SOS-Kinderdorf warnt vor Stress zu Schulbeginn

Aktuelle Änderungen im Schulsystem könnten den hohen Leistungsdruck noch verschärfen.

Die Jugendlichen von heute stehen von allen Seiten unter Druck: Leistungsdruck, Freizeitoptimierung oder das Mithalten im Freundeskreis sind bekannte Gegenspieler einer unbeschwerten Jugend. Mit dem Schulbeginn sind sie nicht nur in der Schule gefordert, sondern auch danach – mit Hausübungen, Lernen, Kursen oder Trainingsstunden. Laut einer repräsentativen Studie, die SOS-Kinderdorf im Frühjahr 2019 beim Institut für Jugendkulturforschung in Auftrag gab, empfinden 88 Prozent der 14- bis 18-Jährigen Stress. Schule und Ausbildung sind demnach die größten Stressfaktoren.

SOS-Kinderdorf appelliert deshalb zum Schulbeginn zu mehr Achtsamkeit. „Es ist wichtig, bei der Leistungsorientierung eine gute Balance zu finden“, so Nora Deinhammer, Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf. „38 Prozent aller Burschen und 53 Prozent aller Mädchen haben Angst, im Leben nichts zu erreichen. Das ist besorgniserregend.“

38 Prozent aller Burschen und 53 Prozent aller Mädchen haben Angst, im Leben nichts zu erreichen. Foto: Scott Webb/Unsplash

Eltern meinen es gut, wenn sie zu guten Noten animieren. Statt motivierend zu wirken, kann das aber leicht zum Gegenteil führen und Zukunftsängste auslösen. Aktuelle Änderungen im Schulsystem drohen die Dynamik zu verschärfen. Systeme wie verpflichtende Ziffernnoten schaffen schon bei den Kleinsten unnötigen Leistungsdruck. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die psychische Entwicklung von jungen Menschen. Genug Freiraum für Kreativität, Spiel und Ausgleich hingegen stärken die junge Persönlichkeit.

Darüber hinaus belasten Jugendliche noch ganz andere Themen, wie zum Beispiel Konflikte untereinander. Denn Schule ist nicht nur eine Bildungsstätte, sondern auch ein sozialer Ort. Bei der Jugend-Hotline Rat auf Draht werden täglich mindestens zehn Beratungen zum Thema Schule geführt. „Knapp die Hälfte dreht sich dabei um Themen wie Mobbing und das zwischenmenschliche Miteinander. In vielen Fällen hilft es, wenn wir Mut zusprechen, die Missstimmung untereinander zu klären. Jugendliche sind oft schnell verunsichert, vermuten etwas, ohne miteinander gesprochen zu haben“, so Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht.

Im familiären Umfeld sollten Kinder und Jugendliche genau auf solche Situationen vorbereitet werden. Sie brauchen Unterstützung, um im späteren Leben Herausforderungen meistern zu können und Strategien zu lernen, wie man konstruktiv mit Stress und Druck umgeht. Wichtig dafür sind eine gute Beziehung in der Familie und ausreichend gemeinsame Zeit. Diese fehlt jedoch oft: 55 Prozent der Jugendlichen wünschen sich mehr gemeinsame Freizeitaktivitäten mit der Familie, 22 Prozent fehlt in der Familie die Zeit, um über wichtige Themen zu sprechen.

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14 Postings bisher
Sonnenstrahl

