Was macht das Virus mit unserem sozialen Leben? Stehen wir vor einer „psychosozialen Pandemie“? Foto: iStock/kzenon

Was macht das Virus mit unserem sozialen Leben? Stehen wir vor einer „psychosozialen Pandemie“? Foto: iStock/kzenon

Die Corona-Maßnahmen sind zu unübersichtlich

Die Politik übersieht die psychischen Folgen ihres Handelns.

„Bald wird jeder jemanden kennen, der“ … an psychischen Folgen der Pandemie leidet. Die ständige Beschäftigung mit dem allgegenwärtigen Thema Corona, existentielle Sorgen und der konstante Stress einer potentiellen Ansteckung ohne eine zeitliche Perspektive auf Besserung der Lage machen den Alltag für viele Menschen immer unerträglicher. Angstzustände, Aggression und fehlendes Vertrauen in die Zukunft sind nur einige der Folgen.

Die Regierung ignoriert dieses Problem und verbreitet in zunehmendem Maße unklare Botschaften. Dabei führt sie ihre eigenen Maßnahmen ad absurdum. Bestes Beispiel ist die lang angekündigte Corona-Ampel, die binnen weniger Tage ihre Sinnhaftigkeit verlor, indem grün dieselben Maßnahmen hervorbrachte wie gelb oder orange. Wozu eine Ampel, die ursprünglich dafür entwickelt wurde, die Maßnahmen an die regionalen Gegebenheiten anpassen zu können und überschaubar zu machen, wenn jeweils ein gesamtes Bundesland gleich behandelt wird, egal welche Farbe die einzelnen Bezirke haben?

In der Bevölkerung kommen Zweifel auf

Die Erklärungen dafür bleiben ausgerechnet zu einem Zeitpunkt aus, an dem die Nerven in der Bevölkerung blank liegen und es dringend Botschaften bräuchte, die vermitteln, dass die unterschiedlichen Behörden und Entscheidungsträger wissen, was sie tun. Derzeit ist das Gegenteil der Fall. Kein Wunder, wenn die BürgerInnen die Sinnhaftigkeit mancher Maßnahmen bezweifeln, da sie willkürlich und wenig überdacht wirken. Das ist weder politisch noch psychologisch klug.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die Sigmund-Freud-Universität eine Studie zu den psychischen Auswirkungen der Pandemie. Die Ergebnisse erschrecken besonders dann, wenn man beachtet, dass der Untersuchungszeitraum in der zweiten Maihälfte lag. Das war jene Zeit, in der man langsam aufatmen konnte. Die Ansteckungszahlen gingen ein wenig zurück, die Maßnahmen wurden gelockert, viele Geschäfte und Lokale hatten wieder geöffnet. Es gab ein Quäntchen Hoffnung.

Die psychischen Kosten der Maßnahmen

Wenn allerdings bereits im Mai 39 Prozent der Befragten angaben, sie fühlten sich vermehrt gereizt, 23 Prozent sagten, schon Kleinigkeiten bringe sie aus der Ruhe und sich ein Fünftel durch die Corona-Krise psychisch belastet fühlte, dann lässt sich erahnen, wie es der Bevölkerung heute geht. Nicht zufällig sprechen die StudienautorInnen von einer „psychosozialen Pandemie“ und rechnen mit einer hohen Zunahme an psychischen Problemen in den nächsten Monaten. Der Tag hat weniger Sonnenstunden, das Schreckgespenst eines eventuell zweiten Lockdowns geht um und die Krisenkommunikation der Regierung sowohl auf nationaler wie auf Länderebene lässt zu wünschen übrig.

Kommunikationsexperten empfehlen Politikern meist einfache Botschaften. Das ergibt kurzfristig Sinn, allerdings gehen dadurch wesentliche Zusammenhänge verloren. So verständlich es im März war, dass die Regierungsmitglieder zu dramatischen Worten neigten, so gefährlich ist es, bis heute an diesen Schreckensszenarien festzuhalten und fast täglich eine neue Botschaft zu übermitteln, ohne dass dabei darauf geachtet würde, wie es regional aussieht.

Blindheit gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung?

Ein Klischee besagt, dass sich Politiker und Politikerinnen zu sehr in den immer gleichen Kreisen bewegen und daher zuwenig Ahnung davon haben, wie es der Masse der Bevölkerung geht, welche Sorgen sie im Alltag hat und was sie bewegt. Auch ihre BeraterInnen kommen meist aus einer ähnlichen Gesellschaftsschicht. Irgendjemand aber müsste ihnen möglichst bald ausrichten, dass man dabei ist, sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene das zu verspielen, was die Demokratie sowie die psychische Gesundheit dringend bräuchten: Vertrauen. Ohne dieses wird das Problem des Winters nicht nur lauten, wie es der Wirtschaft geht und wie viele Personen gerade an Covid-19 erkrankt sind, sondern wie hoch der Prozentsatz an traumatisierten Menschen ist. Sinnvoll wäre daher etwas weniger Drohung in der Kommunikation, dafür aber Maßnahmen, die regional abgestimmt und nachvollziehbar sind. Selbst wenn dies bloß umgesetzt würde, um bei der nächsten Wahl gut abzuschneiden.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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12 Postings bisher
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Die Menschen beginnen schon immer mehr die Maßnahmen umzugehen, weil vieles logiklos ist oder so scheint

Chronos

Es ist eine Fehlannahme zu glauben, mit Angst schüren, Panikmache und Drohungen aussprechen, lasse sich die Bevölkerung wiederholt einschüchtern und in Folge Wählerstimmen sammeln – Stichwort Wien-Wahl. Das Umfragehoch der ÖVP während der Corona-Monate März und April, lässt sich nicht mit denselben Mitteln, wie eine Endlosschleife ständig fortsetzen. Die Strategie muss nun eine andere sein. Den Menschen mit Zuversicht in Worten und Taten, ohne parteipolitisches Geplänkel, begegnen und umsetzen.

