Gedenken an Teilung Tirols mit Plädoyer für „Pusterer Buam“

Festredner Felix Mitterer: „Das sind alte Männer, die nicht mehr viel Zeit haben.“

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hat sich für die generelle Amnestie der noch lebenden Südtiroler Attentäter, der drei sogenannten „Pusterer Buam“, ausgesprochen. Es gehe um mehr als um „den Seelenfrieden dieser drei alten Männer“, sondern „auch um eine Symbolik, dass man in Italien ein Zeichen der Versöhnung setzt“, sagte Platter am Dienstag.

Erst vor wenigen Wochen habe er dieses Anliegen wiederum bei Bundespräsident Alexander Van der Bellen und beim italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella deponiert, so Platter bei einer Gedenksitzung des Tiroler Landtags anlässlich des 100. Jahrestages des Friedensvertrages von Saint-Germain und der damit verbundenen Abtrennung Südtirols von Österreich. „Unser Herzblut in dieser Frage kann ich garantieren“, erklärte der Landeshauptmann auch im Namen seines bei der Gedenksitzung ebenfalls anwesenden Südtiroler Amtskollegen Arno Kompatscher (SVP).

Felix Mitterer war der Festredner bei der Gedenkveranstaltung am 10. September im Tiroler Landhaus.

Zuvor hatte sich auch Autor Felix Mitterer, der als Festredner fungierte, für eine Begnadigung der „Pusterer Buam“ ausgesprochen. Ohne diese und deren Mitkämpfer würde „Südtirol heute nicht so dastehen, wie es dasteht. Davon bin ich überzeugt“, meinte Mitterer, der zuletzt mit dem Stück „Verkaufte Heimat“ über die sogenannte „Option“ in Südtirol während des Zweiten Weltkrieges für Furore sorgte. „Bitte setzen sie sich dafür ein. Das sind alte Männer, die nicht mehr viel Zeit haben“, appellierte Mitterer an Kompatscher und Platter.

Im Frühjahr hatte auch die Führungsspitze des Südtirol-Ausschusses im Parlament eine generelle Amnestie der noch lebenden Südtiroler Attentäter gefordert. Ende des Vorjahres hatten die Kinder des Südtirol-Aktivisten Heinrich Oberleitner ein Gnadengesuch an Mattarella gerichtet. Oberleitner, der im deutschen Gössenheim lebt, gehörte zu den „Pusterer Buam“, die für Anschläge in den 1960er-Jahren in Südtirol verantwortlich waren. Die Staatsanwaltschaft Brescia stimmte dem Gnadengesuch zu, die Entscheidung liegt jetzt beim Staatspräsidenten.

Wegen der Anschläge in der Feuernacht 1961, bei der rund 40 Strommasten gesprengt worden waren, und weiterer Attentate erhielten der heute 77-jährige Oberleiter und andere „Pusterer Buam“ langjährige Haftstrafen. Oberleiter wurde ein Mord an einem Carabiniere vorgeworfen. Deswegen konnte der nach Österreich geflohene Oberleiter nicht mehr nach Südtirol einreisen.

Platter und Kompatscher betonten indes bei der Gedenksitzung in ihren Reden, dass vor 100 Jahren eine „Unrechtsgrenze“ zwischen Südtirol und Nordtirol bzw. Österreich gezogen worden sei: „Nur weil es nun 100 Jahre Unrecht ist, wird daraus auch heute, 100 Jahre später, kein Recht“. Kompatscher meinte aber, dass nun mit der Europaregion Tirol „wieder zusammenwächst, was zusammengehört“. Autonomie und die Überwindung der Grenze am Brenner im Zuge der europäischen Einigung seien „die Zukunftsperspektive“ Südtirols. In punkto Faschismus und Nationalismus gab der Südtiroler Landeshauptmann unter anderem zu bedenken: „Wir waren nicht nur Opfer. Auch bei uns gab es Anhänger dieser Ideologien“.


Über den Vertrag von Saint Germain en Laye:

Der am 10. September 1919 unterzeichnete Vertrag regelte in 381 Artikeln die Auflösung der österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie sowie die Friedensbedingungen für den neuen, republikanischen Staat. Neben Bestimmungen, die unter anderem den Anschluss an das Deutsche Reich untersagten, den Staatsname „Deutschösterreich“ verboten und Österreich zu Reparationszahlungen verpflichteten, wurde insbesondere der neue Grenzverlauf festgeschrieben. Südtirol und das Trentino wurden damit Teil des Italienischen Königreichs, für die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung folgten Jahrzehnte der Unterdrückung.

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