Peter Ortner ist Obmann des Osttiroler Fischerei-Revierausschusses und schon lange an den Ufern der Flüsse und Bäche des Bezirkes unterwegs. Er macht sich Sorgen. Große Sorgen. „Ich war Ende November und Anfang Dezember bei systematischen Befischungen dabei und habe deshalb einen Einblick in die Zahlen, die fürchterlich sind.“ Die „Befischungen“ von denen Ortner spricht, waren gezielte Bestandsaufnahmen im Zuge eines bundesweiten Forschungsprojekts und ließen auch in Osttirol alle Alarmglocken läuten. Die heimischen Fische wie Äsche, Forelle und Huchen sterben offenbar aus. Anders kann man es nicht nennen.
Wie misst man den Fischbestand? In Kilogramm pro Hektar. Eigentlich seien 50 Kilogramm pro Hektar in unseren Breiten der Mindestbestand in einem intakten Gewässer, erklärt uns der Fachmann. An der Isel gebe es einen Abschnitt, in dem 2018 rund 20 Kilo pro Hektar registriert wurden und selst diese Menge habe sich innerhalb eines Jahres noch einmal halbiert. Die Fischer sind ratlos. An der Drau, die offenbar besonders betroffen ist, betrug der Bestand zwischen der Lavanter Brücke und der Landesgrenze vor zehn Jahren noch rund 66 Kilo. Bei den jüngsten Befischungen lag der Wert zwischen zehn und 15 Kilo. „Seit die Drau den Schwallbetrieb durch die Kraftwerke in Strassen und Amlach hat, gibt es dort keine natürliche Vermehrung mehr“, erzählt Ortner.

Doch auch in anderen Flüssen und Bächen sterben die Fische. Ortner nennt noch einen verlässlichen Indikator: die heimischen Petrijünger. „Sie kaufen weniger Karten für Fischereireviere. Daran erkennen wir, dass der Bestand das Fischen nicht mehr rechtfertigt.“ An der Gail habe ein Pächter wegen der schwachen Ausbeute vorzeitig sein Revier an den Besitzer zurückgegeben.
Besonders traurig und markant ist für den Sprecher der Osttiroler Fischer aber das Ausbleiben eines Naturschauspiels an einem Zubringer der Isel. Zum Michlbach oberhalb von St. Johann reisten früher sogar Studenten der Universität für Bodenkultur an, erzählt Ortner, um hier das Hochzeitsritual der Äschen zu beobachten, die zu Hunderten zu ihren Laichplätzen kamen. „Seit 2000 haben wir hier Laich gewonnen und die aufgezüchteten Brütlinge im Herbst wieder in Osttirols Gewässer eingesetzt“. Mittlerweile sei das nicht mehr möglich, gerade noch 20 bis 25 Äschen würden sich im Frühjahr dort aufhalten.

