SOS-Kinderdorf: Jungen Menschen geht die Luft aus

Kinderdorf zieht Bilanz und fordert ein bezahltes Perspektivenjahr zur Unterstützung der Jugend.

Trotz Corona-Krise konnte das SOS-Kinderdorf Tirol im letzten Jahr seine pädagogischen Angebote weiterführen und darüber hinaus mit der Fertigstellung von fünf neuen Wohneinheiten auch Investitionen in die Zukunft tätigen. Trotzdem sieht man beim SOS-Kinderdorf und bei Rat auf Draht den Druck auf die österreichische Jugend gefährlich steigen.

„Dass wir trotz aller Widrigkeiten alle Kinder/Jugendlichen weiter betreuen konnten und auch den Mut hatten, trotz Ansteckungsrisiko neue aufzunehmen, erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit“, sagt SOS-Kinderdorf Geschäftsleiter Wolfgang Katsch und zieht damit eine positive Bilanz. „Es entspricht unserer Kernaufgabe, jungen Menschen in Not rasch und unbürokratisch zu helfen‘ und steht ganz in der Tradition des oft zitierten Spruchs von Gründer Hermann Gmeiner „Red`s nit, tut’s was!“

Im letzten Jahr konnten fünf neue Wohngruppen in Tirol fertiggestellt werden. Unter anderem in Nußdorf-Debant. Foto: Dolomitenstadt/ Wagner

In Tirol konnten fünf neue Wohngruppen, von welchen zwei in Osttirol eingerichtet wurden, trotz Lockdown im Zeitplan fertiggestellt werden. 45 Kinder und Jugendliche haben dort nun ein schönes, stabiles Zuhause. Alle fünf Wohneinheiten sind nach modernsten pädagogischen Standards konzipiert und bieten optimale Möglichkeiten für die individuelle Betreuung der Kinder. Gebaut wurde sehr nachhaltig: ökologisch, Energie effizient, umweltschonend, mit viel Holz und natürlichen Materialien sowie heimischen Firmen und damit geringen Transportwegen. Außerdem entstanden die Wohngruppen in modularer Bauweise, womit sie je nach Bedarf einfach und rasch adaptiert werden können.

Jugend fühlt sich unter Druck gesetzt

Der Druck und die Belastung für Kinder und Jugendliche seien während der Zeit der Corona-Pandemie nach Ansicht von SOS-Kinderdorf aber groß. Eine Erhebung der Jugendberatungsstelle Rat auf Draht ergab kürzlich, dass im letzten Jahr (Zeitraum 1. März 2020 bis 28. Februar 2021) vielseitige Probleme unter Kindern und Jugendlichen zunahmen. So nahm das Gefühl von Angst unter jungen ÖsterreicherInnen um rund 61 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Die Überforderung mit Schule und Homeschooling gar um 159 Prozent, während Schlafstörungen um 64 Prozent häufiger artikuliert wurden.

„Jungen Menschen geht die Luft aus. Die psychische Verfassung von Jugendlichen ist dramatisch, die seit einem Jahr anhaltenden Corona-Maßnahmen machen den Druck unbewältigbar. Schon jetzt sind Folgeschäden sicher. Es braucht dringend einen Plan“, so Katrin Grabner, Kinderrechtsexpertin bei SOS-Kinderdorf und Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht.

Die kräftezehrende Krise wirkt sich auf Kinder und Jugendliche in Österreich aus. Psychische Probleme, Zukunftsängste und das Gefühl, alleine zu sein, sind die Folgen. Foto: Unsplash/Timothy Eberly

Deswegen forderte das SOS-Kinderdorf erst vor wenigen Tagen unter anderem ein bezahltes Perspektivenjahr für 18- bis 21-Jährige. In diesem Jahr sollen junge Erwachsene die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Weg zu finden – all das ohne finanziellen oder gesellschaftlichen Druck. Denn dieser laste schwer auf der österreichischen Jugend, vor allem auf den Kindern, die sich in der Corona-Krise alleine und mitunter hilflos fühlen.

„Diese jungen Menschen sind ernsthaft gefährdet, entwickeln psychische Symptome von starker Aggression über schwere Depressionen bis zu Suizidgedanken“, sagt Wolfram Brugger, SOS-Kinderdorf-Leiter mehrerer Wohngruppen für Kinder und Jugendliche in Innsbruck und der ambulanten Familienarbeit Tirol.

Es brauche mehr Unterstützung für junge ÖsterreicherInnen, denn langsam, aber sicher wachse den Kindern und Jugendlichen die Situation über den Kopf.

Die Arbeit von
dolomitenstadt.at unterstützen

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade in Krisenzeiten ist faktenorientierte und schnelle Information wichtig.
Wir arbeiten trotz Rückgang bei den Werbeeinnahmen mit großem Einsatz, um Sie bestmöglich – und kostenlos! – zu informieren.

Wenn Sie unsere journalistische Arbeit mit einem einmaligen Beitrag unterstützen möchten, haben Sie jetzt Gelegenheit dazu. Wir würden uns freuen!

Sie möchten dolomitenstadt.at unterstützen?

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

3 Postings bisher
hoerzuOT

Die größten Verlierer dieser Pandemie sind die Jugendlichen. Diese wertvolle und unersetzbare Zeit müssen sie zwangsläufig von ihren Freunden, von der Gruppe etc getrennt verbringen….und, man verzeih mir, ich kann es verstehen, wenn manche nach „Auswegen“ ( im Sinne von -wir-treffen-uns-trotzdem) suchen. Als sei es nicht so schon schwer genug den Start ins Erwachsenenalter erfolgreich zu vollbringen, fehlt ihnen vieles, was uns allen in unserer Jugendzeit gut und teuer war.

Ja, wir durften uns damals einfach an den Unis anmelden und schon ging`s los. Es gab kein vergiftendes social-media Geschwurbel, in dem Erfolg, optische Schönheit und unterschiedliche Einkommensschichten derartig ausgestellt wurden.

Ich bin kein Experte der Psychologie, aber dass diese Zeit enorm belastend für alle ist, daran zweifelt wohl hoffentlich niemand---wie sehr muss sie auf das Gemüt der Jungen drücken, die voller Tatendrang, Hoffnung und Aufbruchsstimmung sind. Das völlig unpassende Geplapper über „stellt euch nicht so an“ , oder „was hätte denn die Kriegsgeneration getan“ ist unfair und sinnlos.

Ich hatte eine glückliche Jugendzeit. Unbeschwert und spontan verlebten wir die Tage mit unseren Freunden. Einen Studienplatz zu bekommen, war einfach- keine Aufnahmeprüfungen/ kein Platzmangel. Die kleine Innsbrucker-Welt war für uns damals alles, um von dort aus in die weite Welt zu starten. Geld hatten wir wenig, aber das war egal. