Bye, Sally, bye ! – „Migration beendet“

Leserbrief von Nikolaus Schneeberger einen Tag vor der Ausreise der Familie Magomedov.

Bye, Sally, bye! – „Migration beendet“ – Mit dieser trockenen Meldung empfing mich gestern Abend mein Computer, den ich im Laufe des Tages neu aufgesetzt hatte. Gestern Abend, als ich hängenden Kopfes nach Hause kam. Gestern Abend, als ich meine ehemalige Schülerin Salichat Magomedova, von uns liebevoll „Sally“ genannt, vielleicht das letzte Mal gesehen habe. Gestern Abend, als sich Nasiba und ihre drei Töchter von ihrem engsten Kreis verabschiedet haben, um freiwillig in das Land ihrer Herkunft zurückzukehren.

Nasiba, Salichat, Alia und Safia Magomedov folgen ihrem Vater nach Dagestan. Die Familie war in Osttirol glücklich. Foto: privat

Rückblende: Vater Magomed wird im September 2018 festgenommen und binnen Stunden nach Dagestan abgeschoben. Mutter Nasiba taucht daraufhin mit ihren drei Lieben unter. Solange, bis sie und ihre Kinder es nicht mehr aushalten in der Isolation, ohne Mann, ohne Papa, um den sie in ständiger Sorge sind, ohne ihr inzwischen gewohntes und liebgewonnenes Osttiroler Umfeld mit Freunden, Schule, Kindergarten. Also beantragen sie Mitte Dezember die „freiwillige Rückkehr“ in ihr Herkunftsland, kehren daraufhin wieder zu ihrem „normalen“ Alltag zurück, ein Alltag mit Ablaufdatum.

Es beginnt ein unfassbarer Behördenmarathon, denn die Vier sind inzwischen staatenlos, haben also keine Reisedokumente, keine Staatsbürgerschaft, dürfen folglich nicht in Russland einreisen: Termin bei der russischen Botschaft in Salzburg – Zurückweisung des Antrags auf Staatsbürgerschaft für Nasiba wegen formaler Fehler (Antrag wurde nicht in BLOCKSCHRIFT verfasst!!!) – neuer Termin – warten auf Nasibas Dokumente, ohne die sie keine Anträge für ihre Kinder stellen kann – endlich, Ende Juni, ist Nasibas Pass fertig – Dokumente für die Mädchen beantragen – voraussichtliche Fertigstellung Anfang September – intervenieren und warten – schlussendlich die nötigen Dokumente in den Händen.

Nun ist es fix: Die Magomedovs dürfen/können/müssen ausreisen. Heute im Zug nach Wien, morgen im Flugzeug nach Moskau und weiter nach Machatschkala/Dagestan. In ein Land, das den Kindern nicht heimatlich, sondern fremd ist: Sally war keine vier Jahre alt, Alia ein Baby, als ihre Flucht begann, Safia ist in Österreich geboren. In ein Land, in dem Sally und Alia neu schreiben lernen müssen: mit den 33 Zeichen der kyrillischen Schrift. In ein Land mit ungewohnten Sitten und Gebräuchen: Dagestan ist ein traditionell muslimisches Land, zwar großteils gemäßigter Ausprägung, aber mit zunehmend konservativen Strömungen. In ein Land, in dem die Kinder, abgesehen von ihrem Vater, nichts und niemanden kennen – Neuland statt Heimat.

Hier bei uns aber werden sie fehlen: als „bff“ („best friend forever“), als künftige Krankenpflegerin (so Sallys Zukunftspläne), als interessanter Farbtupfer in jenen Kreisen unserer westlichen Gesellschaft, die sich als „weltoffen“ bezeichnen.

Bye, Sally, bye!
„Migration beendet“.


PS: Eine Bitte an potenzielle Poster: Respektiert meine/unsere emotionale Bindung zu diesen Menschen, verzichtet auf „hässliche“ Einträge und wahrt so die Würde der Familie Magomedov und all jener, die sie in ihr Herz geschlossen haben. DANKE!

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7 Postings bisher
PdL

Es freut mich zu lesen, dass es doch noch ein paar Menschen gibt, denen humanistische Werte noch etwas bedeuten.

Dennoch bestürzt es mich um so mehr, dass es auch heute noch Menschen gibt, in diesem reichen Österreich, die nur aus reiner Boshaftigkeit und Schadenfreude den Stab über das Schicksal von Menschen, ja Kindern lustvoll zu brechen bereit sind.

Das Wissen darum, macht mich unendlich traurig, zu wissen, dass viele Menschen nichts gelernt haben und bei geringster Änderung der politischen Konstellation zu Gräueltaten wieder bereit wären.

MarieAnne

Vielen Dank für diesen wunderbaren Leserbrief! Für die Herzlichkeit zwischen den Zeilen. Für den kleinen Einblick und das in-Erinnerung-Rufen des langen, müßigen Weges der Magomedovs. Für den pointierten letzten Satz, der so viel aussagt.

julchen

an Euch alle, die Ihr so traurig seid:

Ihr hattest das Glück, Einblicke in eine andere Kultur zu bekommen, unbezahlbahre Freundschaft zu erfahren und dem kleinkarierten, territorialen Denken, das leider so viele in unserer Gesellschaft plagt, zu entkommen. Eure gemeinsamen Erfahrungen - alle guten und schlechten - machen euch stärker, toleranter und zu besseren Menschen. Seid stolz auf euch, liebe Familie Magomedov und liebe Freunde, die Ihr diese Familie auf so menschlich wunderbare Weise angenommen und unterstützt habt. Eure tiefe Freundschaft kann Euch NIEMAND nehmen, Eure Kinder haben Toleranz und Mitgefühl gelernt und erfahren - UNBEZAHLBAR in der heutigen Zeit. ALLES WIRD GUT .

donie

Auch wenn man sich auf den unvermeidlichen Abschied vorbereitet hat, so ist es schlussendlich doch eine ganz andere Sache, wenn man sich wirklich zum letzten Mal unarmt. Menschen, die das Leben bereichern und Leben in unser Haus gebracht haben, die stets bemüht waren, nach unseren Gepflogenheiten zu leben, sind plötzlich nicht mehr da. Und das lässt schon eine tiefe Leere zurück... Ich hoffe und wünsche den Magomedov Mädels, dass sie ein fröhliches Wiedersehen mit Magomed feiern können, und meine Familie hält sich an Magomeds Nachricht: "Wir sehen uns auf jeden Fall wieder"....

Biker

Traurig die Politik der letzten Jahre. Wünsche der Familie alles Gute.

Beatrix Herzog

Liebe Magomedovs, ich hoffe ihr habt Gelegenheit das zu lesen. Freut euch auf euren Papa - deinen Mann - ihr habt euch so lange nicht gesehen.

Als Familie kann euch nun nichts mehr trennen.

Ich werde euch vermissen in Lienz... ich sage nicht good bye ...

See you!!!

Passt auf euch auf!!!

klf2015

Danke! Wir sollten uns unserer humanen Wurzel wieder bewusst werden. KEIN Mensch ist illegal! Alles Liebe