„Weide meine Schafe!“ Foto: Jaka Skrlep/Unsplash

„Weide meine Schafe!“ Foto: Jaka Skrlep/Unsplash

Wer hat zweitausend Jahre Erfahrung mit Herdenschutz?

Die katholische Kirche! Das bewährt sich auch und gerade im Corona-Ausnahmezustand.

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ So fragte Jesus seinen Apostel und gab ihm, als dieser bejahte, den Auftrag, seine Schafe und Lämmer zu weiden. Die katholische Kirche versteht die Begebenheit als Begründung des Papsttums. In der Tat haben katholische Amtsträger zweitausend Jahre Erfahrung mit Herdenschutz, der sich auch und gerade im Corona-Ausnahmezustand bewährt. Skeptiker, die meinen, Herdenschutz sei in Tirol illusorisch, könnten viel davon lernen.

„Pater Severin, was hat sich für dich in diesen Tagen am meisten geändert?“ fragte Bruder Renè seinen Vorgesetzten in der zweiten Woche der Quarantäne. Wer glaubt, der Guardian des Franziskanerklosters in Telfs hätte jetzt zuerst an seine Herde gedacht, irrt sich. Im fehlten die Wanderungen nach Buchen und Strassberg. „Und die Menschen, denen du da begegnet bist“, beharrte Bruder Renè in seiner charmanten Hartnäckigkeit, die auch etlichen Lienzer Tischmüttern und Tischmütterinnen erinnerlich ist. „Nein, das waren eh nie sehr viele“, bekam er zur Antwort.

Daraus lässt sich schon eine erste Regel für Hirten ableiten: „Meide deine Lämmer!“ „Meide deine Schafe!“ Auch Kleinvieh baut Mist.

Das Unheimliche am Coronavirus, so Pater Severin weiter, sei nämlich, dass die Viecher so klein sind und dass man den Schaden, den sie anrichten, erst Tage später bemerkt. Ein Wolf ist zwar größer als ein Corona, aber ansonsten ist es mit ihm nicht viel anders. Einfach erschlagen kann man ihn nicht. Hier braucht es klare Gesetze und Regeln. Die kamen dann auch, als man die Schafe vom Futtertrog nicht mehr fernhalten konnte. Doch es zeigte sich ab diesem Zeitpunkt in der katholischen Kirche ein Phänomen, das auch in der säkularen Demokratie die Gesetzgebung verkompliziert: der Konflikt zwischen Regierung und Opposition.

Eine Messe hat ja auch Mahlcharakter, sagen die Modernisten. Im Livestream hatte sie nur noch Charakter. Für Traditionalisten hat die Messe mehr Opfercharakter, der sich darin manifestiert, dass der Priester den Leib Christi seinem eigenen Stoffwechsel, und nicht jenem der Gläubigen zuführt. Überhaupt lesen sich auch die seit den erheblichen „Lockerungen“ für den katholischen Gottesdienst immer noch geltenden Regeln wie ein Plädoyer für die verbindliche Wiedereinführung des Tridentinischen Ritus.

„Sollte es unbeabsichtigt bei der Wahrnehmung eines liturgischen Dienstes zu einem direkten Handkontakt kommen, wenn sich etwa bei der Kommunionspendung die Hände berühren, so ist die liturgische Handlung zu unterbrechen. Die Betroffenen waschen bzw. desinfizieren ihre Hände. Dann kann die Feier fortgesetzt werden.“ Hätten sich die Verkäuferinnen im Lebensmittelhandel ähnlich benommen, hätten wir nicht so viel Klopapier einkaufen müssen. Wir wären schon vor dem Verbrauch der ersten fünf Blätter verhungert.

Daraus folgt, in zeitgemäßer Auslegung von Joh 10,11-13, das zweite Gebot: „Ein Hirt, dem das Fell seiner Schafe näher ist als das eigene, wird seine Herde nicht schützen.“

Hieß es bisher, dass das gemeinsame laute Beten und Singen „auf ein Minimum zu reduzieren“ sei, so wird nun die Formulierung verwendet, dass beides „gering zu halten“ ist. Ein kleiner Unterschied. Unsichtbar praktisch. Und wohl auch nicht zu hören. „Lobet den Herren mit Pauken und Zimbeln“ heißt es in Psalm 150. Die Verse mit den Hörnern und Flöten kann man sich sparen. Das ist katholisch. Nicht wie bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Kosakentragödie, wo der entpflichtete evangelische Pfarrer dem orthodoxen Kollegen das Lied vom guten Kameraden mit der provozierenden Verszeile „Find’st du nit die Trommel?“ in die Ohren posaunte.

Dritte Regel: „Schlafende Hunde soll man nicht durch Blasmusik wecken.“ Weder den Hirtenhund, noch den Corona. Und auch nicht den Wolf.

Katholiken spaltet man heute übrigens nicht mehr in Modernisten und in Traditionalisten, sondern in Rechtskonservative und in Marxisten, benannt nach ihrem Sprecher, dem Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. Der hat sich fürchterlich echauffiert, als sein konservativer Kollege Kardinal Müller zusammen mit „Intellektuellen, Medizinern, Anwälten, Journalisten und anderen Fachleuten“ einen Appell unterschrieben hat, der hinter den Coronamaßnahmen staatliche Panikmache, die Beschneidung der Bürgerrechte und der Religionsfreiheit witterte. Und „ein beunruhigendes Vorspiel zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht.“ Kardinal Marx hingegen sieht bei der Kirche keinerlei Kompetenz für die Pandemie.

„Wenn du dich nicht zuständig fühlst, schieb die Verantwortung auf die weltliche Herrschaft. Und nicht gleich auf die Weltherrschaft.“ Das war schon bei der Aufarbeitung der Ketzerverfolgung und der Hexenprozesse die Regel. Ein guter Hirte kann mündige Schafe ruhig sich selbst überlassen. Vorausgesetzt er kümmert sich um das eine, das sich tatsächlich verirrt hat.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Während des Lockdowns hielt uns sein Corona-Tagebuch bei Laune, doch mittlerweile kritzelt Rudi seine Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“. Das Motto dieser neuen Serie: „Was Sie auf Schloss Bruck nicht zu sehen und im Stadtbuch Lienz nicht zu lesen bekommen!“ Viel Spaß!

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3 Postings bisher
nikolaus

Ich könnte mir zur Corona-sicheren Aushändigung der Kommunion auch ein Gerät vorstellen, dessen Technik einem "Petz-Mandl" (oder gibt's da auch ein "Weibl"?) nachempfunden ist: Kopf in den Nacken - und die keimfeie Hostie erscheint im offenen Hals! Völlig gefahrlos für Geber*in 😷 und Nehmer*in 😛

aenda

Dass die Vertreter der katholischen Kirche sich um die eigene Gesundheit Sorgen machen ist nur allzu verständlich, zählen sie doch zu nahezu 100% zur Risikogruppe. Die Sache mit der Brotausgabe sollte man ohnedies an geeignete Laien outsourcen, wobei das Ansteckungsrisiko noch zu minimieren wäre, indem man die Broteinheiten wie die Toastkäsescheiben aus dem Supermarktregal einzeln verpackt.

Omo

Wenn Kleinvieh Mist macht, ist die kath. Kirche der größte Misthaufen!