2020 ist kein Jahr der Menschenrechte

Im Schatten der Pandemie bleibt die Gewalt meist unbeobachtet.

Wer hätte im Jänner 2020 gedacht, dass Covid-19 ein Jahr lang, und wahrscheinlich wesentlich länger, unser aller Leben auf den Kopf stellen würde? Wie hätte man ahnen können, dass Gewohnheiten per Verordnung verboten würden? Wie hätten wir reagiert, wenn man damals angekündigt hätte, dass auch die Regierungen demokratischer Staaten Geschäfte, Lokale, Schulen wochen- oder gar monatelang schließen lassen und selbst das Privatleben massiv einschränken?

Ebensowenig hätte man es für möglich gehalten, dass es im gesamten Jahr 2020 nur ein einziges Gesprächsthema geben würde. Wirft man einen Blick in die Medienlandschaft, begegnet einem kaum anderes als die Corona-Berichterstattung. Was zunächst lediglich langweilig und öde klingt, hat jedoch drastische Auswirkungen.

Wo kein Bericht, da keine Hilfe

Früher nannte man es den CNN-Effekt, jenes Phänomen, dass Ereignisse, die nicht bei diesem Fernsehsender vorkamen, generell nicht wahrgenommen wurden. Das ging so weit, dass die internationale Gemeinschaft sich nicht darum kümmerte, humanitäre Hilfe ausblieb und ebensowenig Spendengelder gesammelt wurden. Was CNN nicht berichtete, blieb dem internationalen Blick meist verborgen.

Die aktuelle Pandemie hat diesen Effekt in anderer Weise wiederaufleben lassen, insbesondere was bewaffnete Konflikte und Menschenrechtsverletzungen betrifft. Im Schatten der Corona-Krise kann fast unbeobachtet gemordet, gefoltert, festgehalten und vertrieben werden.

Nach Black Lives Matter war nur Schweigen

Während es nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd am 26. Mai so aussah, als würde dieses Jahr den Blick auf die Menschenrechte verstärken und der friedliche Appell tatsächlich etwas für deren Einhaltung bewirken, geriet auch Black Lives Matter leider wieder in den Hintergrund. Alles blieb der Pandemie unterworfen und bis heute scheint für kaum etwas anderes Platz zu sein. Die Frage, ob die Bevölkerung kein Interesse an Anderem als der eigenen Befindlichkeit hat oder ob die Medien dies fälschlich vermuten, bleibt unbeantwortet.

Für jene Menschen, die Gewalt ausgesetzt sind, ist die Frage gleichgültig, denn Hilfe bleibt in jedem Fall aus. Sie sind in diesem Jahr vielleicht besonders alleingelassen. Man könnte zynisch hinzufügen, dass die Situation umso schlimmer wird, je weiter man von Europa oder den USA entfernt ist und je weniger man mit hoffnungsspendenden ästhetischen Bildern aufwarten kann.

Wessen Menschenrechte werden geachtet?

In diesem Zusammenhang ist spannend, dass zahlreiche Menschenrechtspreise, die rund um den Menschenrechtstag am 10. Dezember (1948 verabschiedete die UN-Generalversammlung an diesem Tag die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) vergeben werden, im Jahr 2020 an die Demokratiebewegung von Belarus gehen. So sehr diese Menschen Unterstützung und Auszeichnungen brauchen und verdient haben, so sehr bieten die Protagonistinnen das, was gerade im Jahr 2020 herbeigesehnt wird: die perfekten Bilder von Mut, Gewaltfreiheit, Ausdauer und Weiblichkeit. Das gibt Hoffnung auf eine andere Politik in der Zukunft, und dass die Heldinnen zudem klug und schön sind, perfektioniert das Bild.

Die Auszeichnung hat nicht nur ihre Berechtigung, sondern wird tatsächlich gebraucht. Die Menschenrechte zeichnen sich allerdings durch Vielfalt und Universalität aus. Das bedeutet, dass sie für alle und überall zu gelten haben; für die Opposition Ägyptens, die inzwischen weitgehend zum Schweigen gebracht wurde oder in Gefängnissen der Folter ausgesetzt ist; für Geflüchtete, die innerhalb der Europäischen Union unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern festgehalten werden; in der Türkei, wo es kaum noch freie Medien gibt, im Jemen, wo der lange Stellvertreterkrieg Saudi-Arabiens nicht nur das Völkerrecht verletzt, sondern zu einer massiven Hungersnot geführt hat; in China, wo Menschenrechte generell nicht gelten.

Nicht zurück zur Normalität, sondern zu etwas Heilsameren

Das Motto des diesjährigen globalen Menschenrechtstages lautet „recover better“, was auf Deutsch etwas unglücklich mit „besser erholen“ übersetzt wird, doch eine wichtige Botschaft beinhaltet: Es geht nicht um eine Entscheidung zwischen Corona-Krise oder Klimakrise, und es geht auch nicht um die Beeinträchtigung der Menschenrechte nur einiger Menschen. Das Jahr 2020 hat so viele Herausforderungen gebracht, es könnte gerade deswegen auch ein Jahr sein, aus dem wir lernen, dass wir kein Zurück zur Normalität brauchen, sondern etwas Besseres.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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3 Postings bisher
Bergtirol1

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und es hat uns eines recht deutlich vor Augen geführt.. Es können in unserer heilen Welt Dinge und Verhalten verändert werden die wir uns bis jetzt noch nicht vorstellen konnten. Warum dann nicht auch der Wunsch nach etwas anderem vielleicht sogar besseren, denn alles war einmal neu.... bis .... Ja bis bis zu dem Tag als wir es gewohnt waren...

    Daniela Ingruber

    Ja, ganz genau! Und auf diese Weise hätte dieses Jahr dann vielleicht doch noch auch etwas Gutes gebracht. Viele Schritte für Menschenrecht und gegen den Klimawandel wären auch gar nicht so schwierig, wenn wir der Fantasie ein wenig Raum geben.

wolf_c

europa wird mit dem € als einheitswährung in dieser form nicht bestehen ... schlecht für die menschenrechte, gut für die seidenstrassen