Wann endlich werden die Türkisen Regierungsmitglieder und ihr Messias, der haargestylte Maßanzugträger und alle dessen Kommunikationsberater verstehen, dass Vertrauen in der Bevölkerung schaffen, das Gebot der Stunde ist! Der Winter steht vor der Tür, es ist noch nicht zu spät!

freekit78

bald wird jeder jemanden kennen der nicht türkis mehr wählt. schaut nicht gut aus!!

    miraculix

    ... ist doch fast das beste, was unserem Land passieren kann, oder?

S-c-r-AT

"Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die Sigmund-Freud-Universität eine Studie zu den psychischen Auswirkungen der Pandemie."

Bitte um eine Verlinkung zu der Studie. Danke!

    tintifax

    Zwischen dem 15. und dem 26. Mai 2020 hatte das Gallup-Institut im Auftrag der SFU 1.000 Menschen online interviewt: die erste und laut Musalek österreichweit bisher einzige Erhebung zu diesen Fragen.

    https://www.derstandard.at/story/2000120245682/warum-die-psychische-coronakrise-jetzt-erst-beginnt

    Daniela Ingruber

    Die Studie wurde meines Wissens nach leider bisher noch nicht gesamt online gestellt. Der führende Wissenschafter jedenfalls war Michael Musalek vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

    S-c-r-AT

    @Daniela Ingruber Danke für die Info!

    Ich habe lediglich eine Vorabinterpretation gefunden.

    "1 stimme nicht zu" ... da hats einer kapiert #plemplem#

nikolaus

Sich unter seines*ihresgleichen zu bewegen trifft wohl auch auf die entscheidungstragenden Expert*innen zu. Sie bestätigen sich gegenseitig und lassen sich von abweichenden Meinungen nicht beeinflussen. Meinungsänderung gilt als Schwäche bzw. Eingeständnis von Fehlern. Dabei ist der FEHLER ein wichtiger HELFER in einem Lernprozess (beide Wörter bestehen "zufällig" aus den selben Buchstaben.) Und als Lernprozess kann man die aktuelle Entwicklung allemal betrachten. Mit dem "Denken im Kreis" werden wir allerdings niemals aus der fatalen Schleife, die momentan läuft, herauskommen. Die vorausschauend wesentlich gefährlichere Welle ist nicht die Corona-Welle, sondern die Welle der Angstmacherei.

    iseline

    Ich würde zur "Angstmacherei" noch ergänzen, dass die Krise zusätzlich von unserer politischen Führung für ihre Parteiziele missbraucht wird. So hört man zur Strategie von LR Tilg und Platter "Wir haben alles richtig gemacht " nicht viel, das rote Wien wird für seine Maßnahmen aber heftigst kritisiert, um ein Beispiel zu nennen.

andrea_s

Die Maßnahmen sind nicht nur unübersichtlich, sie sind auch für viele Menschen, inklusive Entscheidungsträger*innen und Behörden zunehmend weniger nachvollziehbar. Das Vertrauen schwindet und das Leiden wird mehr oder jedenfalls deutlicher.

Ich dachte, mich kann so schnell nichts umhauen. Im August wurde ich dann 2x ohnmächtig. Zwar kamen sicher mehrere Faktoren zusammen, aber für wen gilt das nicht? Gesundheit, Familie, Kinder, Job, Freund*innen, die Hitze im Sommer und Corona ... das addiert sich schnell.

An alle auch Mitgenommenen: Wir haben schon andere Krisen überstanden, wir überstehen auch diese, gemeinsam und zusammen.

r.ingruber

Liebe Daniela, danke, der Beitrag war längst überfällig. Die psychischen und, allgemeiner, psychologischen Auswirkungen der Pandemie sind mindestens so ernstzunehmen wie die unmittelbar gesundheitlichen und wirtschaftlichen. Abhilfe durch die klarere und vertrauenswürdigere Kommunikation seitens der Regierung zu erwarten, erinnert mich aber an ein Eltern-Kinder-Verhältnis, das indirekt auch ein Licht auf die Beschädigten wirft. Auf deren Disposition wurde, soweit ich sehe, in der Onlinebefragung der SFU ja nicht eingegangen. Die wirtschaftliche Bedrohung scheint keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben, und so kann man vermuten, dass die Voraussetzungen für die jetzt zutage tretenden psychischen Auswirkungen schon vor der Krise da waren. Bereits im April wurde eine ebenfalls in Zusammenarbeit mit der SFU durchgeführte Befragung bezüglich des durch Corona veränderten Sexualverhaltens veröffentlicht, und einer der populärsten Repräsentanten der SFU, Raphael Bonelli, der sonst für die durch häusliche Quarantäne und Homeoffice durchaus geförderte Monogamie eintritt, ritt gleichzeitig scharfe Attacken gegen die von der Regierung verhängten Maßnahmen. Das ist umso pikanter, als sein "angeheirateter Cousin" Kabinettchef im Bundeskanzleramt ist.