Über den Zauber der Mimik in Zeiten der Maske

Im Stil von Charles Le Brun zeichnete der junge Albin Egger, was unbedeckte Gesichter erzählen.

Nach bald einem Jahr mehr oder minder strenger Verpflichtung, gerade in der direkten Kommunikation einen großen Teil des Gesichts zu verbergen, hat eine Diskussion Schwung aufgenommen, die solch ein Verhalten als ernste Gefahr für die seelische Unversehrtheit vor allem von Kindern und Jugendlichen einstuft. Die Mimik ist nämlich die erste und ursprünglichste Form der Verständigung zwischen Kindern und Eltern und als sichtbarer Niederschlag von Gefühlen auch für Erwachsene bedeutsamer als das gesprochene Wort. Wer meint, der Streit um die Maskenpflicht sei lediglich ein Scharmützel in einem viel tiefergehenden sozialen Konflikt, dem man am besten mit Freundlichkeit die Spitze abbricht, unterschätzt die tausenden Variationen seelischer Regung unter und hinter der Maske.

„Bei der Freundlichkeit ist die Stirn heiter, glatt, und so auch die Augenbrauen, die ruhiger, ohne Bewegung und in der Mitte erhaben sind. Das Auge ist mäßig geöffnet, hell und spiegelnd, die Mundwinkel etwas in die Höhe gezogen …“

Man könnte daraus die Bestätigung lesen, dass Freundlichkeit auch mit Mundnasenschutz gewährleistet ist. Sobald aber „Freundlichkeit in Lachen übergeht, heben sich die Augenbrauen gegen die Mitte der Augen. Der Mund öffnet sich, sodaß die Zähne sichtbar werden, dadurch entstehen Grübchen in den Backen, welche sich schnellend nach den Augen hinauf ziehen, daß die Augen wie hinter einem Hügel hervorblicken.“ Dass herzhaftes Lachen und bloße Freundlichkeit ein himmelhoher Unterschied trennt, weiß jeder, der schon einmal einen Witz erzählt und damit die gewünschte Wirkung verfehlt hat. Auch ein Kind weiß das, und wenn manchmal beim Lachen „sogar ein paar Tropfen wie Thränen fließen“, wie sollte es sich dann von der Traurigkeit unterscheiden, bei der der Mund „stark gekrümmt und die Unterlippe aufgeworfen“ erscheint?

So jedenfalls steht es in einem 1802 gedruckten „Handwörterbuch der Seelenmahlerei“, das sich auf die 1668 erstmals veröffentlichte „Methode pour apprendre à dessiner les passions“ von Charles Le Brun, dem Hofmaler Ludwigs XIV. beruft. Diese wiederum war unter dem Titel „Unterschiedliche Affecten des Gemüths, vorgestellt durch allerlei Köpfe“ ab 1732 auch in deutscher Sprache in Umlauf gekommen. Das „Handwörterbuch“ hält sein Anliegen, „durch sichtliche Darstellung der Empfindungen Gefühle und Leidenschaften zu wecken, schon in der Vorrede als „viel zu wichtig, um nicht mit einem auch noch so unvollkommenen Versuche hervorzutreten, und dadurch auf eine Sache aufmerksam zu machen, die, gehörig angewendet, so viel zur Beförderung der Humanität und Sittlichkeit beitragen könnte.“

Die Grammatik der Physiognomie ordnet zehn Ausdrucksträger – Kinn, Mund, Wangen, Nase, Augen und Augenbrauen sowie die Stirn – in drei Geschossen übereinander. Ob junge Menschen, bei denen die unteren Stockwerke dauerhaft leer stehen, auch, wie die Katzen, beim ersten Anblick des Meeres den Kopf schiefhalten müssen, weil der Ausblick, der sie geprägt hat, durch senkrechte Stäbe verstellt war? Sie könnten den Zauber der Mimik allerdings auch anhand von Le Bruns Instruktionen studieren, denn sein Buch ist noch immer im Handel erhältlich. Natürlich lassen sich auch mit beschränktem Wortschatz Aussagen formulieren. Ihr Medium aber ist dann nicht der Zeichenstift und die feine Linie, sondern der Holzschnitt.

