Das Ende des Wahlkampfs ist in Sicht

Bald läuft die Banalität der politischen Inszenierungen aus.

Irgendwann ist es genug. Kennen Sie dieses Gefühl, zuviel vom Wahlkampf mitbekommen zu haben? Da eilen die SpitzenkandidatInnen von einer Talkshow zur nächsten. Durch ihre Häufung verlieren die Begegnungen an Relevanz. Es geht nur mehr um eines: Wer hat den besten Sager und sieht dabei auch noch so gefällig aus, dass man ihn oder sie wählen möchte?

Gefallen aber wird langweilig. Das Zuviel der Auftritte kann dann nach hinten losgehen, denn man wartet nur mehr auf etwas, das einen aus der Lethargie des Geplänkels holt. Man weiß ja längst, wie Hofer seinen Ex-Koalitionschef Kurz anbiedert, oder wie Kogler und Meinl-Reisinger wenig Trennendes finden, wie Pilz sich noch einmal selbst inszeniert und dabei auf niemanden eingeht, wie Kurz viel redet und nichts beantwortet und Rendi-Wagner bemüht ist, dem zu entsprechen, was man in der SPÖ von ihr verlangt.

Banalität kennt weder Grenzen, noch Wahrheit

Dann plötzlich ein Aufruhr. Eine Politikerin sagt, ein anderer Politiker hätte etwas gesagt, weil er gehört habe, dass wieder ein anderer Politiker gesagt habe, dass es ihm nicht gut gehe. Kindergarten war schon, danke. Und sofort geht es in der Diskussion darum, die Wahrheit herauszufinden. Erinnert sich niemand daran, dass die Banalität keine Wahrheit kennt? Verwunderlich, dass gar nicht erst diskutiert wird, was es für eine politische Kultur bedeutet, wenn das Einzige, was von einer politischen Auseinandersetzung übrig bleibt, solche Wortmeldungen sind.

Noch verwunderlicher ist nur der Umstand, dass Politiker und Politikerinnen so gegen ihr eigenes Wesen gecoacht werden, dass sie Dinge sagen, die nicht zu ihrem Intellekt passen, sodass bloß Künstlichkeit übrig bleibt. Authentizität war einmal, gerade so als ob die aktuellen SpitzenkandidatInnen nicht genug Charisma hätten, um für sich selbst stehen zu können. Wo sind die Zeiten, als der damalige Grünen-Chef Van der Bellen nach Empfehlungen für eine TV-Konfrontation sagte, er wisse zwar, dass seine Mitarbeiterin recht habe, er wolle aber lieber er selbst bleiben? Das war einmal.

Authentizität war einmal. Inszenierung geht über alles. Doch bald ist es ausgestanden, für Klein und Groß. Foto: Expa/Gruber

Die Quietschgeräusche im Wahlkampf

Heute wird das Man-selbst-Sein ebenfalls inszeniert und der Wahlkampf verlagert sich zuweilen in die Society-Rubrik. Dass Politiker dort auftreten, ist ein Symptom. Doch der Politiker als Privatmann, das geht nie wirklich gut: Ob es Rendi-Wagner am Strand ist, die Touristinnen umarmt, oder Meinl-Reisingers Selfie mit Aluminiumhut beim Friseurbesuch, oder Sebastian Kurz beim Wahlkampfwandertag mit Kind auf den Schultern. Man kommt gar nicht auf die Idee, dass es sich um das Kurz’sche Patenkind handelt, das dem Onkel auf die Schultern springt, weil alles unecht wirkt und gleich zum Wahlplakat vermarktet wird.

Das menschliche Hirn, vielmehr noch die menschliche Seele, kann nur eine begrenzte Anzahl an Halbwahrheiten erfassen. Und dann kommt irgendwann der Punkt: Man will nichts mehr vom Wahlkampf wissen. Man hört im Radio ein Stimme oder sieht im Fernsehen ein Gesicht – und hört nichts mehr außer einem Mahlen derselben Mühlen, ein Quietschgeräusch. Es ist eine körperliche Reaktion gegen etwas, das einem falsch vorkommt, ohne dass man es benennen könnte. Wer es spürt, leidet zwar darunter, kann sich aber glücklich schätzen, weil er oder sie noch ein Gespür dafür hat, wenn etwas nicht echt ist.

