Offener Liebesbrief an meine Freundin

Seit der Post von Heidi Klum habe ich ganz ein schlechtes Gewissen.

Mir ist nämlich meine Freundin wieder eingefallen. Normalerweise liest sie meine Tagebücher nicht, aber wer weiß, Vorratsdatenspeicherung? Keine Ahnung, auf welche Gedanken sie jetzt kommt, wenn sie nicht wegkommt. Sie ist nämlich fast dreißig Jahre jünger und ausgesprochen attraktiv. Und sie reist gern. Nach Skandinavien.

Wenigstens darf sie jetzt wieder hinaus ins Grüne. Sie isst nämlich vegan (das kann man mit einem oder zwei „s“ schreiben). Das ist vegetarisch auf Hardcore, mit Klopapier und Nudeln ist da nichts getan. Und dann trifft sie vielleicht noch Männer, die sie nicht erkennt, weil die Masken aufhaben. Da ist schon einmal was passiert, als eine Jungfrau keinen Mann erkannte.


Liebe … (die Heidi muss jetzt nicht wissen, wie sie heißt),

Wie gerne wär‘ ich jetzt bei Dir. Leider wohnst Du einige Gemeinden weiter, zehn, um genau zu sein, und da Du, vom Gesetz her, nicht zu jenen Grundbedürfnissen gehörst, die ich nicht auch daheim befriedigen könnte, hätte mich ein Besuch bei Dir 36.000 Euro gekostet. Oder vierzig Wochen Freiheitsentzug, was auf dasselbe hinausgelaufen wäre. So viel verdiene ich mit meinen Tagebüchern auch nicht, bei Dolomitenstadt.

Kennst Du das Büro von Dolomitenstadt? Dort sieht’s jetzt aus wie neulich auf dem Petersplatz. Viel zu groß für einen einsamen, alten Mann. Obwohl, so alt ist der Pirkner jetzt auch wieder nicht und noch dazu ein fescher Kerl. Glaub ja nicht, dass der keine jungen Mitarbeiterinnen anzieht! Doch die sind jetzt alle heimgegangen, zum Kurzarbeiten. Du wirst sehen, das wird noch die ganz große Mode, das mit dem Kurzarbeiten. Bei uns daheim sieht’s jetzt schon aus, als würde nur der Kurz arbeiten.

Wie sieht’s bei Euch da draußen aus? Bei Euch herrscht ja der Landeshauptmann, der scheint noch tüchtiger zu sein als die vom Bund. Obwohl er jetzt auch zugeben musste, dass das mit dem Virus nicht von ihm war (Wer hat’s erfunden?). Deswegen hat es auch so lang gedauert.

Außerdem hat er verordnet, dass man nicht weiter als 200 Meter vor das Haus darf. Die Fotografin von Dolomitenstadt hat sich bisher strictissime daran gehalten. Sie hat dort auch immer nur mit einer einzigen Person geredet. „Zieh dir was an“, hat sie zum Leitner Sepp nach ihrem ersten Mal gesagt, und seither posiert der jeden zweiten Tag in einem anderen Kostüm.

200 Meter, der Landeshauptmann hat ja keine Ahnung, wieviel das ist. In Gemeinden und in Geld. Das reicht viel weiter als bis Skandinavien. Aufgeschlagen misst mein Atlas einen halben Meter, da könnten wir beide jetzt vierhundert Mal die Welt umkreisen. Obwohl, da kommt man zwangsläufig auch durch Länder, in denen jetzt die Infizierten wohnen: China, Iran, Tirol …

Mit Hofer-Reisen wären wir auf der sicheren Seite. Der Hofer hätte uns die Leute schon vom Leibe gehalten. Er hat ein viersitziges Flugzeug, doch ist nicht so viel Platz darin. Der Hofer ist nur Mitbesitzer von dem Flugzeug. Das sei sein Steckenpferd, hat er behauptet. Aber er könnte ja für uns auf einen Teil von seinem Steckenpferd verzichten. Auf das Pferd. Den andern Teil, den wird er selber brauchen.

Ich aber brauch nur Dich. Du fehlst mir. Ich drück Dir einen digitalen Kuss auf den Bildschirm, ganz unten, bei dem UnterstützerInnen-Button. Das hat mich jetzt einen Hunderter gekostet, aber das bist Du mir tausendmal wert. Da kannst Du auch was drücken. Du würdest mich sehr glücklich machen!

