Sebastian Kurz nach seiner Abwahl als Kanzler: Kein Mediengespräch, sondern eine Wahlrede vor Freunden. Foto: Expa/Schroetter

Sebastian Kurz nach seiner Abwahl als Kanzler: Kein Mediengespräch, sondern eine Wahlrede vor Freunden. Foto: Expa/Schroetter

Gleichklang macht noch keine gute Musik

Früher gab es politische Berater, heute gibt es die „Message Control“.

Gefilterte Nachrichten, perfekt inszenierte Bilder, stets eine virtuose Botschaft bereit, auch für den Notfall. Viel Optik, wenig Inhalt. Freundliche Erscheinung, immer höflich, nie aus der Rolle fallend, selbst im Moment des Falls noch lächelnd, nur um Augenblicke später in der jubelnden Masse Wiederauferstehung zu feiern. Kaum jemand beherrscht das so gut wie Sebastian Kurz mit seinem PR-Team. Und die Mehrheit hängt freudig an seinen Lippen.

Dahinter steckt eine streng funktionierende PR-Maschine und ein Heer an ÖVP-Politikern und Jüngern, die bereitwillig dem folgen, was von oben als Botschaft ausgerufen wird. Es ist die vollkommene Unterwerfung unter ein System namens Message Control. Alles für den guten Zweck, und dieser lautet: an die Macht kommen und an der Macht bleiben. Politische Inhalte braucht man dafür zunächst nur marginal, dafür sehr viel Disziplin. Eine schwache Opposition, die das Spiel (noch) nicht so gut beherrscht, ist hilfreich. Dass es die ÖVP ist, die dieses Spiel bestimmt, ist kein Zufall, doch sicher ist, dass andere es gerne ähnlich machen würden.

Wohltönende Worte

Früher sprach man von Propaganda. Das Wort ist allerdings belastet. Der englische Begriff Message Control klingt harmloser. Für die Demokratie ist sie dennoch pures Gift, denn sie verhindert das Denken – und zwar der Politiker ebenso wie jenes der Bürger.

Zeiten, in denen Minister Politik machten und eigenständig Themen auswählten, wie das die einstige Frauenministerin Johanna Dohnal tat, aber auch dafür gehasst wurde, sind heute nicht mehr möglich. Ein Team von PR-Profis plant mit einem winzigen Kreis die Themen und gibt das Wording aus. Das macht es möglich, mehr Quereinsteiger und Junge in höhere Positionen zu hieven. Diese sind dankbar für die Karrierehilfestellung und leicht kontrollierbar. Der Nachteil: Die einzelnen Politiker werden austauschbar. Man kommt und geht, und man sagt, was vorgegeben ist. Die Wiederholung der selben Worte ist essentiell, womit wir wieder bei Propaganda wären.

Message Control beruht auf wenigen Regeln. Man sucht zunächst ein Problem, das man gut mit Emotionen besetzen kann. Gibt es keines, schafft man eines. Das Asylthema funktioniert notfalls immer. Dann bietet man eine Lösung, am besten eine, die gut klingt aber schwer zu überprüfen ist. (Das Schließen der Balkanroute durch einen jungen Außenminister, war da nicht etwas?)

Wichtig ist die Ankündigung. Mit den Details will sich ein Großteil der BürgerInnen ohnehin nicht auseinandersetzen. So reicht eine Anmerkung gegen Sozialschmarotzer, wo doch sowieso jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der in seiner Umgebung jemanden hat, der gar nicht arbeiten will. Zu verbergen hat auch niemand etwas, wie die meisten bemüht sind zu betonen, wenn der Datenschutz für vermeintlich mehr Sicherheit aufgeweicht wird. Und wenn gar nichts funktioniert, inszeniert man ein Bild vom Bad in der Menge. Diese ist durchgestylt, ein paar Junge, frisch und sauber gekleidet, ein oder zwei ältere Menschen, ein paar freundliche Gesichter und dazwischen jemand, der nicht inszeniert ist, damit es natürlich wirkt.

