Der Frankfurter Pavillon, Architekturkunst und Oase der Ruhe – "stories need good spaces". Fotos: Dolomitenstadt/Silvia Ebner

Der Frankfurter Pavillon, Architekturkunst und Oase der Ruhe – "stories need good spaces". Fotos: Dolomitenstadt/Silvia Ebner

Laute, leise und starke Töne auf der Frankfurter Buchmesse

Auch die Innsbruckerin Carolina Schutti las im neuen Wahrzeichen der Messe.

Die Frankfurter Buchmesse ist vor allem eines: riesig. 7.503 Aussteller aus 109 Ländern, 172.000 internationale Fachbesucher und insgesamt über 285.000 Besucher auf den 170.000 Quadratmetern des Messegeländes. Dazu Buchpräsentationen, Lesungen, politische Debatten, wohin man auch schaut, an die 400 kulturellen Veranstaltungen wie Konzerte, Poetry Slams, Ausstellungen auf dem Messegelände und in ganz Frankfurt und Besucher, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Vor allem am Wochenende, an dem sich zusätzlich zu den Literaturinteressierten noch Hunderte von Cosplayern – Menschen aller Altersgruppen, die sich als Comic-, Manga- oder Anime-Figuren verkleiden – unter das Publikum mischten und zusammen mit den circa 900 Harry Potters, die sich für einen Weltrekordversuch zur größten Ansammlung eben dieser Figur dort trafen, dem Ganzen einen fast schon surrealen Charakter verliehen. Ganz unter dem Motto der Messe „A Book is a Film is a Game“.

Hunderte Cosplayer verliehen dem Messegelände fast schon surrealen Charakter.

Die Frankfurter Buchmesse versteht sich als der weltweit größte Marktplatz für Ideen und Inhalte sowie als Leitmesse und Trendschau für alle Formen von Publikationen, aber auch als Plattform für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Ganz besonders in diesem Jahr, in dem nicht nur die Frankfurter Buchmesse, sondern auch die Un-Menschenrechtscharta ihr 70-jähriges Bestehen feierte. Unter dem Leitthema „Global Citizenship – Demokratie und Engagement“ fanden zu diesem Thema deshalb Debattenrunden und Autorengespräche und die von Amnesty International und den Vereinten Nationen groß angelegte Kampagne „On the Same Page“ statt. Diese lud dazu ein, sich offen auf die Seite der Menschenrechte zu stellen und das auch auf riesigen Plakatwänden mit der Unterschrift oder unter dem Hashtag „onthesamepage“ kundzutun.

Die Buchmesse ist auch Plattform für politische Statements, Meinungsfreiheit und Menschenrechte.

Als ein Ruhepol der Messe stellte sich ihr neues Wahrzeichen dar: der Frankfurter Pavillon, der auf dem über 10.000 Quadratmeter großen, zentralen Platz des Messegeländes wie eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit wirkte. Die Agora, wie der Platz treffend nach dem griechischen Vorbild genannt wird, erinnert mit ihren vielfältigen kulinarischen Ständen, einem kleinen Kunstmarkt, den Ausstellungsständen der NGOs, den Signierboxen der Autoren, dem großen Lesezelt und den Grünflächen mit dem langen Brunnen tatsächlich an einen Marktplatz.

Der große, lichtdurchflutete Pavillon, der aus drei ineinandergeschobenen, muschelförmigen, mit einer weißen Membran überzogenen Holzrippen besteht und innen zusätzlich wie ein überdimensionales Bücherregal aus hellem Holz aussieht, bietet dagegen – gemäß seinem Grundgedanken „stories need good spaces“ – eine wohltuende Auszeit von dem Lärm und Gewusel der Messe.

Das empfand auch die Innsbrucker Literatin Carolina Schutti so, die dort am Samstag als eine von drei ehemaligen Preisträgern des European Union Prize for Literature, die Anthologie „European Stories“ vorstellte. „Die Atmosphäre während der Lesung im Pavillon war wirklich schön“, sagte sie. „Vor allem diese Stille während des Lesens, das konzentrierte Publikum.“ Etwas also, das man sonst nicht sofort mit der Frankfurter Buchmesse assoziiert. „In Leipzig hingegen“, so Carolina Schutti, „ist das eher der Fall. Dort stehen die Autoren mehr im Vordergrund. In Frankfurt – so sagt man – ist es normalerweise das Geschäft“.

Jean Back, Preisträger 2010 aus Luxemburg und die Innsbrucker Autorin Carolina Schutti.

Die 42-jährige Autorin, die in Innsbruck Germanistik, Anglistik/Amerikanistik und Konzertgitarre studierte und eine Gesangsausbildung abschloss, arbeitete nach einigen Jahren Unterrichtstätigkeit nach ihrer Promotion als Lektorin an der Universität Florenz und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Literaturhaus am Inn. Von 2009 bis 2013 war sie Vorstandsmitglied des Brenner-Forums sowie Kuratoriumsmitglied des Brennerarchivs, veröffentlichte mehrere literaturwissenschaftliche Aufsätze, Rezensionen und Publikationen in Literaturzeitschriften, leitete und moderierte Literaturveranstaltungen und hielt bzw. hält immer noch selbst Schreibseminare.

Bekannt wurde Schutti 2010 mit ihrem Buch „Wer getragen wird, braucht keine Schuhe“, das sofort zum Rauriser Literaturpreis nominiert wurde. Für ihren zweiten Roman „Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein“ bekam sie 2012 den European Union Prize for Literature. 2016 wurde sie mit dem Hilde-Zach Literaturstipendium ausgezeichnet und im Februar 2018 erschien ihr erster Lyrikband „Nervenfieber“. 2016 schrieb sie für „Quart“, das von Heidi Hackl und dem Osttiroler Kopf der Band Franui, Andreas Schett, herausgegebene Magazin eine literarische Landvermessung des Virgentales, in dem in der Einleitung zu lesen ist: „Schmale Täler lassen sich nur ertragen, wenn man sich über ihre Grenzen erhebt.“ (Link zum vollständigen Text!)

Allerdings – um wieder auf die Frankfurter Buchmesse zurückzukommen – könnte man auch sagen: Lärm und Getöse lässt sich nur ertragen, wenn man zwischendurch wieder in Ruhe eintauchen kann. Jene Ruhe etwa, die die Lesung von Carolina Schutti im Frankfurter Pavillon ausstrahlte. Wer einen Hauch davon spüren möchte, sollte auf dieses Audio klicken.

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