„Von Lissabon bis zur Grenze ist’s am schönsten!“

Der Winter holt Oliver Deutsch in Portugal ein, der hier neue und alte Bekannte trifft.

Überquert man den Rio Miño, den Grenzfluss zwischen Spanien und Portugal, wird man von einem großen Fort empfangen, dessen Mauern früher die ganze Stadt Valença umringten. Die Stadt selbst begeistert Oliver Deutsch, den radreisenden Musiker und Koch aus Lavant auf seiner Tour Mediterraneo, aber nicht: „Moderne Betonbauten. Das Zentrum ist etwas besser zum Anschauen. Aber das ist eh überall so“, kommentiert er.

Nach einer Nacht in der Herberge radelt er weiter, den Fluss entlang. „In der Früh ist es dort sehr feucht, nebelig, kalt – manchmal auch etwas unheimlich, weil man kaum die Straße sieht. Immer wieder tauchen überraschend Vögel und anderes Getier auf.“ Oliver genießt die Stimmung. Später geht es bei guter Sicht und warmem Wind am Meer entlang weiter – eine willkommene Abwechslung.

In der Früh am Rio Miño. Fotos: Oliver Deutsch
Die Stadt Valença wird von einer großen Schutzmauer umzogen.

Der Pilgerausweis, der Oliver seit seiner letzten Etappe begleitet, erweist sich weiterhin als nützlich: „Ich bin ja bis Lissabon am Portugiesischen Jakobsweg unterwegs. Kann also nach wie vor mit dem Ausweis in Herbergen übernachten.“ Es ist weniger los als in Spanien, es gibt auch nicht so viele Herbergen, die alle spartanischer eingerichtet sind. „Mit Schlafsack und nur für eine Nacht geht’s aber gut!“ Eine der Herbergen bewohnt Oliver sogar ganz alleine, Ende November schließen die meisten für den Winter.

Weniger komfortabel ist das Zelt. „Zurzeit schwierig“, notiert unser Reisender. „Vormittags ist noch alles feucht vom Morgentau. Ungemütlich! Bis das Zelt wieder halbwegs trocken ist, dauert’s. Außerdem sind die Nächte hier auch schon kalt.“

Über manche Brücken schiebt man das Rad besser …

Über kopfsteingepflasterte Straßen radelt Oliver weiter nach Porto. Das historische Zentrum inklusive der Brücke Ponte Luís, dem Wahrzeichen von Porto, ist UNESCO Kulturerbe. Für unseren radelnden Meisterkoch hat die Stadt viel zu bieten: Erst einmal wäre da natürlich der hier hergestellte Exportartikel, Portwein. Dann gibt es „Francesinha“, einen Toast gefüllt mit Fleisch, Wurst, Käse, Ei, darüber kommt Bratensauce – „ist aber kein kulinarisches Highlight“, meint Oliver. Bacalhau – also Stockfisch – wird in ganz Portugal gegessen, ebenso die Blätterteigtörtchen „Pastel de Nata“ und eingelegte Sardinen in unzähligen verschiedenen Konserven.

Übrigens passt Oliver seine eigenen Essgewohnheiten gerade an den Winter an: Es gibt öfter mal Eintöpfe, Suppen, Apfelschmarrn, Reisbällchen oder Empanadas. „Lebensmittel sind hier billig. Wenn ich um sechs Euro einkaufe, komm ich damit locker zwei Tage durch. Vorausgesetzt es gibt auch eine Küche, wo ich selbst kochen kann.“

Das Zentrum von Porto ist auch ein kultureller Hotspot.
Die Brücke Ponte Luís ist das Wahrzeichen von Porto.
Blau-weiße Fliesen zieren die gesamte Stadt.