Kleine Häppchen ohne Tiefe

Von allem, was man tut, bietet man kleine Informationshappen. Nur nicht zu viele Fakten und Zahlen auf einmal, das irritiert nur. Stattdessen das wenige Gesagte bitte mit viel Gefühl und Sorge um die Bevölkerung aufladen. Dann ist diese beschäftigt und hinterfragt weniger. Die Botschaft: Wir kümmern uns um euch!

Man verbinde dann alles mit einer paradiesischen Zukunft und erkläre diese mit so einfachen Worten, als würde man sie einem Kind erklären. Hier punktete in letzter Zeit Bundespräsident Van der Bellen, der mit wenigen Worten das Gefühl vermittelte, alles sei unter Kontrolle. Mach’ma schon! Genau hier sieht man das Dilemma der Message Control. Sie ist per se nicht negativ, sie kann beruhigen. Sie führt aber dazu, dass man zu denken aufhört und sich zurücklehnt. Der Bürger wird zum Zuschauer – und das gerne. Jemand kümmert sich um uns!

Wer sich wehrt oder zu viele Fragen stellt: das sind die Außenseiter. Sicher sind sie schuld, dass nichts weitergeht. Lassen Sie uns doch einmal in Ruhe arbeiten! Damit kann man sogar davon ablenken, falls man selbst keine Lösungen außer den hübschen Botschaften hat. Auch das kann die Message Control, jederzeit Schuldige finden. Grundregel: Man bleibt höflich. Sich aufregen? Das tun nur die anderen, daran sieht man ja, dass sie „schuldig“ sind, oder?

Message Control bedeutet aber auch, dass man sich immer weniger mit (unbequemen) Journalisten abmüht, sondern lieber selbst „Journalismus“ produziert: fertige, aalglatte Pressemeldungen, Pressekonferenzen ohne Nachfragemöglichkeit, Social Media-Auftritte. Dort kann man unwidersprochen Gewolltes streuen. Man selbst bleibt meist unbeschmutzt, weil es ja „die besorgten Wähler“ sind, die die Arbeit des Verbreitens übernehmen. So manipuliert man, indem man einbindet. Bei H.C. Strache hat das nach „Ibiza“ gut funktioniert. Binnen Tagen sprach man erstaunlicherweise nur noch über die Illegalität der Videoaufnahme, nicht aber über die Illegalität seiner Vorhaben.

Die Verantwortung der Bürger

Das Ganze hat auch Nachteile und kann zu völlig über-coachten Politikern führen, deren Worte nur noch leere Hülsen sind – das kann inzwischen auch die SPÖ mit einigen ihrer Männer ganz gut. So schädigt die Message Control auf Dauer die Politik und damit auch die Demokratie, denn Politiker sind keine eigenständigen Personen mehr, sondern austauschbare Avatare, gelenkt von PR-Experten. Doch auch hier gilt: Als Bürger oder Bürgerin hört man, was man hören will, und vielfach wird in eine leere Hülle leichter das hineininterpretiert, was man sich zu hören wünscht. Man kann es sich bequem machen und die Manipulationen über sich ergehen lassen. Dann beginnt man irgendwann, sie zu glauben. Oder man setzt sich auf, hört und schaut genau hin und lernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das ist anstrengend.

Message Control ist so lange mächtig, solange die Bürger daran glauben. Ändern wird sich das nur, wenn Letztere beschließen, selbst zu denken. Es hat sich noch in jedem politischen System irgendwann herausgestellt, dass die Bürger und Bürgerinnen nicht dumm sind. Sie lassen sich manchmal einlullen und in den Schlaf wiegen, die Geschichte lehrt allerdings: Irgendwann sind wir noch immer aufgewacht.


„Wir betreten Neuland“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor der Angelobung der Expertenregierung. Es ist eine Zeit des Übergangs, ehe nach den Neuwahlen im Herbst eine neue Regierung angelobt wird. Anlass genug, sich ein wenig genauer mit dem demokratischen System Österreichs auseinanderzusetzen. Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – wird bis zur Regierungsbildung wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen analysieren und die Hintergründe erklären.

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18 Postings bisher
Anthony Soprano

Eine Frage stellt sich mir allerdings schon. Wer gibt den den PR - Profis die Richtung vor in die es gehen soll???

wolf_c

Mir kommt nicht vor, daß Frau Ingruber ihren Standpunkt extra betonen müßte. Ihr Standpunkt ergibt sich meiner Meinung nach glasklar aus dem Punkt für Punkt Geschriebenen.