Ja, ja, unsere lieben Kinder und die Pädagogik! Leider steht im Bezug auf das "schulische Lernen" hauptsächlich kognitives Lernen im Vordergrund. Wie es mit der emotionalen Intelligenz, mit Empathie oder mit zwischenmenschlichen Qualitäten aussieht, das steht auf einem anderen Blatt. Wir wollen zwar alle rücksichtsvolle und konfliktfähige junge Leute, investieren dafür wollen wir aber nichts. Weder in der (verpflichtenden) Ausbildungsschiene für PädagogInnen noch direkt an unseren Bildungseinrichtungen (und damit meine ich jene ab dem Kindergarten) gibt es spezielle Angebote für das Erlernen von "Konfliktbegegnungsmodellen", oder für persönlichkeitsentwickelnde und -fördernde Einheiten. Um die muss man sich (z. B. als PädagogIn) bei Interesse schon selbst kümmern und diese auch selbst finanzieren. Und dann ist es noch ein weiter Weg, bis dieses Wissen und Können möglicherweise auch angewendet werden darf (am besten noch ohne Bezahlung). Unser Bildungs- und Schulsystem hat ja in echt keinen Platz dafür vorgsehen. Ich bin der Meinung, wenn wir uns nicht auch und ganz besonders darum kümmern, unsere Kinder als "ganze Menschen" ernst zu nehmen und ihnen Wachstumsmöglichkeiten auf allen Ebenen zu bieten, wird uns das früher oder später auch als Gesellschaft einholen. Denn irgendwann sind diese Kinder unsere Erwachsenen und wir vielleicht die "Alten", die darauf angewiesen sind, mit Mitgefühl und Würde behandelt zu werden. Doch wer das nie als erstrebenswerten Wert erfahren hat ... wie wird der/die wohl später ihre Begegnungen gestalten?

klf2015

Also, an alle Pädagogik_Insider: zwei Buchempfehlungen, eine Filmempfehlung für all jene, die noch an das preußisch/theresianische System glauben: `Alphabet`, Arno Stern, Prisma Film; `Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen`, Buch von Gerald Hüther und Uli Hauser, Knaus, 2012; `Etwas mehr Hirn, bitte`, Buch von Gerald Hüther, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015; Guten Morgen!

le corbusier

@klettermaxi, lienzner, banana & co: habt ihr den artikel eigentlich gelesen? da geht es in keinster weise um "kuschelpädagogik" oder dass kinder verweichlichen.

die realität ist ja eine ganz andere: wenn das kind in der volkschule nicht zumindest 3-sprachig unterrichtet wird haben die eltern schon schiss, dass es am umkämpften arbeitsmarkt keine chance mehr bekommt. nach der schule zum ballet für die gute haltung, danach zum judo um sich im leben durchboxen zu können. am abend noch zur jvp (aufstiegschancen bonus), noch schnell zum joga und dann mit kopfhörer und einem hörbuch von "krieg und frieden" ins bett.

im ernst, ich habe schon kinder getroffen, die kommen in der woche locker auf 40 stund verplanter zeit. die bekommen mit 10 schon mitgegeben, dass die arbeitswelt nur konkurrenz bedeutet. das kann nicht gesund sein, nicht für die kinder und nicht für die gesellschaft.

    Lienzner7

    Schon klar! Aber wie dann die Freizeit gestaltet wird ist ihre eigene Sache. Muss keiner zum Ballett- oder Judo-Unterricht, wenn man da nicht hin will. Das Problem ist, dass keiner mehr selbst entscheiden will oder kann, was ihm oder ihr gefällt. Es muss immer den vorgegebenen Trends nachgelaufen werden, wie eben zb judo oder Ballett (keine Ahnung was gerade "Pflicht" ist). Die Kids sollen mal wieder mehr sie selbst sein und nicht dasselbe tun wie alle anderen aus Angst nur ein bisschen anders zu sein...

      le corbusier

      "Die Kids sollen mal wieder mehr sie selbst sein..." genau das wäre erstrebenswert, aber die Kids werden von den Eltern gepusht und gepusht um etwas zu erreichen. Dadurch entsteht der Stress für die Kids. Die Eltern werden ihrerseits von der Gesellschaft getrieben, die Kinder bestmöglich auf die Konkurrenz am Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Klettermaxi

Dem ist doch noch etwas hinzuzufügen - die sogenannte "Kuschel - Pädagogik" beginnt ja schon im Kindergarten oder noch früher, wo jedes Kind nur mehr das zu tun braucht, was es selbst will. Ich hoffe für Kinder, Erziehungsberechtigte, Pädagogen und Arbeitgeber, dass bald ein Umdenken stattfindet und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen MÜSSEN und SOLLEN wieder hergestellt wird.

