Foto: CNC/Unsplash

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Wem schadet und wem nützt das Coronavirus?

Die Angst vor Ansteckung bietet Stoff für Verschwörungstheorien.

Ein neues Virus, verwandt mit Viren, die in den letzten Jahren für Panik gesorgt haben; eine Krankheit, ausgebrochen in einem Land, über das man zu wenig weiß und über das es viele Geschichten gibt. Dazu eine gewisse Skepsis gegenüber Regierungen, Ärzten, Medien. Das ist der Stoff, aus dem Verschwörungstheorien entstehen. Die sogenannten sozialen Medien sorgen dafür, dass diese verbreitet werden. Je mehr seriöse Medien diese „Theorien“ ignorieren, desto mehr wird insistiert, dass dahinter ein dubioser, böser Plan stecke, dem man nur entgegentreten könne, wenn man die vermeintlichen Fakten über die Verschwörung möglichst oft teile.

Man hält für wahr, was man glauben will

Albert Einstein sagte einmal, dass erst die Theorie entscheide, was man beobachten kann. Er äußerte dies in einem Gespräch, in dem er Werner Heisenberg vorwarf, so sehr im Glauben an die Quantenphysik gefangen zu sein, dass er die Wahrheit nicht mehr sehen könne. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Einstein geirrt hat und dass er heute anders darüber denken würde, weil er mehr Wissen zu jenen Theorien hätte.

Der Satz an sich aber ist korrekt, denn tatsächlich kann man nur sehen, woran man glaubt. Woran man nicht glaubt, das hält man nicht für wahr. Glauben wiederum ist nicht gleichzusetzen mit Wissen.

Man lernt bereits als Kind in Bezug auf Religion, dass man nicht zweifeln soll, wenn man glaubt. Thomas hingegen konnte nicht glauben und wollte sich auch nicht mit dem Sehen zufrieden geben. Er legte seinen Finger in die Wunde Jesu, so heißt es in der Überlieferung. Erst dann konnte er glauben, denn er wusste. Nicht immer hat man solch einen konkreten Zugang zu Wissen. Meist muss man für sich entscheiden, was man glaubt und für wahr hält.

Wissen braucht Denken und Zeit

Wissen setzt Denken voraus, und dieses wiederum braucht Zeit. Zeit aber hat man kaum in einer Ära der sozialen Medien, in der man ununterbrochen neue Botschaften erhält. Ehe man eine überprüft, schickt man sie vorsichtshalber weiter, je schneller, desto eher hat man die Chance, der Erste gewesen zu sein, der etwas verbreitete. Davon leben Verschwörungstheorien, und je öfter sie weitergetragen werden, desto weniger kann man mit Vernunft gegen sie ankämpfen. Je öfter man etwas hört, desto eher glaubt man es. Das menschliche Gehirn ist nahezu wehrlos gegen die Wiederholung. Davon lebt Propaganda, und letztlich sind Verschwörungstheorien nichts anderes als Propaganda.

Nun also gibt es 2019-nCoV, bekannt als Coronavirus. Die derzeit wahrscheinlichste Erzählung dazu lautet, dass das Virus auf einem Markt in Wuhan (China) von Tier auf Mensch übertragen wurde. Dass dies wahrscheinlich ist, bedeutet nicht, dass es verifiziert wurde. Genau hier setzen Verschwörungstheorien an. Das mag amüsant sein, es ist aber immer auch gefährlich, denn keine Verschwörungstheorie entsteht ohne Hintergedanken. Meist stecken rassistische und/oder demokratiegefährdende Gedanken dahinter.

Dementsprechend finden Verschwörungstheorien ihren Ursprung häufig in rechtsradikalen Medien und werden von dort weiterverbreitet, derzeit etwa die Nachricht, dass man Bleichmittel trinken solle, um sich vor dem Virus zu schützen. Ein österreichisches Klatschmedium, das kaum eine Verschwörungstheorie auslässt, fragt sich seit Tagen, ob Nostradamus vom Coronavirus gewusst und die Ausrottung oder zumindest Dezimierung der Menschheit durch diese Plage vorausgesagt hatte.

Verschwörungstheorien dienen Absichten

Andere wiederum meinen, die Natur habe entschieden, gegen die Überbevölkerung zu kämpfen. Und selbstverständlich stecken „bösartige Forscher“ dahinter, die entweder eine biologische Waffe für China entwickelt haben, oder bei ihren Tests versehentlich (oder absichtlich) Viren aus dem Labor entweichen ließen. Das sind nur einige der aktuell kursierenden Gerüchte, und sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens beziehen sie sich auf Teile von Geschichten, die irgendwann tatsächlich stattgefunden haben oder durch häufige Verbreitung inzwischen als wahr empfunden werden, und zweitens setzen sie bei einer bereits kursierenden Skepsis gegenüber Forschung, Medien und Politik an. Letztere wollen sie angreifen.

Der eigentlich interessante Aspekt ist auf Dauer nicht einmal die Frage, woher das Virus gekommen ist, sondern wer es sich wie zunutze macht. So kann man die Angst vor Ansteckung politisch und wirtschaftlich nutzen. Das Einreiseverbot aus China in die USA und Australien kann der chinesischen Wirtschaft schaden – eine Folge, die für US-Präsident Trump nicht ungelegen kommt. Man könnte aufgrund der Ansteckungsgefahr auch die Demonstrationen in Frankreich „zum Schutze der Bevölkerung“ verbieten, was wiederum nicht unpraktisch für die französische Regierung wäre. Doch auch das sind wiederum Gerüchte, die in Verschwörungstheorien ausarten können, nur dass sie ein anderes Publikum ansprechen, als es die rassistischen Verschwörungstheorien tun, die sich derzeit im Internet verbreiten.

Ähnlich wie das Coronavirus kann man die Verschwörungstheorien vielleicht nicht so leicht aufhalten, doch man kann ganz persönlich durch kluges Verhalten dafür sorgen, dass man sie selbst nicht verbreitet. Darum gilt im Umgang mit Gerüchten noch immer: Erst denken, dann teilen. Und man darf sich getrost fragen, warum man eine Nachricht glaubt.

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