Hier „Das Lachen“, wie es der junge Albin Egger nach Charles Le Brun gezeichnet hat. Sammlung Schloss Bruck, Museum der Stadt Lienz. Foto: Baptist

Das Museum Schloss Bruck verwahrt 15 Bleistift- und Kohlezeichnungen, die Albin Egger-Lienz in seiner Jugend nach Le Bruns Illustrationen gefertigt hat. Wie und in welcher Ausgabe die Vorlagen in seine Hände gelangten, darüber kann man vorerst nur Spekulationen anstellen. Vielleicht aber gehörten sie ja zum Inhalt jenes Koffers, von dem Egger-Lienz als Erwachsener seinem Biografen Curt Weigelt berichtet, mit Malutensilien, Zeitschriften, Büchern und Kupferstichen, die sein Vater auf dem Dachboden deponierte, nachdem er Mitte der 1860er Jahre das Malerhandwerk zugunsten des Fotografengewerbes an den Nagel gehängt hatte, um künftig den Ausdruck seelischer Regung unmittelbar vom lebendigen Modell abzunehmen.

Die frühesten dieser Zeichnungen, die sich durch ihren noch wenig geübten Strich von den offensichtlich reiferen unterscheiden, sind 1882 datiert. Albin Egger war damals vierzehn. Der mit seinem Vater befreundete Lienzer Maler und Defregger-Schüler Hugo Engl hatte das junge Talent schon seit ein paar Jahren unter seine Fittiche genommen, um es in der Zeichen- und Malkunst zu unterweisen und vielleicht ganz gezielt auf ein akademisches Studium vorzubereiten. Am 15. Oktober 1884 wurde Egger an der Akademie der bildenden Künste in München aufgenommen. Da er dort zunächst aber ausschließlich nach Abgüssen antiker Skulpturen zu zeichnen hatte, spricht einiges dafür, dass sämtliche physiognomischen Studien noch vor diesem Zeitpunkt entstanden sind.

Albin Egger, „Akuter Schmerz“ – es tut so weh, dass die Augen rollen, bis die Pupillen verschwinden. Sammlung Schloss Bruck, Museum der Stadt Lienz. Foto: Baptist
„Gemeiner Schmerz“ – der akute Schmerz hat sich gewandelt, die Pupillen sind wieder da, festgehalten vom jungen Albin Egger. Sammlung Schloss Bruck, Museum der Stadt Lienz. Foto: Baptist
Wird der gemeine Schmerz noch gemeiner, mündet er in die „Verzweiflung“ und dem Schmerzensmann – offensichtlich im Lockdown – stehen die Haare zu Berge. Sammlung Schloss Bruck, Museum der Stadt Lienz. Foto: Baptist

Allerdings hat eine winzige Abweichung zwischen zwei auf den ersten Blick fast identischen Köpfen die Biografen Eggers doch auf die falsche Fährte gelockt und veranlasst, zumindest für einen der beiden das Vorbild in einer antiken Skulptur zu vermuten: Seinen Augäpfeln sind, wie in solchem Fall üblich, die Pupillen abhandengekommen. In Wahrheit aber handelt es sich um den Ausdruck des „akuten Schmerzes“, bei dem sich die Pupillen unter die Augenbrauen verdrehen. Beim „simplen“ oder „gemeinen“ Schmerz sind sie hingegen immer noch sichtbar. Wird der gemeine Schmerz noch gemeiner, mündet er in die Verzweiflung, die als auffallendstes äußeres Merkmal ihrem Träger die Haare zu Berge stehen lässt. Das kann ein längerer Lockdown mit dem Verbot körpernaher Dienstleistungen allerdings auch.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Während des Lockdowns im Frühjahr hielt uns sein Corona-Tagebuch bei Laune, doch mittlerweile kritzelt Rudi seine Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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Blickwinkel

Rudi - wie immer sehr passend und pointiert formuliert! Danke!👍