Ein offener Ort für kreative Menschen – Der Werk- und Denkraum „Sturmfrei“ in Waidhofen an der Ybbs. Fotos: Sturmfrei/Verena Mayrhofer

Ein offener Ort für kreative Menschen – Der Werk- und Denkraum „Sturmfrei“ in Waidhofen an der Ybbs. Fotos: Sturmfrei/Verena Mayrhofer

Sturmfreie Kreativbude: Hier könnt ihr Kunst

Ein Projekt in Waidhofen bietet kreativen Menschen einen offenen Ort zum freien Schaffen.

Nach einem produktiven Tag sitzen die drei Gründerinnen des Projekts „Sturmfrei“ gern noch draußen vor dem Bahnhofsgebäude und schauen zu, wie die Sonne langsam über den Zugschienen untergeht. Sie genießen dann die besondere Umgebung ihres offenen „Werk- und Denkraums“ im niederösterreichischen Städtchen Waidhofen an der Ybbs. Etwa ein Jahr schon liegt die Eröffnungsfeier zurück – und doch hält ihr Glück über die einzigartige Lage an.

„Dieser Ort hat ein eigenes Flair“, findet die kunstsinnige Bernadette Aigner, hauptberuflich Sozialarbeiterin. „Hier schwingt so eine Stimmung vom Weggehen und Ankommen mit.“ Selbst vom Bahnhof wegziehen soll das Projekt „Sturmfrei“ darum nicht so bald, obwohl die Stadt schon zentral gelegene Immobilien angeboten hat. Doch bisher überwiegen die Vorteile: Andere Kreative haben ihre Ateliers hier angesiedelt und die Lage etwas außerhalb der Stadt sei praktisch, sagt Aigner: „Für grobe Arbeiten gehen wir einfach auf den großen Vorplatz und es darf auch mal lauter werden, denn es gibt keine AnwohnerInnen.“

„Hier schwingt eine Stimmung vom Weggehen und Ankommen mit.“ – Das Projekt „Sturmfrei“ hat sich am Waidhofener Bahnhofsgelände angesiedelt, einem Ort mit besonderem Flair.

Möglich ist darum Vieles im „Sturmfrei“: vom Tischlern über Näharbeiten bis zur großflächigen Malerei. „Das sind alles Dinge, die man zuhause oft nur schwer umsetzen kann, weil sie viel Platz brauchen.“ Die Idee zu ihrem offenen „Werk- und Denkraum“ entstand, als sich Aigner während einer Bildungskarenz mit freiem Malen beschäftigte. Einen Raum zum kreativen Arbeiten zu haben, ohne Zeitdruck und ohne, dass man das halbfertige Projekt wieder vom Küchentisch räumen muss, davon träumte nicht nur sie.

Auch die beiden Grafikerinnen Angelika Wagner und Ursula Schrefl waren sofort überzeugt, dass Waidhofen so einen Ort braucht. Hauptberuflich sind sie Büroangestellte, Wagner in der freien Zeit aber zusätzlich noch zusätzlich Tätowiererin und Schrefl eine begeisterte Siebdruckerin. Darum stand schon zu Beginn des Projekts fest, dass die dafür nötigen Materialien beschafft und sie Siebdruck-Workshops im „Sturmfrei“ anbieten würden. „Siebdruck ist etwas, das man nicht mal eben für sich allein anfängt“, findet Aigner. „Es ist toll, dass wir das nun anbieten können.“

Kreativität braucht auch genug Platz – und davon gibt es bei „Sturmfrei“ genug.

Doch nicht nur für Kreative ist der „sturmfreie“ Raum geöffnet: „Man kann auch nur zum Kaffeetrinken kommen. Oder etwas ganz Eigenes anfangen“, sagt Aigner. So treffe sich zum Beispiel freitags auf Initiative von einigen älteren Frauen eine offene Runde zum gemeinsamen Häkeln, Stricken und Sticken. Bei Kleidertauschpartys wechseln schöne Kleidungsstücke die Besitzer. Und auch ein sogenanntes Repair-Café, bei dem aus Kaputtem wieder Brauchbares gemacht wird, war sehr beliebt. „Es ist uns ganz wichtig, die Menschen zum Tun zu ermuntern, und nicht selbst schon alle Antworten zu liefern.“

Viele Leute seien allerdings genau das nicht mehr gewohnt, glaubt Aigner. Und aus eigener Erfahrung, mit zwei kleinen Kindern zuhause, weiß sie auch: „Die Zeit zum Kreativsein ist bei vielen Menschen knapp bemessen.“ Nicht immer wird das Angebot zum freien Arbeiten am Samstag deshalb von BesucherInnen überrannt, hin und wieder basteln die drei Projektleiterinnen auch ganz in Ruhe an ihren Projekten.

Einen vielseitigen Ort zu haben, der für Nichts Bestimmtes reserviert ist und nicht politisch besetzt ist; das sei gut für das Lebensgefühl in Städten, glaubt Aigner. „Es geht mir ja genauso: Selbst wenn ich nicht immer teilnehmen oder alles nutzen kann, freue ich mich über das Angebot“, sagt sie. „Es macht doch Hoffnung, dass da Menschen sind, die etwas Ähnliches wollen und etwas Sinnvolles voranbringen.“ Von vielen Leuten in Waidhofen wird ihr Eindruck bestätigt: „Schön, dass es euch gibt“ – das hören die drei Sturmfrei-Gründerinnen immer wieder.

Darum konnten sie sich auch auf die finanzielle Unterstützung der lokalen Bevölkerung verlassen: Um den offenen Werk- und Denkraum einzurichten und unter anderem mit Nähmaschine, Siebdruck-Utensilien und Malsachen auszustatten, sammelten sie Geld mit einer Kampagne bei der Crowdfunding-Plattform Startnext. So bekamen sie insgesamt 5.249 Euro zusammen – zusätzlich werden sie von der Stadt Waidhofen unterstützt und erhalten eine Förderung vom Land Niederösterreich.

Das Projekt ist vorerst abgesichert, obwohl große Sprünge noch nicht drin sind: Die monatliche Raummiete ist mit 400 Euro für rund 80 Quadratmeter zwar moderat, die bisherigen Einnahmen aber auch. Eine Jahresmitgliedschaft bekommt man für 50 Euro, nur die Workshops mit professionellen LehrerInnen kosten Geld und für den Materialbeitrag setzen Aigner, Schrefl und Wagner bisher auf Fairness: „Wir überlassen es den BesucherInnen, etwas in die Kasse zu schmeißen und schauen mal, ob die Rechnung aufgeht.“

Ursula Schrefl, Angelika Wagner und Bernadette Aigner mit Martin Dowalil, Obmann des Kulturvereins „Förderband“.

Unglaublich viel Zeit und Nerven haben die drei jedoch dank der Unterstützung durch den Kulturverein „Förderband“ gespart, sagt Aigner. Dieser „Verein zur Förderung der Kultur im Ybbstal“ ermöglicht seit 2003 Musik- und Kulturveranstaltungen in der Region. Da seit Jahren eine freundschaftliche Verbindung zur Sturmfrei-Gruppe bestand, hatte sich Förderband angeboten, die Projektgruppe in den Verein aufzunehmen, um das rechtliche Gerüst für ihre Idee bereitzustellen. „Ohne diese Hilfe wären wir sicher nicht so schnell vorangekommen“, sagt Aigner.

So bleibt ein wenig Zeit übrig, um von künftigen Workshops zu träumen und Ideen zu spinnen. Die drei Frauen haben sich sogar schon in einen zusätzlichen Raum verliebt: „Der wäre ein ideales Fotolabor!“


„Neue Wege“ ist eine Kurzserie auf dolomitenstadt.at im Rahmen des Prozesses „Vordenken für Osttirol“. Bis zum Herbst 2018 zeigen wir anhand von ausgewählten Beispielen aus ganz Österreich, wie durch verschiedene Modelle der Bürgerbeteiligung regionale Problemstellungen auf innovative Art gelöst werden. Abwanderungsstopp, Bildung, Digitalisierung, Wertschöpfung, soziale Integration – Ziele, die auch in Osttirol angesteuert werden, sind andernorts manchmal schon erreicht. Wir nehmen diese Lösungen unter die Lupe, recherchieren Hintergründe und bieten damit Anregungen für Bürgerprojekte vor Ort.

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