schüler Oberhollenzers  aus Welsberg, der im Buch auch zitiert wird, folgendermaßen beschrieben werden kann: „Glück ist das Geographische, das in uns steckt. Wir können es nicht anheuern; aber es ist da, wenn man es braucht.“

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