Das Gespür für Unechtes

Was aber, wenn nur noch dieses Gespür als Indiz für Unwahrheiten bleibt, weil es für die Bürger und Bürgerinnen gar nicht mehr möglich ist, sich ein reales Bild der KandidatInnen und ihrer Vorhaben zu machen? Die Kommentare in den Medien werden mehr, die inhaltliche Berichterstattung weniger. Das Futter für Letzteres fehlt im Wahlkampf.

Und wenn dann ausgerechnet jener Politiker, der kaum jemals eine Frage beantwortet, öffentlich sagt, er bedauere es, dass nicht mehr diskutiert, sondern lediglich Stehsätze produziert werden, dann weiß man, dass es Zeit wird, den Wahlkampf zu beenden. Man hat alles gesehen, alles gehört – es waren Spotlights, kaum etwas, das dem politischen Diskurs in einer Zeit der demokratischen Unsicherheit gedient hätte. Man ist als Wähler oder Wählerin durch all die TV-Shows und Auftritte wahrscheinlich nicht wesentlich klüger geworden, es sei denn, man hat sich selbst die Mühe gemacht, Partei- und Wahlprogramme (sofern vorhanden) zu durchforsten und zwischen den Zeilen zu lesen, wenn ein Politiker sprach. Und doch muss man hoffen zu wissen, wem man am ehesten zutraut, einige Jahre lang als der oder die eigene VertreterIn im Parlament zu dienen.

Übrigens können noch bis 25. September Wahlkarten beantragt werden, falls jemand am 29. September keine Zeit hat, in ein Wahllokal zu gehen. Ja, das ist ein Aufruf: Bitte gehen Sie wählen!


„Wir betreten Neuland“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor der Angelobung der Expertenregierung. Es ist eine Zeit des Übergangs, ehe nach den Neuwahlen Ende September eine neue Regierung angelobt wird. Anlass genug, sich ein wenig genauer mit dem demokratischen System Österreichs auseinanderzusetzen. Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – wird bis zur Regierungsbildung wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen analysieren und die Hintergründe erklären.

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8 Postings bisher
wolfgangwien

Ja hoffentlich ist dieser Wahlkampfunsinn bald vorbei!!!!

heli52

Der 12-Stundentag wird nach überwiegender Aussage von Dienstgebern UND Dienstnehmern zur Flexilisierung genützt und positiv gesehen und die Karfreitagsregelung wurde vom Europäischen Gerichtshof gefordert, nachdem ein Österreicher (mit Unterstützung der AK) gegen die Bevorzugung der Evangelischen geklagt hatte! Alernative wäre ein totlaer Wegfall des Feiertages für die Evangelen gewesen ...

    Lurch112

    Völliger Blödsinn. Alternative wäre natürlich ein Feiertag für ALLE gewesen. Stattdessen streicht man ihn für alle. Ohhh wie gütig, ich kann jetzt dafür einen Urlaubstag aufbrauchen für meinen "persönlichen Feiertag". Urlaub konnte ich mir schon immer nehmen. Da ist jetzt nix neues dran. Und es redet auch niemand über all die Feiertage, die auf ein Wochenende fallen. Aber die WKO sagt, dass wir wirtschaftlich in den Abgrund driften, wenn am Karfreitag die Geschäfte geschlossen bleiben.

    Talpa

    Und wenn jetzt noch erklärtst, in welcher Realität des so is, wär i dir dankbar. Kann höchstens die Meinung von an Kurzfanatiker sein. 31,4% haben ihn gewählt, nicht 50 oder 60. Wiedermal bla bla ohne Quellenangabe.

Gertrude

Peinlicher geht nimmer.

bergfex

Welch Herz-zerreißende Show. In Wahlzeiten sinken die Politiker auf unterstes Niveau. Und rundherum Lemminge die den Gesegneten sehen und vielleicht durch die Berührung auch erleuchtet werden wollen. Hoffentlich werden sie erleuchtet und wissen wen sie wählen sollen.

    heli52

    Sebastian Kurz war einmal bei einer Veranstaltung, bei der von einem "Sektenführer" auf die Bühne geholt und für ihn gebetet wurde. Wer das Video gesehen hat, weiß, wie unwohl er sich gefühlt hat. Seither (und immer wieder) wird er von seinen fanatischen Gegnern in Postings immer wieder als der Gesegnete, als der, der über das Wasser gehen kann .... bezeichnet! Ich finde das so etwas von bescheuert! Wahrscheinlich finden sie keine anderen Argumante gegen ihn (von denen es auch genug gäbe)!

      Biker

      Hoffentlich hat sich der Herr Kurz auch Unwohl gefühlt als er den Zwölfstundentag und die Karfreitagsregelung durchgesetzt hat.