Schau auf dich, schau auf mich? Allerheiligen 2020 ist anders. Archivbild: Ramona Waldner

Schau auf dich, schau auf mich? Allerheiligen 2020 ist anders. Archivbild: Ramona Waldner

Was sucht ihr auch die Lebenden bei den Toten?

Ich kann mich an die Besuche unseres Familiengrabes während meiner Kindheit gut erinnern.

Zum Fest des hl. Josef, ganze drei Tage nach dem totalen Lockdown, präsentierte Richard Büchsenmeister, Oberhaupt einer vierzehnköpfigen Familie aus dem Bezirk Braunau, auf der Website von „Opus Dei Österreich“ sein Konzept für die Optimierung einer vom zeitlichen Ausmaß nicht absehbaren Situation. Zumal nur neun der zwölf Kinder anwesend bzw. ins Elternhaus zurückgekehrt waren, sollte unter seinen Tipps für jede Durchschnittsfamilie etwas dabei sein. Eng waren die Maschen des Alltags zwischen pünktlichem Aufstehen und pünktlichem Schlafengehen geknüpft, um der Sünde keinen Spielraum zu lassen: „Gute Nacht Elisabeth, gute Nacht Ben, gute Nacht Mary-Ellen, gute Nacht Jim-Bob, gute Nacht John-Boy, gute Nacht …“.

Schien es im Frühjahr noch ein probates Mittel gegen Corona, sich wie einst Edgar Allan Poes Prospero in der eigenen Abtei – auch mit mehr als nur sechs Personen – vom Rest der Bevölkerung zu isolieren, so schlägt heute das Virus vorzugsweise dort zu, wo es die Sünde nicht gibt: in den eigenen vier Wänden, beim Gottesdienst und auf der Alm. Man muss nur Aufrufe einzelner Tiroler Bezirksbehörden verfolgen. Dennoch blieb die Regierung, die sonst nicht zimperlich ist, bei ihrem Plan für Allerheiligen: Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich diesmal den Lockdown selber verordnen. Insofern sind die von der Kirche getroffenen Vorsichtsmaßnahmen – drinnen und draußen – verständlich. Aber ist es der Inhalt dessen, was heuer nicht stattfinden kann, auch?

Ich kann mich an die Besuche unseres Familiengrabes während meiner Kindheit noch gut erinnern. Mein Großvater, dem ich in meinem damals noch kurzen Leben nicht mehr als dreimal begegnet bin, war dort beerdigt, ebenso eine Tante, die, kaum erwachsen, schon vor meiner Geburt durch einen Autounfall gestorben war, und schließlich die Großeltern meiner Mutter. Sie waren bei einem Bombenangriff am Ende des Krieges ums Leben gekommen. Jedenfalls schien der Tod alles andere als ein Vorrecht der älteren Menschen, die das Grab sonst noch umstanden, und es war absehbar, wann nicht einmal mehr zu Allerheiligen jemand persönlich sich an die Verstorbenen zu erinnern imstande sein würde.

Mit der Zeit fiel es auch mir immer schwerer, mir diese Personen ausgerechnet an ihrem Grab so vorzustellen, wie ich sie von den Fotografien, vor allem aber aus den lebendigen Erzählungen meiner Mutter zu kennen geglaubt hatte. Was sucht ihr auch die Lebenden bei den Toten? Allerheiligen ist schließlich nicht ihr Fest, sondern das jener Verstorbenen, deren Seelen ohne weiteren Aufschub in den Himmel gelangt sind. Auch wenn es kaum jemanden geben wird, der sie alle aus dem Gedächtnis zu nennen vermöchte, so ist ihre Zahl im Vergleich zu den 100 Milliarden Toten der Menschheitsgeschichte höchst überschaubar. 144.000 sind es in der Offenbarung des Johannes, und die Reproduktionszahl dürfte auch nicht sehr hoch sein.

Der anderen wird morgen, zu Allerseelen, gedacht. Ihr Ort ist nach katholischer Überzeugung das Fegefeuer, dort wo die Seelen der meisten, die daran glauben, auf die Auferstehung des Fleisches beim Jüngsten Gericht warten. „Weh! Was werd ich Armer sagen, welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“ Im „Dies irae“ sprechen sich die Bescheidenheit und die Einsicht all jener aus, die eben nicht alles richtig gemacht haben und jetzt auf die Fürsprache der Heiligen, vor allem aber auf das Gebet der Hinterbliebenen und die Nachsicht der von ihnen Geschädigten hoffen. Mit dem Druck auf die Wirtschaft ist hier nichts getan. Der Ablasshandel ist nämlich schon seit über 450 Jahren verboten und wäre heute ein Fall für die WKStA.

Um sich auszurechnen, dass die Chancen, einmal in eine ähnliche Situation zu geraten, auch für einen selber nicht so schlecht sind, ist ein gemeinsamer Gräberbesuch nicht zwingend erforderlich. Die Versuchung, im Kollektiv gerade zu so einem Anlass der Verfehlungen anderer mehr als der eigenen zu gedenken, soll man nicht unterschätzen. „Schau auf dich – schau auf mich!“ Vielleicht tut es ganz gut, den Appell an das Verantwortungsgefühl seinen Mitmenschen gegenüber für dieses Mal auf den ersten Teil zu beschränken.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Während des Lockdowns hielt uns sein Corona-Tagebuch bei Laune, doch mittlerweile kritzelt Rudi seine Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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danke Rudi!!!!

arlingriese

schau auf dich rudolf ... schreibe noch viele, viele interessante heitere "rudis randnotizen" ... schau auf mich "dolomitenstadt.at" und sorge immer brav für die rasche veröffentlichung ... danke 😊