Wo versteckt sich Burggraf Heinrich in der Messinggasse?

Wir haben nachgefragt. Der Stadtführer mit einem etwas anderen Blickwinkel.

Die Liebburg, die Mariensäule am Johannesplatz und der Iselturm sind den meisten Osttirolern und auch vielen Urlaubern bekannt. Doch wer kann sagen, wo sich der Burggraf Heinrich in der Messinggasse versteckt, was es mit den „Löschgassln“ auf sich hat und welche Turmuhr nie die richtige Uhrzeit anzeigt?

Wir machen uns auf die Suche nach Besonderheiten, die nicht im Stadtführer stehen, manchmal schon fast in Vergessenheit geraten sind oder auch erst entstehen.

Zunächst machen wir uns zu einem historischen Gemälde auf, zu sehen an einer Hausmauer in der Messinggasse. Diese Malerei stammt nicht aus dem Mittelalter, die Originalvorlage allerdings schon. Sie befindet sich nicht in Lienz, sondern in der Universitätsbibliothek Heidelberg im sogenannten Codex Manesse, der umfangreichsten und berühmtesten deutschen Liederhandschrift des Mittelalters. Neben dem Gemälde sind in dem handschriftlichen Werk auch einige Dichtungen des Burggrafen gedruckt – pardon – niedergeschrieben. Heinrich tat sich nämlich nicht nur als erfolgreicher Turnierkämpfer hervor, sondern auch als Schriftsteller. In Lienz war er als Vertreter der Görzer Grafen tätig und kümmerte sich in deren Abwesenheit um politische Angelegenheiten. 

Aber zurück in die Messinggasse: Denn, liebe Lienz-Expertinnen und -Experten: Wo ist es denn, das Gemälde von Burggraf Heinrich?

Diese Frage wäre also geklärt, nun ist allerdings noch offen, was auf dem Gemälde dargestellt ist. Werfen Burggraf Heinrich und seine Mitstreiter tatsächlich mit Brot? Und das im Mittelalter, als Nahrungsmittel ohnehin nicht im Überfluss vorhanden waren? Verwunderlich wär's nicht, war doch Marie-Antoinette fast 450 Jahre später noch der Meinung, das Volk solle doch Kuchen (bzw. Brioche) essen, wenn es kein Brot habe.

Brot, Brioche und Kuchen gibt's in Lienz zwar heute genug, doch: „Mit Essen spielt man nicht!“ Also recherchieren wir weiter. Auf der Internetseite der Universitätsbibliothek Heidelberg nimmt man an, dass sich der Burggraf (übrigens ganz links im Bild) mit zwei weiteren Männern im Spiel des Steinstoßens misst, der Osttiroler Autor und Historiker Meinhard Pizzinini kann sich auch vorstellen, dass es sich um ein Ballspiel handelt, bei dem der Ball mit kleinen Trommeln geschleudert wird.

Der Kunsthistoriker Rudi Ingruber hat noch eine andere Idee. „Es wird mit Eiskugeln geworfen“, meint er und verweist mit einem Augenzwinkern auf die Gelateria um die Ecke.

Um die Interpretation der weiß-gelben Kugeln in den Händen der mittelalterlichen Gestalten darf also ruhig diskutiert werden, vielleicht auch beim nächsten Spaziergang durch die Messinggasse – mit einem wachen Blick nach oben.

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3 Postings bisher
F_Z

Ich hätte da mal eine Frage an die, die sich auskennen: Ab wann ist ein Wandbild ein "historischen Gemälde"? 🤔 Oder anders gefragt: wie alt ist dieses Bild denn? Ich gehe mal davon aus das es in Lienz Graffitis gibt die älter sind...

    r.ingruber

    Tja, ich kenn mich da auch nicht so gut aus, aber "historisch" heißt nicht immer "alt". Man sagt ja auch: "Heute ist ein historischer Tag." Die Manessische Liederhandschrift stammt aus der Zeit zwischen 1300 u. 1340, die Bilder darin auch. Wenn heute jemand so ein Bild auf eine Hausfassade pinselt, dann historisiert er. Und was den Inhalt anlangt, gibt es zwei Alternativen. Wenn die Leute im Bild Tamburello spielen, wie Pizzinini meint, das gab es schon in meiner Kindheit. Also schon sehr alt. Wenn sie mit Steinen werfen, die gab es schon in der Steinzeit. Also noch älter! Insgesamt aber dürften Sie mit Ihrer Datierung im Recht sein.

r.ingruber

Fragt sich jetzt nur, seit wann der Ingruber das behauptet: seit Jahren, seit kurzem oder seit heint?