„Wir brauchen Resilienz in der Bevölkerung“

Sozialhistoriker Wolfgang Meixner über falsche Prognosen und eine fragmentierte Gesellschaft.

Wolfgang Meixner ist seit 1991 Forschungs-, Vertrags- und Universitätsassistent am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck und seit 2007 Assistenzprofessor. Die Forschungsschwerpunkte des ehemaligen Vizerektors für Personal der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck liegen im Bereich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Für Dolomitenstadt.at hat er – in einem Rückblick auf das vergangene Jahr – Fragen zur Corona-Pandemie und der Unvorhersehbarkeit der Zukunft beantwortet.

Wolfgang Meixner forscht unter anderem im Bereich der Tourismus- und Verkehrsgeschichte und den wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten des Nationalsozialismus. Foto: Universität Innsbruck

In einem Jahr haben sich viele Dinge verändert. War der Verlauf der Pandemie mit all seinen Auswirkungen nicht vorhersehbar, oder hat der Mensch – ganz nach seiner Art – nicht richtig zugehört und Warnsignale ignoriert?

Die Pandemie war mit all ihren Auswirkungen so nicht vorhersehbar, weil es dazu keine ausreichenden Erfahrungen gab. Die letzten Pandemien lagen entweder weit zurück, wie die so genannte „Spanische Grippe“, und liefen unter ganz anderen gesellschaftlichen, sozialen und hygienisch-epidemiologischen Bedingungen ab, als dies heute der Fall ist, oder erreichten dann doch nicht pandemische Auswirkungen, wie anfangs befürchtet („Schweinegrippe“, Ebola etc.).

Covid-19 ist wahrlich weltweit ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft (Ökonomie, Gesundheitswesen und -einrichtungen, Bildungswesen, das politische System etc.) in Anspruch nahm und nimmt. Es gab zwar Szenarien, dass eine Pandemie drohen könnte und sogar „Notfallpläne“ zu deren Bekämpfung, allerdings hat die Realität mit ihren raschen Entscheidungserfordernissen diese Planspiele bei Weitem übertroffen. Warnsignale, dass Viren von Tieren auf Menschen übertragen werden (Zoonose), gab es zwar, allerdings konnte sich offensichtlich niemand die gesamten Auswirkungen auf die Welt vorstellen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen planen. Es zeigte sich aber, dass die Länder, die am Anfang rasch gehandelt hatten (Isolation ganzer Regionen, Quarantänevorschriften und drastische Einschränkung der Mobilität), die Ausbreitung frühzeitig deutlicher eindämmen konnten, als Länder, die zur Durchsetzung geeigneter Maßnahmen länger gebraucht hatten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – anfängliche Unterschätzung des Risikos, Stichwort „nicht schlimmer als eine Grippe“, zum Beispiel in Großbritannien und den USA, oder lange (parlamentarische) Entscheidungswege.

Waren die politischen Prophezeiungen zu Beginn der Krise mehr darauf aus, ein Mitziehen der Bevölkerung zu bewirken, als Vorhersagen zu treffen?

Im Rückblick könnte man das so sehen, dass die eine oder andere politische Handlung oder Unterlassung von Handlungen auch davon geleitet war, dass damit Wählerklientel bedient werden sollte (wirtschaftliche Gruppen, die sonst starke finanzielle Einbußen erlitten hätten). Es mag auch sein, dass anfangs manche PolitikerInnen versuchten oder hofften, aus der Pandemie politisches Kapital zu schlagen. Spätestens ab Ende Feber, Anfang März 2020 mit dem ersten Lockdown wurde dieses Kalkül aber obsolet und von der normativen Kraft des Faktischen getrieben.