Eine Überschrift wie „Kommentar“ oder „Meinung“ erübrigt sich, "Objektivität" soll wohl das Mißfallen von heli52 ausdrücken?

Sie beschreibt die Rezeptur der Inhaltsstoffe, Ingredenzien, sie erklärt die Gewürze und Aromen, sie legt die Betriebsanleitung des für den smarten PolitProfi notwendigen modernen Machtmenüs wunderschön dar. Punkt um Punkt nachvollziehbar; erstaunlicherweise geht heli52 auf kein einziges Argument ein, stimmt er also mit Frau Ingruber überein oder/und versteht er die Argumente nicht?

Des weiteren ist die zeitweilige Einsicht in die Menschenrechte von Nutzen, außer man will weiter die Kräfte des mefirst, des kalten, des trennenden und des zerstörenden bedienen und leben.

dolomitenwurm

Sehr geehrte Frau Ingruber, besten Dank dafür, dass die Sie die Debatte über die Manipulation der öffentlichen Meinung nach Osttirol tragen. Empathisch vorgetragener Heilsversprechen für immer wieder neu aus dem Hut gezauberte Scheinprobleme, an denen natürlich immer die anderen „Schuld“ sind, fallen in (Ost)Tirol auf besonders fruchtbaren Boden. Meinungsbildung erfolgt hier auf Basis einer Wochenzeitschrift klerikal-retrobäuerlichen Charakter, fein gewürzt mit Werbungen für das Traditionelle und Horoskopen für den Selbstbetrug , der Sonntagsmesse und dem immer selben Stammtisch. Das Wohlfühl-Bassin, gefüllt mit lauwarmem türkisen Zaubertrank, ist in Osttirol immer gut temperiert. Hier ist ja immer alles am besten, am schönsten und schlecht sind immer die anderen jenseits der Bezirksgrenze, der eigenen Farbe oder gar des eigenen dörflichen Dialektes. Deswegen wird Ihr eiskalter Aufguss sicherlich als Störung der Ruhe wahrgenommen werden. Umso wichtiger ist es, dass die dolomitenstadt und Artikel, wie der Ihre, häufiger all das ansprechen, was den Osttirolerinnen und Osttirolern meist verborgen bleibt, oder was sie gar nicht hören wollen.

Talpa

da wern die schwoazn Versallen glei zu Wadlbeisser wenn a Grüne so an Artikel schreibt....😂

    beobachter52

    Welche "schwoazn Wadlbeisser"? @heli52 wünscht sich entweder Objektivität oder eine klare Darstellung der politischen Position und nicht das Verstecken hinter einer "Expertenmeinung", @Behu freut sich auf die Kommentare über die anderen Parteien. Alle anderen Kommentare sind doch wohl positiv, oder?

Biker

Danke für den Artikel. Vielleicht gelingt es so manchem Wähler die Augen zu öffnen.

F_Z

kurz googeln hilft doch:

Daniela Ingruber: 2001- 2003 Referentin für Außenpolitik im Grünen Parlamentsklub.

Und ihre beeindruckende Jobbeschreibung lässt vermuten das sie lange studiert hat und dabei vielleicht ein wenig den Kontakt zum einfachen Volk verloren hat.

Hier noch die Jobbeschreibung: Dr.in Daniela Ingruber ist Politikwissenschafterin, Medientheoretikerin, Demokratie- und Kriegsforscherin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Donau-Universität Krems tätig. Zudem bereitet sie JournalistInnen und NGO-MitarbeiterInnen auf die Arbeit in Konfliktregionen vor und ist politische/dramaturgische Beraterin von Filmprojekten. Von 2012 bis 2016 war sie als Gastprofessorin an der UN-mandierten University for Peace (UPEACE), anschließend an der HHS in Den Haag. Als Lektorin lehrt sie an österreichischen sowie internationalen Universitäten, Publikationsschwerpunkte sind Demokratie, Frieden und Medien.

Schlossgespenst

Sehr stimmige Abhandlung, Frau Ingruber! Ich wünschte nur, ich könnte ihren Optimismus bzgl. Dummheit des Wahlvolks teilen!

