Wenn schon kein Bild mit Menschen, dann wenigstens irgendein Bild – das Erscheinen der Regierung hinter Plexiglas ist Inbegriff der politischen Pandemievisualisierung. Foto: Expa/Schrötter

Wenn schon kein Bild mit Menschen, dann wenigstens irgendein Bild – das Erscheinen der Regierung hinter Plexiglas ist Inbegriff der politischen Pandemievisualisierung. Foto: Expa/Schrötter

Politik verlangt Bilder, die Nähe vermitteln

Hinter Plexiglas wohnt nur Distanz, kein glaubwürdiges Gefühl.

Glaubwürdigkeit hat in der Politik viel mit Bildern zu tun. Kein Wahlkampf ohne das Bad in der Menge, keine Naturkatastrophe ohne die Aufnahmen von Politikern, die sich vor Ort informieren und den Menschen Mut zusprechen. Kein Auftritt ohne vielfaches Händeschütteln, kein Krieg ohne Auftritte vor den Soldaten. Wahlkampf in einer Fabrik, auf dem Markt; nicht umsonst bewegen sich die Royals gerne in Altersheimen und Kindergärten. Heute bleibt nur eine vage Erinnerung. Politiker können eines der wesentlichsten Mittel in der Kommunikation mit der Bevölkerung nicht in Anspruch nehmen: Das Bild in der Menge, das unterstreichen soll, ich bin eine/r von euch.

Die viel zu häufigen Pressekonferenzen der Regierung sowie der Opposition lassen sich auch dadurch erklären. Wenn schon kein Bild mit Menschen, dann wenigstens irgendein Bild, um im Gedächtnis zu bleiben. Das Erscheinen hinter Plexiglas allerdings – so pandemiesinnvoll es auch ist – verstärkt die Distanz.

Ohne Bilder sind politische Botschaften kaum zu vermitteln

Bei den Erklärungen zum neuerlichen Lockdown war dies den Regierungsmitgliedern offensichtlich bewusst. Sie griffen auf die ihnen eigenen Mittel zurück, um die Distanz auszugleichen. Bundeskanzler Kurz tat dies mit Handbewegungen, die bedeuten wollten, ich nehme euch zu mir; Vizekanzler Kogler übte sich wie meist in volksnaher Sprache, Gesundheitsminister Anschober war einmal mehr darauf bedacht, zu erklären, nochmals zu erklären und auf das Wir zu pochen. Innenminister Nehammer brach das Problem auf die eigene Familie runter, sprach von Distanz zu seinen Eltern, von Nähe, die er vermisst. Doch das fehlende Bild nahm der Erzählung die Echtheit. Hinter Plexiglas wohnt nur Distanz, kein glaubwürdiges Gefühl.

Regierende in Abwesenheit haben ein Problem mit der Bevölkerung. Das wussten Herrscher bereits vor Jahrhunderten und gaben sich immer wieder volksnah oder in der Menge jener, deren Unterstützung sie brauchten. Opulente Feste am Hof dienten nie nur der Diplomatie, sondern auch der Versicherung, dass man als Geladener Teil des Bildes war. Dabei brauchten immer schon die Herrschenden solche Bilder viel dringender als die Bevölkerung. Gemälde von Königen in der Schlacht, tapfer umgeben von Soldaten, zeugen nicht zuletzt auch davon.

Politik verlangt Bilder, die Nähe vermitteln

Im Faschismus wurde das Foto der Masse zum politischen Motiv. Die Aufnahmen Leni Riefenstahls von Adolf Hitler sind bei all ihrer widerlichen Propaganda bis heute perfekte Beispiele für die Umsetzung, wie Politiker in der Masse wirken können. Donald Trump und seinem Team war diese Wirkung – ohne jegliche politische Nähe – bewusst. So unverständlich seine Massenveranstaltungen der letzten Monate aus gesundheitlicher Sicht waren, so bitter nötig hatte er sie, weil seine Botschaft ohne Jubel glanzlos wirkte. Dass Trump ausgerechnet an dem Tag, an dem er seine Niederlage einzugestehen begann, seinen Anhängern bloß noch aus dem Auto zuwinkte und damit kein Bild in der Masse mehr möglich war, unterstreicht die Einsamkeit des Machtverlusts.

Es mögen zunächst nur fehlende Fotographien sein, tatsächlich steckt viel mehr dahinter: Politiker ohne Volk vermitteln ein Image des Abgehoben-Seins. Als hätten sie den Kontakt zur Bevölkerung und damit das Verständnis für deren Sorgen, Nöte und Bedürfnisse verloren. Diesen Vorwurf gibt es zwar schon immer, doch wenn zudem die Bilder Abgeschiedenheit vermitteln und die Gesichter der Regierenden fehlen, weil sie hinter Maske oder unscharf hinter Plexiglas verschwinden, wird es schwierig, das Vertrauen aufrecht zu halten. Man möchte jenen ins Gesicht sehen, die einem die Freiheit rauben. Ohne Bild der Nähe begegnet man einander nicht einmal mehr in inszenierter Abfolge, sondern man lebt in getrennten Welten, in der Dystopie der Demokratie.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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5 Postings bisher
gewa

Wieder eine Freude (trotz der schwarzen Thematik) beim Lesen. Sollte eigentlich wohl allen Oberen" einleuchten.Von dort kommt aber wenig außer abegehobenem Aktionismus. Leider.