Beim Befund stimmen die Naturschützer den Fischern zu
Soweit zur Bestandsaufnahme. Bis hierher sind sich Fischer und Naturschutzorganisationen einig. Erst bei den Ursachen teilen sich die Meinungen, wobei gerade Peter Ortner auch zu jenen zählt, die zum Beispiel dem Kraftwerkausbau an Osttirols Flüssen und Bächen immer kritisch gegenüberstanden. Doch er sieht neben der Wasserkraft und den immer massiveren Hochwasser-Ereignissen der letzten Jahre noch einen weiteren Stressfaktor, der den Fischen buchstäblich das Leben schwer macht: Fressfeinde. Graureiher, Kormoran und Fischotter sind den Fischen schon länger ein Dorn im Auge.
In den vergangenen Winter habe man über zwei Monate jeweils knapp 30 Kormorane in Osttirol beobachtet. „Und von diesen Tieren wissen wir, wie intensiv sie auf den Bestand wirken“, unterstreicht der Fischer. Vor allem bereitet dem Obmann des Revierausschusses aber die rasche Verbreitung des Fischotters Sorgen: „Wir haben diese Tiere jetzt überall.“ Auch für den starken Rückgang der Äschen im Milchbach können nach Ortners Ansicht nur Fischotter und Kormoran verantwortlich sein. Von beiden Gattungen habe man Spuren gefunden.
Wir fragten bei den prominentesten Naturschutz-Organisationen im Einzugsgebiet nach, dem WWF, der immer wieder Osttirols Gewässer thematisiert und der Naturwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Osttirol (NAGO), die sich intensiv mit dem Naturschutz im Bezirk beschäftigt. Hier ist man sich weitgehend einig und relativiert die Rolle der Fressfeinde.
„Studien zeigen, dass die Bestände an Süßwassertieren in den letzten 50 Jahren um mehr als 80 Prozent eingebrochen sind. Dieses Phänomen betrifft leider nicht nur die Osttiroler Flüsse“, erläutert Gerhard Egger, Gewässerexperte des WWF. Vor diesem Hintergrund sei der Alarmruf des Fischerverbandes absolut gerechtfertigt.
Süßwasser-Ökosysteme zählen zu den am stärksten vom Artensterben betroffenen Lebensräumen.
Gerhard Egger, WWF
Auch der WWF sucht nach den Ursachen und hat mehr als 500 Datensätze offizieller Berichte der Bundesländer an die EU-Kommission ausgewertet. Egger: „Über 90 Prozent von 62 bewerteten Arten weisen keinen günstigen Erhaltungszustand auf. Die Gründe für den Rückgang der Fischbestände sind in erster Linie menschengemacht: Verbauungen, Wasserkraftnutzung, chemische Belastung sowie auch falsche Bewirtschaftungsmethoden. Dazu kommen invasive Arten und die Erwärmung der Gewässer. Mittlerweile spielen auch Krankheiten, wie etwa PKD eine zunehmende Rolle, die zu einem dramatischen Rückgang von Fischbeständen führen können. Diese Faktoren beeinflussen sich wechselseitig und sind unterschiedlich regional ausgeprägt.“

Oliver Stöhr, Sprecher der NAGO, bläst ins selbe Horn: „Fische zählen weltweit zu den gefährdetsten Wirbeltieren, wobei in Österreich etwa 80 Prozent der heimischen Arten in der Roten Liste in Gefährdungsstufen von 'ausgestorben' bis 'nahezu gefährdet' zu finden sind! Ähnlich alarmierende Zahlen treffen auch auf andere zu Gewässern gehörende Tiergruppen zu, auf Amphibien, Flusskrebse, Muscheln und Libellen, die keine so starke Lobby wie die Fische haben.“
Die NAGO-Wissenschaftler sehen ebenfalls eine „Kombination aus verschiedenen Stressoren“, die größtenteils auf den Menschen zurückzuführen sind: Lebensraumverlust durch Gewässerregulierung, Klimawandel, Verschmutzung, Hormonbelastung, Pestizide – die Liste der NAGO deckt sich weitgehend mit jener des WWF. Einig ist man sich auch bei der grundsätzlichen Beurteilung der Rolle von Fressfeinden wie Graureiher, Kormoran und Fischotter.
„Unsere Auswertung zeigt, dass natürliche Fressfeinde wie der Fischotter für den Artenrückgang insgesamt nahezu keine Rolle spielen. Der Fischotter ist Teil des natürlichen Gefüges an Fließgewässern und reguliert sich durch das Angebot an Nahrung und Lebensraum selbst. Nimmt das Angebot an Nahrung ab, so pendelt sich auch der Bestand eines Prädators auf ein neues Niveau ein, eine klassische Räuber-Beute-Beziehung“, erklärt Gerhard Egger.

So sieht das auch die NAGO und verweist auf den Lech, den „letzten Wildfluss“ der Alpen. „Dort gibt es derzeit noch keine Fischotter, dennoch sind die Fischbestände stark rückläufig”, erläutert Oliver Stöhr. Es dürfte daher generell nicht nur an fischfressenden Tieren liegen, dass die Fischbestände sprichwörtlich „den Bach runtergehen“. Allerdings räumen die Osttiroler Naturschützer ein: „Unter gewissen Voraussetzungen, wie in kleineren, künstlich angelegten Teichen, strukturlosen und restwasserbelasteten Bächen, können Fischfresser jedoch sicher einen erheblichen Schaden aus der Perspektive des Menschen anrichten.”
Die NAGO zählt Graureiher und Kormorane
In Osttirol führt die NAGO seit neun Jahren eine Winterwasservogelzählung durch und erfasst dabei auch Graureiher, Kormorane und Gänsesäger. Die Zählergebnisse werden auch der Behörde übermittelt. „Sieht man sich die Bestandszahlen des Graureihers seit Zählbeginn im Jänner 2011 an, ist aktuell ein negativer Bestandstrend erkennbar“, vermerkt die NAGO. Derzeit könne man von drei oder vier Brutpaaren des Graureihers ausgehen.