Dabei trat das Phänomen ein – und dieses wurde meiner Ansicht nach von der Politik teilweise zu wenig oder gar nicht berücksichtigt –, dass größere Katastrophen, wie sie Pandemien darstellen, auf sozialer-gesellschaftlicher Ebene nach einem bestimmten Muster ablaufen: Anfangs stehen Ängste, die aber auch Solidarität ausrufen können, nach einer gewissen Zeit bröckelt aber diese Solidarität, wenn sie nicht immer wieder neu hergestellt wird, ab. Dabei erweisen sich Drohungen und das Schüren von Ängsten als nicht sehr hilfreich, was aber passiert ist.

Es kommt zu einer Fragmentierung der Gesellschaft, es entstehen „GegnerInnen“ von Maßnahmen, diese werden auch zerredet, kritisiert, abgeschwächt. Zugleich macht sich Ungeduld breit, weil keine Ende absehbar ist. Zuletzt kann es in Resignation, Aufruhr, offener Gegnerschaft ausarten. Wesentlich wäre hier – und das ist meiner Ansicht nach in den meisten Ländern nicht oder zu wenig passiert – die Herstellung von Resilienz in der Bevölkerung. Nur diese gewährleistet das „Mitziehen“ von großen Teilen der Bevölkerung, kein voreiliges Verkünden von einem Ende, das dann nicht stattfindet und immer wieder hinausgeschoben werden muss.

Wenn sich die Gesellschaft fragmentiert sinkt die Solidarität. Die Folgen sind Resignation, Aufruhr und offene Gegnerschaft. Foto: Expa/Schrötter

Wie schaut es denn mit den Wirtschaftsprognosen aus? Die sind ja auch nicht punktgenau, oder?

Auch ökonomische Vorhersagen oder Hoffnungen, wie ein rasches Ende der Pandemie und damit ein V-förmiger Verlauf der aus der Pandemie entstandenen Wirtschaftskrise (rasch runter, aber rasch hinauf), erwiesen sich als nicht realistisch. Hier „reinen Wein“ einzuschenken, dass das mitunter Jahre dauern kann, bis eine Erholung oder „Normalisierung“ wieder hergestellt ist, wäre angebracht gewesen. Das hat man nicht getan, weil das niemand gerne verkünden will. Man wollte keine zusätzlichen Ängste schüren. Eine richtige Abwägung wäre hier angebracht. Auch die anfangs diskutierten „Chancen“ aus der Krise, die zu ziehen wären, sind komplett verloren gegangen. Das Krisenmanagement beschränkt sich, und das ist schon viel, auf die Eindämmung der Pandemie, die Impfkampagne sowie kurzfristigen Maßnahmen, die wirtschaftliche Situation abzufedern (Stichwort Kurzarbeit, Ausfallshaftungen etc.). Langfristige Maßnahmen treten hier in den Hintergrund. Stichwort: der Klimawandel schreitet auch in Coronazeiten voran.

Wurde durch eine Überforderung der Menschen mit zu vielen, schwer interpretierbaren Zahlen und Richtwerten ein verzerrtes Bild der Krise gezeichnet?

Klare und einfache – aber nicht zu simple und platte – Botschaften sind wichtig, um Orientierung zu geben. Das „zu viel“ entstand auch daraus, dass es „zu viele“ Stellen parallel gab und gibt, die Daten liefern und publizieren. Zudem wurden Daten von Ländern, Bund sowie Institutionen publiziert, ohne dass diese abgestimmt erschienen. Auch nach einem Jahr ist hier noch keine wirkliche Besserung eingetreten.

Die Pandemie besteht auch nicht nur aus Zahlen, zumal, wenn die Indikatoren und Richtwerte aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen wechseln (Zahl der Infizierten, Zahl der Intensivbetten, R0-Faktor, Inzidenz etc.). Wichtig für Menschen zur Orientierung wären daraus abgeleitete Maßnahmen – wie man sich ab einem gewissen Set an Richtwerten zu verhalten hätte. Wenn aber die Maßnahmen aus immer wieder geänderten Daten und Werten abgeleitet werden, verwirrt das viele und die Maßnahmen stumpfen ab.

