Ich mach mich auf den Weg nach St. Corona

Mein Verleger schickt mich nicht in Kurzarbeit. Er möchte, dass ich für immer verschwinde!

So, die neue Normalität hat begonnen, und mein Tagebuch geht zu Ende. Auch das ist normal. Nach eineinhalb Monaten fällt einem halt nichts mehr ein. „Lass dir was einfallen“, sagt mein Verleger, „wie du glaubhaft aus der Sache herauskommst!“ Das gefährliche Blitzen in seinen Augen will nicht gerade bedeuten, dass er mich jetzt auf Urlaub oder in Kurzarbeit schicken will. Er möchte, dass ich für immer verschwinde. Widerspruch wäre Selbstmord, aber nicht glaubhaft.

Nun lass mich einmal überlegen. An oder mit das Zeitliche segnen, ist auch nicht mehr glaubhaft. Vor zwei Wochen noch hätten das alle geglaubt. An den Folgen eines Schiunfalls wäre möglich. Dazu müsste ich jetzt nach Bad Ischgl, und wenn da noch Saison ist, dann dauert es wieder so lange. Da fällt mir ein Schigebiet ein, wo die Saison schon seit sieben Jahren zu Ende ist: St. Corona am Wechsel. Also beschließe ich, mich weder mit noch an, sondern in Corona zur Ruhe zu legen.

Ich verabschiede mich jetzt schon von meinen Leserinnen und Lesern und von den Philosophinnen und Philosophen mit den ausgefallenen Nicknames und der noch ausgefalleneren Orthografie. Ihr seid mir alle ans Herz gewachsen. Im Forum kündige ich meinen Abgang aber nicht an, die überwältigende Zustimmung dort würde auch mich überwältigen. Dann bräuchte ich nicht nach Corona. Kein Blick mehr zurück, sag ich mir, obwohl mich das beinahe schon beim Ausparken das Leben gekostet hätte.

Wenn du von Lienz nach Corona fährst, kommst du gleich nach der Einfahrt in die B 100 beim OBI vorbei. Das heißt, wenn du vorbeikommst! Da geht es jetzt nämlich zu wie in Schweden. Nur dass sich in Schweden nicht so viele Italiener aufhalten. Obwohl, es gibt solche und solche. Jetzt wird mir auch klar, wie der Innenminister in so kurzer Zeit 4.300 Polizisten auftreiben konnte. Er hat einfach ganze Katastralgemeinden zu Hilfssheriffs ernannt. Wenn er denen auch noch die Pferde, die sein Vorgänger angeschafft hat, überlässt, dann könnten sie jetzt den Verkehr über die Minekugel umleiten.

Minekugel, so etwas gibt es auch nur in Lienz. Versuch einmal in einem anderen Kriegsgebiet ein Feld Minekugel zu nennen, und den Feind dann zu bitten, sich dorthin zurückzuziehen! Ein Heimatforscher, der sich da auskennt, der, der die kleinen pizzaförmigen Brötchen bäckt, hat mir einmal erklärt, dass man Minekugel mit langem „i“ schreibt, und dass der Name nicht von den Minen, sondern von den Mönchen herkommt. Von den Karmeliten. Ja, und ich komme von den Barmherzigen Schwestern!

Das heißt, ich komme gleich zu den Barmherzigen Schwestern. Zuvor aber führt die Straße durchs alte Rom, Aguntum, wie die Heimatforscher es nennen. Da schaut’s vielleicht aus: Keine Menschenseele am Weg und ringsherum nichts als Ruinen. Fehlt jetzt nur noch der Papst.

Nach dem Flughafen Nikolsdorf kommt eine endlos lange Gerade, die Teststrecke, sage ich immer, für meinen Dreizylinder. Als ich den gekauft hab, waren es noch vier. Von 80 auf 100 in vier Minuten, Messtoleranz inklusive. Da vorn am Eck steht nämlich die Kamera, allerdings ohne die Polizei. Aha, denk ich mir, die haben wohl immer noch Ausgehverbot. Da sehe ich am gegenüberliegenden Straßenrand, gleich vor dem Haus der Barmherzigen Schwestern, einen Mann in einer ungewöhnlichen Uniform stehen und salutieren.

Der kommt mir bekannt vor. Ja, das ist doch der Leitner! Nein, nicht der mit den vielen Kostümen, der mit dem einen Kostüm, dem eierfarbenen Fotoanzug! Sein Gruß gilt allerdings nicht mir. Er ist den abertausenden coronageschädigten EPUs zugedacht, für die er hier seine Mahnwache hält. Aufrechter Kerl!

Ja, das ist doch der Leitner! Wer sich jetzt nicht auskennt, muss auf die Fortsetzung warten! Illustration: Rudolf Ingruber

(Fortsetzung folgt.)


Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen.

Die Arbeit von
dolomitenstadt.at unterstützen

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade in Krisenzeiten ist faktenorientierte und schnelle Information wichtig.
Wir arbeiten trotz Rückgang bei den Werbeeinnahmen mit großem Einsatz, um Sie bestmöglich – und kostenlos! – zu informieren.

Wenn Sie unsere journalistische Arbeit mit einem einmaligen Beitrag unterstützen möchten, haben Sie jetzt Gelegenheit dazu. Wir würden uns freuen!

Sie möchten dolomitenstadt.at unterstützen?

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

12 Postings bisher
vielleserin

Jetzt mal ehrlich, das Virus mit den negativen Aspekten bleibt uns noch erhalten... Der positive Aspekt des Tagesbuches mal witzig, mal ernst, mal sehr schlau aber immer unglaublich unterhaltsam soll auch bleiben! Herr Rudi und wie er die Welt sieht, ich würd's gern weiterhin lesen.

Gertrude

Lieber Historiker, ich lebe in der Mienekugel:)

Gerhard Pirkner

Also jetzt kann ich mir eine Bemerkung doch nicht verkneifen. Rudi, ich soll gesagt haben, dass du einen Abgang machen sollst? Ich hab gesagt: „Stirb langsam Rudi!“ Und das sollte nicht heißen „Es ist Zeit zum Sterben“ sondern vielmehr „Lass dir Zeit beim Sterben“! Das ist ein feiner Unterschied, den ein alter Semantiker doch heraushören müsste. Na immerhin hast du eine Fortsetzung angekündigt. Der andere Philosoph, Bruce Willis, ist schon fünf Mal langsam gestorben und lebt immer noch. Nimm dir ein Beispiel!

    r.ingruber

    Deswegen hab ich dich ja "Verleger" genannt, weil du nie um eine Antwort verlegen bist. Und übrigens: alt von mir aus, aber Semantiker? Du solltest meine Einträge genauer lesen!

bergfex

Der Artikel ringt mir ein Schmunzeln ab. Danke Herr Ingruber.

    r.ingruber

    Wenn jetzt nicht wer schneller war, dann darf ich Ihnen das 30.000. Posting auf dolomitenstadt.at widmen, Herr/Frau Bergfex.