20 Drogentote in Kärnten: „Statistischer Ausreißer“

Öffentliche Sitzung im Landtag zu einem brisanten Thema. Experte beschwichtigt.

Angesichts von bisher 20 Drogentoten in Kärnten in diesem Jahr hatte der Kärntner Landtag am Freitag eine öffentliche Sitzung des Gesundheitsausschusses zu diesem Thema angesetzt. Dabei betonten sowohl der Suchtgiftexperte Primarius Wolfgang Wladika als auch der Leiter des Landeskriminalamtes, Gottlieb Türk, dass die Zahl der Todesopfer als „statistischer Ausreißer“ zu bewerten sei.

Er kenne die schrecklichen Lebensgeschichten fast aller Todesopfer dieses Jahres, sagte Wladika, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Klagenfurt. So schlimm jedes einzelne Schicksal sei, „20 Tote sind statistisch ein Ausreißer“. Schwankungen bei den Opferzahlen von bis zu 70 Prozent seien keine Seltenheit. Wladika ging dann auf andere Suchtproblematiken ein: „Wir haben in Kärnten ungefähr 800 Tote durch Alkohol, da kräht kein Hahn danach.“ Eine Zunahme bei den Suchtgiftkonsumenten sieht der Experte nicht, laut den ihm vorliegenden Zahlen gebe es eine Stagnation: „Aktuell, und ich beziehe mich auf die wissenschaftlichen Daten, die vorliegen, gibt es keinen Anstieg.“

Der Leiter des Landeskriminalamtes, Gottlieb Türk, bestätigte diese Aussage. Die Zahl sei ein „Ausreißer“, was man auch daran sehen könne, dass es etwa in Tirol im Jahr 2016 insgesamt 24 Drogentote gegeben habe. 2011 hätte Vorarlberg mit elf Toten die gleiche Zahl verzeichnet wie Kärnten. Die Polizei habe schon in den vergangenen Jahren intensiv im Bereich der Suchtgiftkriminalität gearbeitet, daher habe man im vergangenen Jahr auch eine Zunahme von 30 Prozent bei den Delikten registriert. Türk: „Ein Suchtmitteldelikt ist ein reines Kontrolldelikt, wenn wir in diesem Bereich mehr arbeiten, haben wir mehr Delikte.“ Das sei mit anderen Bereichen wie etwa Diebstahl und Einbruch oder Körperverletzung nicht vergleichbar.

Zur Forderung nach mehr Prävention erklärte die in der Landesregierung dafür zuständige Barbara Drobesch-Binter, in dem Zusammenhang müsse man sich die Zahlen anschauen. Zwei Drittel der finanziellen Mittel würden in die Strafverfolgung fließen, ein knappes Drittel in die Hilfe und gerade einmal zwei Prozent in die Prävention. Dabei sei man bei der Prävention auch für den legalen Bereich wie Alkohol und Nikotin zuständig. „Und wenn ich das Werbebudget einer einzigen Bierfirma anschaue, wird die Relation noch absurder.“

Bei den Drogenambulanzen hat es laut Drobesch-Binter einen Ausbau gegeben, es sei allerdings sehr schwer, genügend Fachärzte zu bekommen. Bedarf gebe es im Bereich der niederschwelligen Erwachsenenberatung. Ein besonderes Anliegen sei ihr aber eine „Entdiskriminierung der Suchtkrankheit“. Die in der Caritas für Suchtprävention zuständige Christiane Kollenz-Marin verlangte mehr Sensibilität in der Berichterstattung über Drogenopfer, denn „was macht das mit den Angehörigen?“.

Neben weiteren Experten kam auch eine junge Klagenfurterin zu Wort, die selbst jahrelang in der Drogenszene gewesen war. Sie schilderte ihren Weg von Alkohol und Nikotin zum ersten Joint. Ein Problem sei, dass Drogenabhängige weder Lehrern noch Polizeibeamten irgendetwas glauben würden, daher gingen die vielen „guten Ratschläge“ meist ins Leere. Wenn man jemandem vertraue, dann anderen Mitgliedern der Szene, die schon etwas älter sind. „Wenn mir da einer gesagt hat, Mädchen, nimm das nicht, vor allem nicht in Kombination mit etwas anderem, dem vertraut man dann.“ Aufklärung müsse daher früh genug stattfinden, das sei ganz wichtig. Fertige Lösungen wurden in der Ausschuss-Sitzung nicht gefunden, das Thema wird die Landespolitik aber weiterhin beschäftigen.

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