Glaube kann und soll auch in Krisen, Krankheit und im Krieg aufgerufen sein, doch ist er es nur dort, ist er kein Glaube. Genau darum geht es in den Bildern der Kriegergedächtniskapelle in Lienz. Fotos: Wolfgang C. Retter

Glaube kann und soll auch in Krisen, Krankheit und im Krieg aufgerufen sein, doch ist er es nur dort, ist er kein Glaube. Genau darum geht es in den Bildern der Kriegergedächtniskapelle in Lienz. Fotos: Wolfgang C. Retter

„Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“

Widmen wir Albin Eggers Kapelle in Lienz einen zweiten Blick. Es lohnt sich gerade heute.

Es war gespenstisch, an jenem Freitag vor zwei Wochen auf dem Petersplatz. Dort, wo zu solch einem Anlass die Kolonnaden Berninis üblicherweise an die hunderttausend Pilger umarmen, war niemand. Fast niemand. Vor der erdrückenden Kulisse eines der größten Kirchengebäude der Welt sprach der Papst in die trostlose Leere. Anschließend erteilte er Rom und dem gesamten Erdkreis den Segen. Das tut er sonst nur nach seiner Wahl, an Weihnachten und zu Ostern. Der 27. März 2020 war aber kein Feiertag. Er war das Datum der Apokalypse. Italien, Europa, die ganze Welt schien in sich zusammenzustürzen.

„Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ So fragte der Papst immer wieder in die „ohrenbetäubende Stille“. Er traf die Nöte seiner unsichtbaren Zuseher ins Innerste, auch ohne die Worte Corona, Seuche, Krise eigens dafür in den Mund zu nehmen. Die Schlüsselworte der Rede waren dem Markusevangelium entnommen. Johannes Markus schrieb auf Griechisch, und dort heißt das, was er der Angst entgegenhält „pistis“. Das kann mit „Vertrauen“ oder auch mit „Grundsatz“ übersetzt werden: Habt ihr noch kein Vertrauen? Habt ihr noch keinen Grundsatz?

Der älteste und ursprünglichste Glaubensgrundsatz steht im Ersten Koritherbrief: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und er ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3-4). Glaube kann und soll auch in Krisen, Krankheit und im Krieg aufgerufen sein, doch ist er es nur dort, ist er kein Glaube. Genau darum geht es auch in den Bildern der Kriegergedächtniskapelle in Lienz.

Am 15. Oktober 1926 wurde das Interdikt über die Kapelle verhängt. Vorausgegangen war der am 12. August des Vorjahres publizierte und schon am nächsten Tag relativierte Protest des heimischen Klerus, der sich zunächst gegen das Fresko des Auferstandenen wandte. Zwei Monate später erfasste er auch die übrigen Teile des Bildprogramms. Die stürmenden Soldaten wurden als „Orang Utane“ beschimpft, der Auferstandene mit einem „Indianerhäuptling“ und einem „Schwindsüchtigen, der aus dem Bade steigt“ verglichen. Auf jeden Fall würde man sich bedanken, mit so einem Menschen verwandt zu sein, geschweige ihn ewig anbeten zu müssen. Obwohl der Anonymus vorgab, den Spott dem Volk abgelauscht zu haben, weiß man heute, dass auch für ihn ein Mann der Kirche verantwortlich war.

Ein kapitaler, sogleich nach der Fertigstellung des Denkmals in bester Absicht verbreiteter Deutungsirrtum hat, wie ich meine, den Skandal herbeigeführt, der zugleich den Skandal des Christlichen von heute illustriert: Den kläglichen Versuch, ein zweitausend Jahre vergangenes Ereignis für die Gegenwart zu aktualisieren. Man beginnt mit der zunächst ganz einleuchtenden Beziehung des Bildes mit dem Sämann und dem Teufel auf ein Gleichnis im Matthäusevangelium: Beide Saaten gehen auf und bringen Gutes und Böses hervor. Egger-Lienz selbst aber hat dieser Engführung entschieden widersprochen: „Das ewig Werdende und ewig Sterbende soll durch die zwei feindlichen Gestalten versinnbildlicht sein.“

Diese Perspektive verhindert, dass ein Rundgang durch die Kapelle schon beim zweiten Bild in die Sackgasse führt. Wer die Soldaten des Ersten Weltkriegs als die Frucht des Bösen auslegt, wird um die Frucht des Guten betrogen. Sterben muss Gutes wie Böses und auferstehen auch. Die Alternativen sind ebenfalls im Koritherbrief nachzulesen: „Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich.“ (1 Kor 15, 43). Und: »Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod« (1 Kor 15, 26). Der Feind also ist weder Russe noch Italiener, es ist der gemeinsame Feind aller, doch auch er wird am Ende besiegt: „Dein Tod werde ich sein, o Tod“, lautet die Bildunterschrift zum Gemälde an der Altarwand.

Albin Egger-Lienz über sein Bild des Auferstandenen: „Der Todesschlaf liegt noch in seinen Augen, die, wie vom Lichte geblendet, die neue Welt sehen.“

Egger-Lienz musste kein Theologe sein, um sein Credo in dieser Weise zu formulieren. Er brauchte es nur im „Catechismus Romanus gemäß Beschluß des Konzils von Trient“ nachzulesen. Dort ist es im 12. Kapitel in einem einzigen Absatz zusammengefasst. Damit aber lässt sich, wo immer man seine Betrachtung beginnt, jedes Bild auf jedes andere beziehen. Jedem Gläubigen und jedem Priester wäre das damals auch möglich gewesen. Und wer immer noch um Verständnis für die Ablehnung der Interpretation des Auferstandenen wirbt, sei an das Lied vom Gottesknecht bei Jesaja erinnert, in dem „die Schrift“ das subjektive Geschmacksurteil schon überbietet: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (Jes 53,2-3).

Optimistischer klingt das bei Egger-Lienz: „Die Auferstehung ist ein Lichtproblem, mit klarster, sachlichster Formgebung. Wie er staunend, wie neugeboren aus dem Sarge steigt. Der Todesschlaf liegt noch in seinen Augen, die, wie vom Lichte geblendet, die neue Welt sehen.“

Das sollte auch uns in Zeiten wie diesen ein Licht sehen lassen!


Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen.

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3 Postings bisher
amRande

Gratuliere Rudi zu diesem tröstlichen und befreienden Kommentar! Manchmal kommt es mir vor, wir wären zeitweise und fallweise noch im Jahr 1924 stecken geblieben und erkennen die aufrüttelnden Botschaften des Glaubens, die in der Kunst ihren mitunter durchaus provokanten Ausdruck finden, nicht. Corona hat uns wieder ein Stück weit demütiger gemacht. Oder irre ich mich?

    r.ingruber

    Ob das so ist, kann ich nicht sagen, aber es sollte so sein. Demütiger und kreativer, mit einem geschärften Blick für das Wesentliche und Eigentliche. Vielen Dank für dieses Posting!

todo

Es bleibt nur zu hoffen, dass uns die derzeitige Zwangsisolation nicht so unsicher macht, dass wir im grellen Licht der Freiheit unfähig sind uns zu bewegen.