Kunstvoll bemalte Fliesen sind hier eine wichtige Sache, bemerkt Oliver. Häuser und Kirchen sind damit verziert, es gibt sogar eigene Museen dafür. Ein großer Teil der Keramik ist blau bemalt. „Blau und weiß – das macht ein schönes Bild“, findet der Reisende. Am Fluss Duero, der durch Porto fließt und schließlich im Atlantik mündet, verbringt Oliver gern Zeit. „Hier kann man gut flanieren und mit dem Rad zum Meer und zu den Stränden oder zu Fischrestaurants fahren.“

Außerdem bringt Porto Oliver nette Begegnungen mit neuen und alten Bekannten. Da wäre zum Beispiel Lena aus Österreich – sie ist zuerst den Französischen, dann den Portugiesischen Jakobsweg gegangen. Dann kreuzen sich Olivers Wege mit Sunmee Park. Die Koreanerin ist schon seit zwei Jahren in Europa unterwegs und begegnete unserem Radfahrer vor ein paar Monaten in Albanien zum ersten Mal. „Sie wieder zu treffen war eine große Freude!! Abends sind wir ausgegangen, bei Tag ins Museum oder spazieren. Wir haben eine gute Zeit miteinander verbracht.“ Nach zwei Tagen trennen sich die Wege der beiden dann. „Aber ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder – vielleicht schon im Frühling“, freut sich Oliver.

Freudiges Wiedersehen: Sunmee Park und Oliver haben sich vor einigen Monaten in Albanien kennengelernt. Hier kreuzen sich ihre Wege zum zweiten, aber wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.

Bei tiefhängenden Wolken radelt er weiter, teils an der Küste entlang, teils im Landesinneren – und immer Richtung Süden. Langsam, aber doch, ist auch in Portugal der Winter zu spüren. Ab November bringt er Regen und viel Wind. Vom Regen bleibt Oliver weitgehend verschont. „Hauptsächlich regnet es nachts oder am Nachmittag, wenn ich schon am Ziel bin. Manchmal warte ich auch das Wetter ab.“ Die neuen Gegebenheiten bringen eine Erkenntnis: „Eigentlich hatte ich vor dem Sommer und der Hitze Angst. Wer aber schon mal bei Regen und Wind gefahren ist, weiß, dass das um einiges ärger ist.“ Weder Oliver selbst, noch sein Rad sind allzu wetterfest ausgestattet. Und: „Rumtrödeln kann ich jetzt auch nicht mehr. Um halb sechs ist es dunkel.“

In der Herberge. Ausnahmsweise ohne Stockbetten!
Typische Herbergsküche. „Was Schnelles, Einfaches, kann man sich hier schon machen.“

Draußen ist es kalt und feucht, die Hügel sind steil: So kann die Motivation zwischendurch schon einmal in den Keller sacken. „Im Landesinneren zu fahren ist ok, aber nicht so schön wie bisher in anderen Ländern. Ich bin hauptsächlich auf großen Straßen mit viel Verkehr unterwegs – die fahren hier wie die Wahnsinnigen!“ Außerdem überkommen Oliver Zweifel an seiner Routenwahl. Die Navigation durch Kleinstädte strengt an – vielleicht wäre es doch besser gewesen, nur an der Küste entlang zu radeln? Über Coimbra, Tomar und Fatima gelangt er schließlich nach Nazaré – und damit auch wieder an die Küste.

„Witzig ist, dass ich auf dem Weg dahin in fast jeder Herberge eine interessante Begegnung hatte.“ In Coimbra lernt Oliver Pierrot aus Frankreich kennen. Der hat seine Heimat schon vor fünf Jahren verlassen, seit sieben Monaten ist er auf dem Jakobsweg als Pilger, Straßenmusiker und Reisender unterwegs. „Ein angenehmer Zeitgenosse und ein feiner Typ!“

Pierrot verließ seine Heimat Frankreich vor fünf Jahren. Nun bereist der Straßenmusiker den Jakobsweg.

Nach Nazaré fährt Oliver, weil er sich ein Naturspektakel nicht entgehen lassen will. Die großen Wellen an der Nordküste sind es, die die meisten Besucher hierher locken. „Die Wellen sind nicht immer gleich. Zu bestimmten Tageszeiten sind sie besonders groß. Als ich da war, waren die Wellen gut zehn Meter hoch.“ Oliver erspäht auch einige Profisurfer. „Muss ein ungeheurer Adrenalinkick sein, so eine Welle zu durchsurfen!“ Fazit: Der Surf- und Beach-Ort Nazaré ist nicht nur im Sommer einen Besuch wert.

