„Auch der Ausnahmezustand wird normal“

In der Gemeinde Kartitsch läuft alles auf Minimalbetrieb. Der Bürgermeister beruhigt.

Seit der Quarantänezustand als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus Covid-19 über das Bundesland Tirol verhängt wurde, ist das öffentliche Leben stark eingeschränkt. Dies betrifft auch Behördenverkehr und Alltag in Gemeindeämtern. Wir haben uns dazu in Kartitsch umgesehen.

An der Eingangstür zum Gemeindeamt hängt ein Zettel, der über die vorübergehende Schließung des Gemeindeamts bis voraussichtlich 13. April informiert. Kontaktmöglichkeiten bestehen telefonisch und via E-Mail. Auch auf den Stufen in den ersten Stock sowie an der Tür zu den Büroräumlichkeiten der Dorfverwaltung wird nochmal um Verständnis für den eingeschränkten Dienstbetrieb und Parteienverkehr gebeten.

Bürgermeister Josef Außerlechner kommuniziert mit Amtsleiter Georg Klammer durch die offene Tür zwischen deren Büros – der nötige Sicherheitsabstand ist gewährleistet. Dieser Tage kümmert man sich vorrangig um die Information der Bürgerinnen und Bürger: Einmal täglich setzen sie sich dann doch zusammen an einen Tisch, um sich zu besprechen.

Ganz ohne persönliche Rücksprache geht es nicht. Bürgermeister Josef Außerlechner (links) und Amtsleiter Georg Klammer beraten täglich über die Informationslage. Fotos: Christina Klammer

„Die Gemeinde Kartitsch läuft auf Sparmodus“, verdeutlicht Außerlechner und schildert, dass sich der Großteil der Angestellten in Zeitausgleich befindet oder Urlaub abbaut. Das Gemeindeamt ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, Parteienverkehr sowie Bauverhandlungen und ähnliche Tätigkeiten liegen vorübergehend auf Eis. Währenddessen sind er und der Amtsleiter 24 Stunden am Tag für die Anliegen der Bevölkerung erreichbar. Man organisiere das örtliche Leben, die Information der Bürgerinnen und Bürger sei die derzeitige Hauptaufgabe, so der Kartitscher Bürgermeister weiter.

Sofern es möglich ist, werden Fragen telefonisch oder per Mail geklärt. Nur in äußersten Ausnahmefällen gibt es persönliche Gespräche in den Räumlichkeiten der Gemeinde. „Die Leute machen sich Sorgen. Wir versuchen, ihnen die Unsicherheiten so gut es geht zu nehmen. Allerdings sind wir bestrebt daran zu erinnern, dass die verhängte Ausgangssperre tunlichst einzuhalten ist“, betont Klammer.

Abseits der direkten Kommunikation mit den beiden Ansprechpartnern können sich die Kartitscherinnen und Kartitscher jederzeit auf der Homepage der Gemeinde über die aktuellsten Richtlinien informieren. Die Rubrik „Katinfo“, kurz für Katastropheninformation, wurde im vergangenen Dezember eingerichtet. Hier werden im Moment – je nach Dringlichkeit und Menge an Neuigkeiten – jeden bis jeden zweiten Tag Ankündigungen und Informationen aktualisiert und veröffentlicht.

Amtsleiter Georg Klammer bündelt Neuigkeiten aus Behörden und Medien für die Bevölkerung.

Besonders stolz ist man über einen neu erschlossenen Kommunikationsweg, um die Bürgerinnen und Bürger möglichst rasch über wichtige Geschehnisse zu informieren. Innerhalb der Messenger-App Telegram hat die Gemeinde Kartitsch einen Chat angelegt, über den die Links zu den aktuellsten Informationen an die Teilnehmenden versendet werden. Mittlerweile (Stand Mittwochmittag) wurde die Gruppe von 140 Personen abonniert. Dieser Kanal kann über die Stichworte „Gemeinde Kartitsch“ in der Suchleiste von allen Userinnen und Usern gefunden und abonniert werden. Voraussetzung ist die Installation und Verifizierung eines Kontos – ähnlich, wie es bei der App WhatsApp funktioniert.

Der Bedarf eines Mediums, über das zeitnah kommuniziert und informiert werden kann, wurde spätestens nach den starken Schneefällen im vergangenen November deutlich. „In Fällen von Schneebruch, Straßensperren oder Rohrbrüchen wird die App verwendet. Als hätten wir es gewusst, ist sie auch in der derzeitigen Situation sehr wertvoll, da wir die Neuerungen rasch an die Bevölkerung bringen können“, erklärt Klammer. Erst zwei Wochen vor Inkrafttreten der Quarantäneverordnung wurde der Kanal aktiviert – „rechtzeitiger geht es wohl nicht mehr.“

Generell ist der Arbeitsalltag im Gemeindeamt ruhiger geworden, denn „auch der Ausnahmezustand wird normal, man gewöhnt sich daran“, stellt der Bürgermeister fest. Das Leben im Ort sei auf fünf Prozent heruntergefahren, er spricht von einer Ruhe, die ganze Generationen so nicht kennen.

Wenige Häuser weiter im örtlichen Lebensmittelgeschäft. ADEG-Filialleiterin Claudia Mitterdorfer und ihr Team spielen mehr denn je eine wichtige Rolle für die Bevölkerung. Obwohl auch sie von einer Unsicherheit in der Bevölkerung berichtet, findet sie beruhigende Worte. Hinsichtlich der örtlichen Versorgung mit Lebensmitteln und Notwendigkeiten des täglichen Lebens müsse sich niemand Sorgen machen: „Abgesehen von Kleinigkeiten, die man nicht zwingend fürs Überleben braucht – zum Beispiel Anzünder – gibt es keine Anzeichen von Lieferengpässen“, so Mitterdorfer. Ein Blick in die Regale bestätigt dies, lediglich Milch, Nudeln und Germwürfel scheinen an diesem Tag besonders begehrt zu sein. Toilettenpapier gibt es zur Genüge.

Claudia Mitterdorfer versorgt die Kartitscherinnen und Kartitscher im örtlichen ADEG.

Um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, wird mit Mundschutz und Einweghandschuhen gearbeitet. Zwischen Ver- und Einkäufern wird möglichst viel Platz gelassen, eine gespannte Plastikfolie bald durch eine Plexiglasscheibe ersetzt. Mitterdorfer profitiert von der aktuellen Situation – im Gegensatz zu vielen anderen und gerade kleinen Unternehmen. Dennoch kann der Betrieb im ADEG Mitterdorfer aktuell nur zweischichtig abgewickelt werden. Darum wurden die Öffnungszeiten verkürzt – außer freitags hat das Geschäft nur am Vormittag geöffnet.

Begegnet man auf den leeren Straßen dann doch jemandem, wird ein respektvoller Mindestabstand schon beinahe selbstverständlich eingehalten. Gespräche werden von einer Straßenseite zur anderen geführt, der eigene Gemütszustand meist als „ungewohnt, aber ganz in Ordnung“ bezeichnet. Über die „aufgezwungene Entschleunigung“ scheinen die wenigsten verärgert und dass die derzeitige Situation wohl kein Dauerzustand sein wird, davon sind die meisten überzeugt.


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