Ich hab Dich lieb,
Dein (soll die Heidi auch nicht wissen).


Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen.

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6 Postings bisher
aenda

Also mir taugt der Leitner auch, der andere, der mit dem arabischen Vornamen. Dem geht's anders. Zum einen ist er seit Wochen mit seiner Freundin (die mit dem russischen Vornamen) zusammengesperrt, und zum anderen trägt er immer dasselbe Kostüm. Zumindest gleichen sich seine Kostüme auf's Haar, wenn sie nicht vorher kräftig gebürstet worden sind.

    r.ingruber

    So, jetzt hat meine Freundin geantwortet, habe ich gedacht, als ich den ersten Satz gelesen habe. War dann sehr erleichtert, als ich den Vornamen von Leiters Freundin erraten habe. Es handelt sich um eine infizierte Tigerin in einem New Yorker Zoo. Aber der Leitner hat halt Mut zur Schönheit! Wer weiß, ob ich den hätte, wenn ich jetzt mit meiner Schönheit eingesperrt wäre?

todo

Lieber Herr Ingruber,

ich wollte eigentlich schon lieber r. schreiben. Das erschien mir in Zeiten wie diesen aber dann doch etwas zu distanzlos. Distanz ist ja derzeit das Um und Auf. Ein weiterer Vorteil meiner gewählten Anrede ist, dass Sie sich immer noch auf die andere Autorin gleichen Namens hinausreden können, wenn H.K. doch noch ihren Brief liest. Sie könnten etwas sagen wie: ”isnitwahr - der meint die andere.” Jetzt aber zum eigentlichen Grund meines Briefes, äh Postings. Ich bin etwas geknickt! Ich sage es Ihnen ganz ehrlich, ich hatte das Gefühl da sei mehr zwischen uns! Also nicht mehr als 200 Meter oder 10 Gemeinden, sondern eher so eine Art Verbundenheit. Dann muss ich feststellen, dass Sie einen Verehrer aus Ibiza haben (zumindest habe ich mal ein Video gesehen, auf dem er auf Ibiza war) und jetzt muss ich feststellen, dass sie auch noch eine Freundin haben. Ich bin also etwas desillusioniert, könnte man sagen, wobei ich neuerdings bei Illusionen immer an Luftballone und Nadeln denken muss. Apropos Nadel, dieser lange Herr Oberschulwart von Österreich, also dessen Statur und Name ganz und gar nicht zusammenpassen, der will ja jetzt dann die Schulen wieder losgehen lassen. Also vielleicht. Eventuell zumindest. Wir wurden ja bei unserer letzten Unterhaltung jäh unterbrochen, als jemand meinte, dass ohne Schule die Arroganz überhand nähme. Was ich nicht sofort verstanden habe, weil der Kurz war ja auf der Schule und das gar nicht so kurz. Das wird ja heuer eh ein bisschen zum Trend, das mit dem Kurz. Kurz-Arbeit, Kurz-Schule, Kurz-Studium, Kurz-Einkauf und und und. Außer natürlich Skitouren, die durfte man nicht mal kurz halten. Also das war ja so, dass man da auf den Bergen Hexen vermutet hat und die hat man dann gejagt, weil die eben Einsatzkräfte von der eigentlichen Arbeit abziehen würden. Deshalb hat man sie eben verfolgt mit Polizei und Hubschraubern und so, weil das sind ja keine Einsatzkräfte, das ist die Exekutive. Das ist aber dann auch wieder blöd, habe ich mir gedacht, denn wenn die jetzt auf den Berg gehen müssen, dann haben die ja gar keine Zeit die ganzen neuen Preise für die ganzen neuen Verstöße zu lernen. Deswegen ist es wahrscheinlich auch besser, wenn Sie hier bleiben, lieber Herr Ingruber und noch ein bisschen in Ihr Tagebuch schreiben... Ich würde mich freuen! Ihr todo

    r.ingruber

    Lieber - das Gendern kann ich mir jetzt sparen - todo, Sie haben den Brief ja ganz genau gelesen. Sind Sie bei der Post?

Oschtadio86

Immer wieder unterhaltsam ihre Tagebucheintragungen... Danke für so manches Schmunzeln in den letzten Wochen.😄