Ein verlängertes Wochenende verbringt Oliver in Lissabon. Die portugiesische Hauptstadt markiert gleichzeitig das Ende des Jakobswegs. „Geschichtlich eine schwer gebeutelte Stadt, ist Lissabon zur Zeit eine der spannendsten Orte Europas. Hat man auch im Hostel gesehn – voll von Studenten und jungen Leuten!“ Oliver geht seinen Aufenthalt entspannt an, sieht sich Museen, Straßen und Plätze an – trotz Regenwetter wird es ein inspirierender Aufenthalt. „Hier konnte ich wieder etwas Kraft tanken.“ Musikalisch gibt es neben dem klassischen Fado auch Einflüsse aus Brasilien und den Kapverdischen Inseln. Viele Leute aus diesen Ländern leben hier. „Mit denen habe ich mich gut verstanden!“

In Lissabon.

Mit der Fähre überquert Oliver den Tajo und erreicht die Atlantikküste. Unterhalb von Lissabon ist sie noch wild und naturbelassen. Außerdem wartet hier die nächste Bekanntschaft. Marie Pierre-Savard aus Kanada ist hier auch mit dem Fahrrad unterwegs Richtung Algarve. Die erfahrene Radlerin hat schon viel gesehen. Weil jeder sein eigenes Tempo hat, radeln die beiden Reisenden untertags getrennt und treffen sich abends wieder.

Auch Marie Pierre-Savard aus Kanada ist mit dem Fahrrad unterwegs.

Einsame Buchten, Strände und das Meer sind jetzt Olivers Begleiter. Das Wetter ist wieder besser, vereinzelt trifft man Surfer, Wanderer und Pensionisten. Grund zur Freude: „Ich konnte sogar noch einmal im Zelt übernachten. Das war schön!“ Etwas wehmütig wird es jetzt aber endgültig weggepackt. Es ist Herbst und nicht viel los an der Algarve Küste. Neben Stränden entdeckt Oliver hier auch etliche Trails zum Wandern. Olivers letzte Stationen an der Küste sind Portimão, Loulè und die Lagunenstadt Tavira – „eine Perle an der Algarve“, Faro lässt er hingegen aus. „Keine schöne Stadt! Da bin ich gleich weitergefahren.“

Sprachprobleme hat Oliver hier nicht. In den größeren Orten spricht fast jeder Englisch, es leben auch einige Engländer hier – überwiegend Pensionisten. Zum Beispiel David, der dem kalten Wetter in England entflohen ist und sechs Monate mit dem Fahrrad im Süden verbringt. Er ist seit heuer in Pension und möchte ab sofort den Winter in wärmeren Ländern verbringen. „Gute Idee! Merk ich mir!“ – diesem Plan kann auch Oliver etwas abgewinnen.

An der Küste ist es sandig – zum Radfahren nicht ideal.
Zumbujeira del Mar
Tavira
Tavira ist eine Lagunenstadt.
Lagune bei Tavira
In den Lagunen wird Salz abgebaut.

Die letzte Etappe führt Oliver wieder zurück nach Spanien – und hat es noch einmal in sich! 110 Kilometer durch den mittleren Westen Andalusiens will Oliver zurücklegen, bis er in Sevilla ankommt. „Nach sieben Monaten fast ausschließlich über Berge und Hügel radeln, freue ich mich jetzt auf einen ausgedehnten Stopp.“ Ganze zwei Monate will unser Radler in Sevilla verbringen.

Noch ein Tipp für alle, die einmal mit dem Rad nach Portugal kommen wollen: „Von Lissabon bis zur Grenze ist’s am schönsten! Dort ist es auch im Landesinneren wieder besser zum Radeln. Aber Achtung! Manche Trails sind vom Regen ausgewaschen, sehr steil und schwierig zu befahren.“ Deshalb sollte man es wie Oliver machen und sich an die Worte eines erfahrenen Radfahrers in Albanien halten: „In den Bergen immer schön langsam.“

Die Portugal-Empfehlung von Oliver: „Von Lissabon bis zur Grenze ist’s am schönsten!“

Alle Stationen der Tour Mediterraneo auf einen Klick!

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bergfex

Einfach immer wieder toll zu lesen wie es Oliver so ergeht. Ich bewundere ihn.