Bewirkt das menschliche Bedürfnis nach Planbarkeit, dass zu viele Prognosen für eine Zukunft gestellt werden, die eigentlich gar nicht vorhersehbar ist?

„Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieses Karl Valentin und Niels Bohr zugeschriebene Bonmot passt hier gut. Prognosen treffen allein schon deshalb oft nicht ein, weil sich auf dem Weg dorthin Bedingungen verändern. Die Zukunft kann schwer vorhergesagt werden, weil einfach zu viele Unbekannte da sind, aber sie kann gestaltet werden. Statt Prognosen, die selten oder gar nicht eintreffen, sollte daher die Gestaltung diskutiert werden.

Was macht dieses ständige Gefühl, dass man sich auf nichts mehr verlassen kann, mit den Menschen?

Menschen wenden unterschiedliche Strategien an, um damit umzugehen. Einige davon werden sichtbar: negieren, abschwächen, leugnen oder klagen und jammern. Wie gesagt, die Politik müsste versuchen, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken, dann kann man auch mit Unsicherheit umgehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, wo es gelungen ist, Resilienz aufzubauen, werden Katastrophen und Traumata besser überstanden. Wichtig wäre, aus diesem Dilemma herauszukommen. Ein Ansatz hierzu ist sicher der von Viktor Frankl: „Dem Leben Sinn geben.“

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4 Postings bisher
ErsteHilfe

Ein genialer Ansatz: Die Resilienz der Bevölkerung stärken, damit sie die Aushöhlung der Freiheitsrechte besser aushält und die Politik die Schrauben noch mehr anziehen kann, ohne dass sich die Bürger dagegen wehren, weil sie so resilient sind.

    leniiii

    Hören Sie doch endlich mal mit Ihrer Hetze gegen die Politik auf. Verdammt noch mal, die Regierung und auch nicht die Opposition haben dieses Virus erschaffen. Sie müssen darauf reagieren, so wie weltweit darauf reagiert wird. Da ist etwas über uns hereingebrochen, das vorher so noch nicht da war. Wie hätte man sich darauf vorbereiten sollen? Was tun? Die ganze Welt steht Kopf - setzt Maßnahmen, nimmt sie wieder zurück, versucht zu retten, was zu retten geht. Und jeder HansWurscht glaubt es besser zu wissen. Schauen Sie doch bitte einmal über die Grenzen - glauben Sie wirklich, dass die ganze Welt sich gemeinsam gegen Sie verschworen hat? Soviel Einbildung ist wirklich lachhaft.

    Glauben Sie, wir haben ein Recht darauf, stets im Glück und Reichtum zu baden? Glauben Sie, dass Menschen nie an Grenzen stoßen, dass Sie auch ab und an Ungerechtigkeiten, Unglück ertragen müssen? Es ist wichtig Menschen auf das Leben vorzubereiten, sie tragfähig zu machen. Der Irrglaube "Alles ist machbar" hat schon vielen das Genick gebrochen. Erwachsene, die sich wie quängelnde, schreiende kleine Kinder verhalten, braucht dieses Land nicht.

    PS: Ihr Name "Erste Hilfe" ist für mich völlig unpassend. "Erste Hilfe" bedeutet Helfen in jeglicher Situation, ohne Einschränkung, ohne Abstriche. Sie helfen nicht, sie hetzen und verunglimpfen.

Herr Lummer jetzt mit Schihaserl Susi

... und ich brauch nicht nur die Resi in Lienz. Ich bräucht auch noch die Moni, die Kathi und die Meggie ... weil die Susi ist ja derzeit beim Joe im Zillatol und in der Corona Zeit is es ja ohne Has'n soooooooo langweilig ... 😎

r.ingruber

Ein ganz frischer Wind auf dolomitenstadt.at. Kompetentes Interview, bravo!