    bergfex

    Da ich ein wenig Einblick in die Methoden der Erziehung im SOS- Kinderdorf habe, kann ich dem nur voll zustimmen. Gerade das SOS- Kinderdorf sollte doch schauen in ihrem Bereich alles auf die Reihe zu bekommen. Da liegt einiges im Argen. (Kuschelkurs funktioniert nicht)

banana181

Ich kann Lienzner7 zu 100 Prozent zustimmen! Die Schule wird aus meiner Sicht heutzutage von gewissen Eltern als ,,All-inclusive-Paket“ gesehen … ganz nach dem Motto ,,Möglichst billig ein hoher Ertrag mit wenig Eigenleistung bzw. Unterstützung“. Manche wollen einfach nicht verstehen, dass das Lernen auch ein gewisses Maß an Eigenmotivation und Anstrengungsbereitschaft erfordert. Die Kinder auf das Leben vorzubereiten, das bedeutet eben auch, dass sie lernen, dass nicht immer alles leicht geht und dass ein gesundes Maß an Frustrationstoleranz notwendig ist. Manche Eltern tun den Kindern auch nichts Gutes, wenn sie ihnen bereits in jungen Jahren zu viele Möglichkeiten verwehren, Erfahrungen zu sammeln, und ihren Kindern vor Schuleintritt vormachen, die Schule sei nur ,,cool", wenn sie ein Ort des ,,Spieles und Spaßes“ wäre und dass ein ,,gute" Lehrpersonen nur ,,gut" ist, wenn sie für ,,Action" sorgt. Förderlich ist es für bestimmte Kinder auch nicht, wenn sie, wegen der des Ehrgeizes der Eltern, die erste Schulstufe besuchen sollen, obwohl sie vielleicht noch ein Jahr Förderung bräuchten oder, wenn manche ins Gymnasium gehen müssen und vielleicht besser in der NMS aufgehoben wären. Das wahre Problem unserer Gesellschaft ist, dass jeder dasselbe leisten soll, nicht alle aber die gleichen Voraussetzungen mit sich bringen. Und wenn sich dann schulisch nicht rasch der, von den Eltern geforderte und erwartete, Erfolg einstellt, dann werden eben die Fehler bei den PädagogInnen gesucht, denn für den Lernerfolg sind ja einzig und allein die Schule und die Lehrpersonen verantwortlich! Schließlich wurde ja all-inclusive gebucht;-)

Klettermaxi

Ich teile die Meinung von *Lienzner7* zu 200% - dem ist nichts mehr hinzuzufügen...

Lienzner7

Je mehr die Schüler in der Schulzeit mit Stress umgehen lernen, desto weniger muss sich dann der Arbeitgeber und die Kollegen mit einem Heiterle herumärgern. Der böse Leistungsdruck.....wo wäre denn der Antrieb?

Stress und Druck hat es immer schon gegeben, früher noch mehr sogar und heute ist alles gleich zu viel.

Einfach immer weiter die Ansprücher herunterdrehen, dass jeder noch so unmotivierte und unfähige Tollm seinen Abschluss bekommt. Die Abschlussstatistik gut aufpolieren. Da soll sich dann lieber die Arbeitswelt darüber ärgern, dass zwar ein Herr Dr. X auf der Matte steht, dieser aber keine Leistung erbringen kann und nach 3 Stunden rasten muss.

    F_Z

    naja, in der Prä-Handy-Zeit hatte man noch irgendwann einfach Zeit zum Abschalten - speziell die Jugend ist heute immer und überall online und macht sich selber eine Menge Stress weil man jeden Furz auf Facebook, Instagram, Snapchat, Whatsapp, usw. lesen muss - und auch kommentieren...

      Lienzner7

      Stichwort "Handysucht". Wir viel zu locker gesehen.

    Franz Brugger

    Der Ausdruck Heiterle stört mich sehr!