Verdis Aida in Erl: Ein entschlackter Klassiker

Keine Elefanten. Und auch kein Ägypten. Dafür lang anhaltender Applaus.

„Aida“, der allerorts als zeitlos anerkannte Opernklassiker von Giuseppe Verdi, feierte am Samstag bei den Tiroler Festspielen Erl seine Premiere. Die musikalische Leiterin Audrey Saint-Gil und Regisseurin Daniela Kerck schraubten mit den Mitteln einer zeitgenössischen Interpretation und klanglicher Entschlackung aber ausgerechnet an dem Klassikerstatus herum. Mit überwältigendem Erfolg.

Keine Elefanten. Und letzten Endes auch gar kein Ägypten. Allein schon das Setting sorgte in der Erl-Fassung der „Aida“ für Irritationen. Das Szenario könnte in der Gegenwart oder aber auch in einer dystopischen Zukunft angesiedelt sein. Man stemmte sich damit kühn gegen die weltbekannten Pathos-Inszenierungen der „Aida“ und gegen jedweden Heldenkult. Form und Inhalt passten damit zusammen, denn in dem Werk gibt es im Grunde keine Helden, dafür aber unfassbar schöne Arien und sehr viel Leid.

Die äthiopische Sklavin Aida gerät im Verdi-Klassiker bekanntlich zwischen alle Fronten. Der geliebte Radamés ist für sie im Grunde genommen ein Feind. Als der Krieg zwischen Äthiopien und Ägypten voll entfacht ist, sind auch ihre Herzen vollständig entflammt. Zur Entspannung der Situation trägt auch wenig bei, dass der König dem siegreichen Krieger Radamés die Hand seiner Tochter Amneris anträgt. Traute Zweisamkeit finden die beiden Liebenden am Ende nur im Grab, in das man den schließlich als Vaterlandsverräter gebrandmarkten Radamés bei lebendigem Leib steckt. Aida hat sich zuvor schon, bevor dieses verschlossen wurde, hineingeschlichen. Die beiden sterben, natürlich nicht ohne die schönste und berührendste Arie des ganzen Werkes gesungen zu haben.

Die Oper endet somit nicht mit einem Knall und möglichst vielen Toten, sondern mit bittersüßer Traurigkeit von zwei Liebenden, die in den Kriegswirren keinen Ort finden, um ihr Liebesglück auszuleben. Der temporäre Ort ihres Glücks, das Grab, hat ein klares Ablaufdatum und ist sinnigerweise von der Welt abgeschlossen. Es scheint, als ob sich Kerck und Dirigentin Saint-Gil von diesem stillen Ende inspirieren ließen und dadurch den oftmals martialisch auf die Bühne gebrachten Klassiker gehörig auf den Kopf stellten.

Die Chöre donnerten noch immer, aber zugleich wurden auch schon ihre Machart und Absicht hörbar. Das Pathos wirkte ausgestellt, durchschaubar. Anrührend und innig kamen hingegen vor allem die Liebesdialoge von Aida und Radamés daher. Maria Katzarava als Aida sang mit Leidenschaft und umschiffte mit klarer Stimmführung etwaige Pathosfallen, Ferdinand von Bothmer als Radamés stand ihr stimmlich wenig nach und auch Teresa Romano als Amneris überzeugte vollauf.

Alle Fotos: Festspiele Erl/Xiomara Bender

Im Laufe des Abends gewann man, jetzt wo das Verdi-Meisterwerk schon mal aus seinem ursprünglichen Zeithorizont und angestammten Ägypten-Kontext gelöst war, außerdem mittels Videoeinspielungen noch überzeitliche Einsichten zur Unterdrückung der Frauen, Kriegsführung und gefährlichem Nationalismus. Dass diese Video-Interventionen niemals banal oder belehrend daherkamen, darf der Regie, dem Bühnenbild und dem musikalischem Rahmen zugeschrieben werden. Überhaupt muss die Musik als eigentliche Sensation gewertet werden. Audrey Saint-Gil ließ das Orchester kraftvoll und zugleich unprätentiös musizieren, zupackend in den richtigen Augenblicken, kristallklar und subtil an anderen Stellen.

So fiel dann auch der Schlussapplaus, neben den verdienten Begeisterungsstürmen für Teresa Romano und Maria Katzarava, besonders euphorisch bei den Auftritten von Dirigentin und Regisseurin aus. Das weibliche Doppel hat in dem Erl der Post-Kuhn-Ära zweifellos einen künstlerischen Triumph maßgeblich mitzuverantworten.


„Aida“ von Giuseppe Verdi. Musikalische Leitung: Audrey Saint-Gil, Regie und Bühnenbild: Daniela Kerck, Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer. Mit: Raphael Sigling (Il Ré), Teresa Romano (Amneris), Maria Katzarava (Aida), Ferdinand von Bothmer (Radamés), Giovanni Battista Parodi (Ramphis), Andrea Silvestrelli (Amonasro), Denys Pivnitsky (Messo), Giada Borrelli (Sacerdotessa), Orchester und Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl. Nächste Vorstellungen am 12. Juli und 19. Juli 2019.

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