Der Kormoran brütet nicht in Osttirol, deshalb könne für diese Art kein Trend abgeleitet werden, das Vorkommen sei auch abhängig von den Wintertemperaturen und davon, ob größere Kärntner Seen zufrieren oder nicht. Die meisten Kormorane zählte die NAGO im Winter 2018/19. Oliver Stöhr: „Hier hielten sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu 20 Kormorane in Osttirol auf.”
Über die Verbreitung und die Populationsgröße des Fischotters in Osttirol liegen derzeit den Experten der NAGO keine systematischen Erhebungen vor. Ein fachlich fundierter Einfluss auf die Fischbestände sei deshalb schwer abzuleiten.
Und die Lösung? Kann man das Fischsterben aufhalten?
Für die NAGO muss jeder Lösungsansatz auf eine sorgfältige Analyse aufbauen: „In erster Linie sollte zunächst einmal die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung aller für Osttirol relevanten Stressoren auf den Fischbestand untersucht werden.” Ein Interreg-Projekt ist dem Fischsterben auf der Spur. Klingender Titel: „ALFFA - Gesamtheitliche Analyse der Einflussfaktoren und ihrer Wirkung auf die Fischfauna im inneralpinen Raum“. Auch Osttirol wird berücksichtigt. Zudem hat das Amt der Tiroler Landesregierung eine Fischotterzählung und -kartierung in Tirol beauftragt. Mit diesen Grundlagen sollen weitere „Managementmaßnahmen“ geplant und umgesetzt werden.
„Wildtiermanagement“ klingt weniger krass als Abschuss oder Vertreibung und suggeriert vor allem Machbarkeit. Dem Otter wird keine Kugel verpasst, er wird „letal vergrämt“. Man ist ja nicht im wilden Westen. Der Effekt ist der selbe. Die NAGO lehnt den Abschuss ab, sieht aber auch sinnvolle Maßnahmen, die in anderen Bundesländern bereits gesetzt wurden.
Die Umzäunung von Teichen zähle dazu, ebenso ein kontrollierter Fischbesatz mit Verzicht auf größere Besatzfische, um leicht zugängliche und attraktive Nahrungsquellen zu eliminieren und die Bestandesdichten von Fischfressern nicht noch künstlich zu erhöhen, wie dies derzeit der Fall sei.

Generell fordert die NAGO, dass durch Gewässerrenaturierung – Erhöhung Strukturvielfalt, Anbindung von Seitenbächen als Laichgewässer und Hochwassereinstände etc. – die Lebensraumqualität für Fische in Osttirol wieder verbessert wird.
Der WWF sieht das ähnlich und addressiert seinen Forderungskatalog an die Politik und die Kraftwerksbauer. Gerhard Egger: „Österreich braucht ein ambitioniertes Flussschutz- und Sanierungsprogramm. Angesichts der bestehenden Belastungen müssen die letzten intakten Flüsse unbedingt bewahrt werden. Die Isel und ihre naturnahen Zubringerflüsse sind europaweit einzigartig und sollten unbedingt als Naturerbe vor der Wasserkraftnutzung bewahrt werden. Bei der Sanierung sind vor allem die Kraftwerksbetreiber gefordert. Fast acht von zehn Anlagen verfehlen die ökologischen Mindeststandards. Ebenso müssen Maßnahmen zur Anpassung an die Klimakrise gesetzt werden, wie etwa die Einrichtung von Uferrandstreifen für mehr Beschattung, die Entfernung unpassierbarer Querbauwerke, sowie die Erhöhung der Restwassermengen, um der Erwärmung entgegen zu wirken.“
Noch vor wenigen Jahren konnte man mitten in Lienz die Fischer an der Isel beobachten. Hotels und TVBO warben gezielt um fliegenfischende Gäste. Diese Zeiten sind vorbei. Doch schön wäre, wenn wenigstens die Äschen in den Michlbach zurückkehren würden. Fischer und Naturschützer sind sich in einem einig: Nur gemeinsame Anstrengungen können Naturwunder wie dieses vor dem endgültigen Verschwinden bewahren.
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