Angela Lehner präsentiert ihren Erstling: „Vater unser“

Fulminantes Romandebut der in Berlin lebenden Autorin, die in Osttirol aufwuchs. Mit Video!

Wie wird man Schriftsteller oder Schriftstellerin? Dolomitenstadt ist seit einem Jahr im Verlagsgeschäft, seither ahne ich, wie höllisch umkämpft der Markt auch bei Büchern ist und wie fast unmöglich der Sprung vom Niemandsland in die Charts der Literatur. Einer, der diesen Sprung geschafft hat, ist Bernhard Aichner, der Krimi-Popstar aus Osttirol.

Ihm könnte jetzt eine junge Frau folgen, der ein besonderes Kunststück gelang. Angela Lehner – geboren in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol und sogar Praktikantin bei Dolomitenstadt – läuft vom Start weg in der Championsleague auf das literarische Spielfeld. Ihr Erstlingsroman „Vater unser“ ist bei Hanser erschienen. Das bedeutet Prominenz auf Anhieb, Vertrieb über alle großen Kanäle und beste Chancen auf medialen Rückenwind. Nicht von ungefähr, kann ich nur sagen, nachdem ich das Buch gelesen, nein, verschlungen habe.

„Vater unser“ hat eine unwiderstehliche Protagonistin. Es ist die ausgeschlafene, witzige und letztlich tragische Heldin, die dieses Buch trägt und prägt. Eingeliefert in die psychiatrische Klinik auf der Wiener Baumgartner Höhe in einem Polizeifahrzeug, behauptet sie eine Bluttat und es scheint, als ob sie fast nach Belieben ihre Umgebung manipuliert, auch ihren Therapeuten Doktor Korb. Eva Gruber lügt. Eva Gruber trickst. Eva Gruber tschickt. Sie hat eine Mission und – scheinbar – alles unter Kontrolle. Sie will ihren magersüchtigen Bruder retten, wild entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen, bis ihre Welt aus den Fugen gerät.

Wäre dieses Buch ein Film, dann könnte man sich Josef Hader als Regisseur vorstellen. Es ist eine sehr österreichische Geschichte, mit einem Hauch von „Einer flog über das Kuckucksnest“, auf den ersten Blick liebenswert, leicht schrullig und schräg, doch bei näherer Betrachtung öffnet sich ein Abgrund. Die Autorin platziert die Schocks in kleinen Dosen, bleibt in ihrer Sprache immer leicht, spricht locker Unaussprechliches aus. Ich habe selten ein Buch, das so ernst, ja manchmal tragisch ist, mit so großem Vergnügen gelesen.

Ein fulminanter Erstling, erzählerisch sicher und packend, als sei nichts einfacher, als eine komplizierte Welt zu schildern. „Vater unser“ tangiert kaum Religiöses, taucht aber tief in den Abgrund Familie hinab, mit schonungsloser Zerstörungskraft. Der Vater – immerhin titelgebend – bleibt dabei eine fiktive Bedrohung, lässt den Leser mehr ahnen als wissen, während die Mutter präsent ist und dennoch undurchsichtig in ihrer Rolle bis zuletzt. Umarmt wird Bernhard, der Bruder, den Eva buchstäblich hinaus tragen will aus seinem Schicksal in eine bessere Welt. Wie sie das versucht, ist manchmal zum Weinen, manchmal zum Lachen und lässt sicher niemanden kalt.

Angela Lehner liest auf Einladung von Dolomitenstadt am 8. April um 19.00 Uhr im Altstadthotel Eck, 1. Stock, Hauptplatz 20 in Lienz!

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