Einige Autoren und Autorinnen des Sammelbands „Begegnungen“, unter ihnen mit Silvia Ebner (5.v.r) und Caterina Schilirò (3.v.r.) auch zwei Dolomitenstadt-Autorinnen. Foto: Rudi Saupper

Einige Autoren und Autorinnen des Sammelbands „Begegnungen“, unter ihnen mit Silvia Ebner (5.v.r) und Caterina Schilirò (3.v.r.) auch zwei Dolomitenstadt-Autorinnen. Foto: Rudi Saupper

Begegnungen – das Buch zum Mölltaler Geschichten Festival

Auch Texte von zwei Dolomitenstadt-Autorinnen sind bei den 33 Kurzgeschichten dabei.

186 eingereichte Kurzgeschichten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum waren es am Anfang, 33 aus Österreich und Deutschland sind es nun. Das dritte Buch des Mölltaler Geschichten Festivals wurde nun in Lurnfeld im Mölltal präsentiert und damit die dritte Runde des Geschichten Festivals abgeschlossen. Die Kurztexte erzählen „von verpassten Gelegenheiten, von erfreulichen Konsequenzen, von Einsamkeit und Zweisamkeit, Liebe und Schmerz, von rebellischen Geistern und von kaum Lebenden … und nicht zuletzt von der Anziehungskraft der Felsen. (Und) von diesen gibt es im Mölltal mehr als genug.“

Volles Haus bei der Präsentation des Sammelbands in Lurnfeld. Foto: Melitta Fitzer

Unter den 33 Autoren des Buches „Begegnungen“ sind auch drei Tiroler. Einer davon ist Alfred Krismer aus Landeck, der Lienz gut kennt, weil er im letzten Jahr schon zum 31. Mal an der Kirchenmusikalischen Werkwoche in Osttirol teilgenommen hat und mit dieser „Singfamilie“ schon jahrzehntelange Freundschaften pflegt. Dass der begnadete Sänger – er singt Bass in einem Viergesang, Gospel- und Kirchenchor – auch schreiben kann, beweist er mit seiner Geschichte „Monika Brcynski“. Es ist eine Geschichte, die völlig harmlos beginnt und sich dann skurril und äußerst rasant entwickelt.

„Die endlose Fahrt mit dem unglaublich langsamen Sessellift älteren Baujahres endete für den männlichen Teil eines niederländischen Ehepaares fatal und mit einem unfreiwilligen Hubschrauberflug. Skispitzen nicht rechtzeitig angehoben, hysterisch brüllendes Menschenknäuel in der Bergstation des Schlenkergratliftes, sich in Bedächtigkeit übender, sonnenbebrillter und goldverhangener Angestellter der Bergbahnen die schützende Plexiglaskabine der Station verlassend, konträr dazu ein in nahezu Sekundenbruchteilen entstehender Tumulthaufen aus Karl Uwes und Hildegards, fliegender Gelbengel und richtiger Männer in Piloten-, Sanitäter- und Notarztform. Nichts Außergewöhnliches, nahezu Alltägliches in der touristischen Winterüberschwemmung.“

Wie sich ein „weitgehend unspektakuläres, monoton dahinplätscherndes, sich in vielem wiederholendes, in unverrückbaren Strukturen verlaufende, regelmäßig Steuern bezahlendes, austauschbares Leben“ dann aber innerhalb kürzester Zeit so dramatisch verändert, dass es plötzlich – nur vier Seiten später – um einen „unfreiwilligen Terrorgehilfen“, um „eine Präzisionslenkwaffe“ und um „Scheidung“ geht, macht den Reiz der Geschichte aus.

Oder den Reiz der Kurzgeschichte im Allgemeinen. Seit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an die kanadische Kurzgeschichten-Autorin Alice Munro im Jahr 2013, scheint dieses bis dahin eher stiefmütterlich behandelte Genre einen neuen Aufschwung zu erleben. „Wahrscheinlich entspricht die Länge, die der bulgarische Autor Dejan Enev als eine ‚Zigarettenlänge‘ bezeichnet, die Konzentration auf das Wesentliche und die Zuspitzung der Handlung, aber einfach auch dem Zeitgeist. Legt man in einem Roman Schicht um Schicht in Hunderten von Seiten frei, so springt man in der Kurzgeschichte kopfüber ins kalte Wasser des Geschehens und taucht in Sekundenschnelle in dieses neue Leben ein“, meint dazu Silvia Ebner, deren Geschichte „Die letzte Runde“ ebenfalls im Buch zu finden ist und die Lebensgeschichte einer Frau von hinten aufrollt:

„Global gesehen hatte sie natürlich nicht genug Gründe für einen Selbstmord. Global gesehen gehörte sie zu den privilegierten, gut ausgebildeten, finanziell abgesicherten, gesunden und sozial eingebundenen Menschen. Global gesehen würde sie aber auch nicht wirklich fehlen. Sie stellte die Oliven und den Käse auf den Tisch. Er würde gleich kommen. Die letzte Runde auf dem Karussell konnte beginnen. Sie war müde. Die letzten Wochen waren hektisch gewesen. Als ob sie es gewusst hätte! Als ob sie gespürt hätte, dass sie nicht mehr lange leben würde“, würden sie ehrfürchtig und eingeschüchtert von ihrer gottgewollten Bestimmung flüstern. Natürlich hatte sie es gewusst. Natürlich hatte sie es gespürt. Natürlich hatte sie ihren Tod vorbereitet. Die Steuererklärung war gemacht, das Testament lag fein säuberlich bei ihren Unterlagen und den Sparbüchern, ihr Schreibtisch im Büro und der Wohnung war aufgeräumt, sie hatte ihre Freundinnen besucht und ein paar Skitouren mit Bekannten gemacht. Nun lagen nur noch zwei Abschiede vor ihr.“

Gertraud Patterer liest aus ihrem Beitrag zur Kurzgeschichten-Sammlung. Foto: Rudi Saupper

Die dritte Tirolerin im Buch ist wiederum Osttirols Aushängeschild für Mundart-Literatur, Gertraud Patterer, die schon im letzten Jahr das Publikum mit ihrer vom Singen geformten Stimme verzauberte, weil durch sie ihre Sprache noch einzigartiger wird. Ihr Sätze wirken ohnehin schon wie gemalte Bilder: „Ich bin braun wie die Sonnenblumenkerne. Meine Haut ist eine Halschge. Steif vor Dreck, Borsten meine Haare und in den Teichen meiner Augen flitzen die Wasserläufer. Aus dem Spiegelrand schaut meine Welt als Mulz. Das Einmaleins und das Alphabet übe ich unter der Stupferstaude, denn da kehrt die Nachtigall zu. Spreche auch die Dorfdialekte. Bin geschliffen worden wie der eingeklemmte Stein im Rad. Nirgends ist mein zweiter Schuh. Ob Morgen oder Abend, einerlei. Noch nie hab ich eine Uhr ticken gehört, nur Dröhnen und Scheppern. Vögel verfliegen, wenn sie Zigeuner kommen sehen. Es rumpelt im Voraus.“

Die einzige Autorin, die bei dem Wortrap, den alle anwesenden Autoren machen mussten, um sich vorzustellen, hätte angeben können, dass sie nicht im letzten Jahrhundert geboren wurde, ist die junge Caterina Schilirò, die Schülerin am Gymnasium Lienz ist, italienische Wurzeln hat und aus Laas stammt. Sie ist auch Dolomitenstadt Jungreporterin und plant nach der Matura in zwei Jahren in Wien Deutsch zu studieren. Ihre Geschichte „Erinnern vergessen“ beschreibt einfühlsam die Welt, wie sie in der Demenz verschwimmt und verschwindet. „Er blickte auf das Bild, das aus seinem Küchentisch stand, und näherte sich der gerahmten Erinnerung. Ein Mann und eine Frau. Sie lachten. Sie waren glücklich. Aber was war schon Glück? Glück war, wenn kein größeres Unglück passierte. Irgendwann kamen ihm die zwei Gesichter bekannt vor. Die Namen der Personen kannte er nicht. Es war Zeit für einen Kaffee. Er meinte zu wissen, dass er morgens immer einen Kaffee trank. In seiner Erinnerung stand der Kaffee jedoch schon auf dem Tisch, wenn er den Raum betrat. Er wollte nun nicht mehr in diesem elenden Zimmer sein. Er ging über die kalten Fliesen, durch den langen Flur bis zur großen Haustür und öffnete sie. Ein Windstoß schlug ihm ins Gesicht.“

Caterina Schilirò schreibt – wie wohl viele der anderen Autoren auch – bereits an einer Geschichte für den nächsten Wettbewerb. Das Buch „Gegenwind“ wird dann in einem Jahr vorgestellt werden. Es ist anzunehmen, dass auch zu diesem Thema jede Menge spannender Geschichten geschrieben werden. Wer seinen eigenen Text noch bis zum 1. Mai um 23:59 Uhr einreichen möchte, findet hier alle notwendigen Informationen:

Direkter Link zum Mölltaler Geschichten Festival


Die Bücher gibt es um 19.95 Euro bei den meisten Gemeindeämtern des Mölltals, im Buchhandel, online und beim Festival – per Email an info@moelltaler-geschichten-festival.at oder mit Anruf auf +43 (677) 625 99 747.

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