Ein seltsamer Halbkreis an der Hausfassade

Der weiße Verputz an der Steinmauer der Glaserei Zimmermann ist kein Fassadenschmuck.

Haben Sie sich auch schon gefragt, was dieses halbkreisförmige Gestaltungselement an einem liebevoll sanierten Gebäude am Lienzer Parkplatz Stegergarten zu bedeuten hat? Die Lösung ist einfach. Genau an dieser Stelle war früher ein Mühlrad angebracht und der Verputz schützte die Mauer vor dem Wasser der Drauwiere, dessen Kraft die „Erlach’sche Farbenmühle“ zum Laufen brachte.

Heute erinnert nur noch der Name der Gasse – Mühlgasse – an die Drauwiere und ihre vielen Mühlen, die über Jahrhunderte das Stadtbild von Lienz prägten. Erst vor wenigen Jahren wurde die letzte Mühle der Lienzer Innenstadt, die Lederwalke Wimmer, beseitigt, um noch mehr Platz für parkende Autos zu schaffen.

Nahe der Galitzenbachmündung wurde das Wasser der Drau abgeleitet, floss durch Leisach und Lienz und war für viele Gewerbebetriebe eine unentbehrliche Energiequelle. Schon zu Zeiten der Görzer Grafen ist eine Kesselschmiede an der Wiere in Leisach belegt. Vor 500 Jahren diente sie auch als schützender Wassergraben südlich der Altstadt. Nicht erst heute ist vieles streng geregelt: Im Urbar von 1583 steht geschrieben, daß die Patriasdorfer unter anderem verpflichtet sind, die Wiere im Hofgarten zu räumen.

Dieses Bild des heutigen Zimmermann-Hauses entstand 1938. Die drei jungen Männer auf dem Geländer der Brücke über die Wiere sind schon verstorben, der letzte von ihnen, Edmund Wallensteiner, erst heuer mit 95 Jahren.

Die Wiere brachte bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts das Holz zu den Kohlmeilern am Leisacher Gries und war lange danach noch unverzichtbar für die Bewässerung der Felder und Gärten in Leisach und Lienz. Sie diente aber auch zum Wäschewaschen und war ein nicht ungefährlicher Spielplatz. Oft wurde sie auch zur Abfallentsorgung missbraucht. Und wenn im Kanal wenig Wasser floss, machten sich die Kinder gerne auf Schatzsuche, denn es war fast immer etwas Interessantes dabei, erinnert sich Viktor Zimmermann. Sein Vater hatte die ehemalige Erlach’sche Farbenmühle für seinen Spenglereibetrieb erworben. Damals diente das Gebäude der Familie Erlach nur noch als Lager für ihre Drogerie „Zum Kreuz“, aber bis 1930 sollen dort mit Hilfe der Wasserkraft Pigmente vermahlen worden sein.

Die Wiere bzw. eine Wasserumleitung floss auch nord- und ostseitig direkt am Haus entlang. Zwischen den beiden Gebäuden der Glaserei Zimmermann floss das Wasser durch einen erhöhten Holzverschlag zum Wäschewaschen. Aber nur für die Anrainer, denn diese hatten ein exklusives Wasch- und Durchgangsrecht, erinnert sich Viktor Zimmermann.

Viktor Zimmermann erinnert sich noch gut an die Zeit, als hier vor seinem Haus ein Bach vorbeirauschte. Foto: Dolomitenstadt/Gander

Die Drauwiere floss weiter fast den heutigen Straßenverlauf entlang am Parkplatz des Citycenters, vereinigte sich östlich der Altstadt, im Bereich des Hofgartens, mit der Iselwiere und mündete schließlich in die Isel. Ja, es gab auch eine Iselwiere, aber das ist eine andere Geschichte …

1962 wurde die Drauwiere in Lienz zugeschüttet. Sie war verkehrsbehindernd und zwecklos geworden für eine moderne Stadt. Schade eigentlich.

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5 Postings bisher
Kiew

Ich kann mich noch gut an die Drauwiere und die ganzen Betriebe im Umfeld erinnern. Wo heute das Finanzamt, die BH und die Feuerwehr stehen, war einst das Areal der Vergeiner-Säge. Überhaupt säumten viele Sägen die Wiere von Leisach bis zum Bahnhof und die waren voll im Betreib.

Fam A

@bergfex....... Frau Gander bringt in ihren Stadtführungen sogar noch Einheimische, mit ihrem Wissen und den vielen kleinen Geschichten um die Stadt Lienz, zum Staunen. Und alles was Ihnen dazu einfällt ist dieser unnötige Kommentar? 🤔Schade! Liebe Evelin, ich freue mich schon auf Ihren nächsten, unterhaltsamen Bericht. Danke! ☺

bergfex

x die Lederwalke Wimmer, beseitigt, um noch mehr Platz für parkende Autos zu schaffen. x

Evelin Gander, haben sie etwa kein Auto ??

    wolf_c

    wir wissen dass -auto- - park platz!! in der lienzer hierarchie ganzganz oben steht, dann kommt langlang nix ... das auto fährt ja auch nit mit wasser!

      senf

      gäbe es die drau- und iselwiere noch, würde sie wohl auch heute niemand mit dem boot befahren, um zur arbeit zu kommen 😇

      kaum zu glauben, aber kajak fahren auch nur einen geringen prozentsatz ihrer tagesstrecke am wasser. den großteil über weite strecken fahren sie nutzlos am dachträger mit dem auto herum, gell herr wolf_c