Behu

Sehr geehrete Frau Ingruber, ich freu mich schon auf ihre Kommentare oder wie es hier heißt „Politik im Blick“ zur SPÖ, Neos, FPÖ, Grüne und Liste Jetzt. Denn als überzeugte Demokratin wäre es ja politisch mehr als fragwürdig wenn sie hier nur die ÖVP anpatzen würden, nicht wahr?

    dazu folgendes

    gähn... anpatzen.... gähn...tal silberstein...gähn...rotblaue koalition.. gähn ... hass auf die övp ... gähn ... anpatzen ... und nochmal von vorne

heli52

Etwas mehr Objektivität würde ich mir von einer "Demokratieforscherin" und Kommentatorin in einem unabhängigen Medium schon erwarten! "Gefilterte Nachrichten, wenig Inhalt, vollkommene Unterwerfung, aalglatte Pressemeldungen, Schließen der Balkanroute, Ankündigungen ohne Inhalt ...." diese Zitate ließen sich lange fortsetzen! Klingen aber ganz wie Kommentare der SPÖ oder der Grünen ... der Opposition über Sebastian Kurz (wobei eine Expertin wissen müsste, dass es derzeit keine Opposition im Nationalrat gibt) .... Also bitte, entweder eine objektive politische Analyse oder klar darlegen, auf welcher Seite man politisch steht!

    senf

    Message Control

    "Sie ist per se nicht negativ, sie kann beruhigen. Sie führt aber dazu, dass man zu denken aufhört und sich zurücklehnt. Der Bürger wird zum Zuschauer – und das gerne"

    heli52, und genau dich hats erwischt und weil du keine antwort hast, findest du sofort in der opposition das opfer. aber darum gehts ja im beitrag nicht.

    kluge frau, die daniela ingruber!

    wolf_c

    ... da will wohl jemand Blasphemie vom Jesus abwenden, ein Frühaufsteher vermutlich ...

    dazu folgendes

    dass messias kurz das parlament und damit die vom volk gewählten vertreter verabscheut hat er ja hinlänglich bewiesen.

    Aber der Schulterschluss mit den klerikalen, evangelikalen religiösen fundamentalisten letztens in der stadthalle war schon äußerst befremdlich. Mal schauen, wann der basti fantasti auf den kreationismus zug aufspringt ...

      F_Z

      Erklärst du mir bitte wie er das bewiesen hat? Ich komm nicht drauf...

      dazu folgendes

      @ F_Z: sollte eigentlich jedem bekannt sein, aber helfe gerne weiter: - regelmäßige absenz von (wichtigen) nationalratssitzungen, meist zufälligererweise, bei thematiken, bei denen er angreifbar war - gesprächsverweigerung mit ngos, kirchen, parlamentarischen ausschüssen - nichtannahme seines nationalratsmandats, stattdessen ein durch die lande tingeln wie ein möchtegern volkstribun - fragwürdige sprüche a la "das parlament hat bestimmt, das volk wird entscheiden" (sic!) dem basti sollte man mal das wesen einer repräsentativen demokratie erklären... - installation seiner engsten vertrauten köstinger als parlamentspräsidentin (eines der wichtigsten ämter des landes) für ein paar wochen als sprungbrett bzw mediales bekanntwerden lassen - verhalten während reden des politischen gegners (siehe rede peter pilz https://www.youtube.com/watch?v=LweDjvPSsoI) - usw. usf.

      F_Z

      Deine Argumentation reißt mich jetzt nicht vom Hocker, und nur um ein Argument herauszunehmen: Bei wievielen Sitzungen war Kurz anwesend? sieht ja nicht sooo schlecht aus: https://politometer.addendum.org/

      Aber eigentlich spielt das auch keine allzugroße Rolle. Ich denke ja, das viele die Kurz gewählt haben ihn nicht für den Messias halten - eher für das kleiner Übel.

      Was würdest du denn vorschlagen wen ich wählen soll?

      dazu folgendes

      nunja. ich würde meinen man wählt diejenige partei, mit deren wahlprogramm man sich am besten identifizieren kann und lässt das ganze nlp politikergewäsch außen vor. nur mal so ein vorschlag.