Naiv

Ich finde den beitrag sehr gut, weil man sehen kann wie viel potential bilder und auch ton haben kann...

und ich glaube, das die geschichte uns gelehrt hat, darauf besser zu achten was wir sehen und hören...(Banken Krise Grichenland/Irak Krieg/Afganistan Krieg und noch viele viele "Krisen" mehr...)

Mir geht es persönich besser wen ich ab und zu abstand nehmen von medien, gerade in zeiten wie diesen. (zib/ dolomitenstadt/ facebook/ RT / Rubikon/ bücher usw...)

Ich finde es sehr naiv zu glauben das die Regirung welche auch immer nur das besste fürs Volk will... gerade bei der Gesundheit... Wenn Schwarz Blau noch Regieren würden, würden wir in den gaststätten wider rauchen.... Amalgam in den zähnen... 60 h woche... usw... sicher nicht das beste für die Gesundheit...

Meiner meinung nach sollte das wort des Jahres Achtsamkeit sein....

dazu folgendes

Absolut richtig.

Was weder die herrschenden Verantwortlichen der Landes- als auch Bundesregierung verstanden haben und weiterhin verstehen, ist in der Bevölkerung ein Verständnis für die anstehenden Probleme im Gesundheitssektor visuell zu kommunizieren. Nur an die Eigenverantwortung zu appellieren ist leider zu wenig und zeugt nicht von Führungsstärke. Der Wink mit dem Vorschlaghammer ist dann der letzte Ausweg. Gesellschaftlich und vor allem wirtschaftlich gesehen wird uns dieses Vorgehen und die Aufarbeitung desssen, noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beschäftigen bzw. auch finanzielle Einbußen bescheren.

Es entsteht der Eindruck eines Abgeschirmtseins bzw. einer Nicht-Anteilnahme am Geschehen. War irgendein Politiker vor Ort in betroffenen Krankenhäusern / Intensivstationen in letzter Zeit?

Auch wenn die Bilder drastisch waren, sieht man was die Kommunikation aus den Krankenhäusern in Bergamo im Frühling in der Bevölkerung bewirkt haben.

Wurde dies aus touristischem Kalkül vermieden bzw. vermeidet man dies noch immer und lässt dadurch Coronaleugnern und Skeptikern die Deutungshoheit und einen zu großen Interpretationsspielraum des aktuellen Geschehen?

    nikolaus

    Genau von diesen Bildern (Bergamo ...) handelt der wie immer hervorragende Beitrag von Fr. Ingruber NICHT! Da dürften Sie wohl etwas missverstanden haben. Es geht um Bilder der (Volks-)Nähe, und nicht um Bilder, die Ängste auslösen oder verstärken.

    Übrigens: Die Bilder von aufgereihten Särgen (bzw. deren In-Zusammenhang-Bringen mit Corona) waren, wie inzwischen wohl allgemein bekannt ist, manipuliert - sie entstanden nach einem Schiffsunglück vor Lampedusa ...

      dazu folgendes

      Natürlich handelt der Artikel GENAU davon. Nur weil es Ihnen ideologisch nicht in den Kram passt, heisst das nicht, dass aus Bildern (auch wenn Sie mit der Verbreitung nicht einverstanden sind) in Wiederholung durch viele Medien die Masse beeinflusst wird. Man muss den Realitäten schon ein wenig ins Auge sehen.

      Dass die Bilder und Berichte aus Bergamo im Frühling bewusst und vor allem unbewusst Emotionen geschürt und Ängste potenziert haben und damit Handlungsanweisungen für die Masse leichter "annehmbar" machten ist ja evident. Dabei es für die Wirkung vollkommen irrelevant, ob dies nun inszeniert war oder vollinhaltlich der Wahrheit entsprach oder entsprechen muss. Genauso funktioniert ja Propaganda, was ja Fr. Ingruber auch mit dem historischen Vergleich mit Hitler aufzeigte.

      Btw. gab es natürlich eine enorme Übersterblichkeit in Bergamo und dutzende Militärfahrzeuge, die die Leichen abtransportiert haben, siehe auch den Artikel https://www.derstandard.at/story/2000119234494/bergamo-nach-der-apokalypse

      Das gleiche passierte übrigens mit dem von den meisten Medien veröffentlichen Bild von Alan Kurdi, dem kleinen ertrunkenen Flüchtlingsbub, der tot an einem türkischen Mittelmeerstrand angespült wurde und so starke Emotionen, vor allem des Mitgefühlrs weckte, dass damit die Aufnahme von Flüchtlingen unbewusst bei der Mehrheit legitimiert wurde und von den meisten Menschen 2015 auch gutgeheissen wurde.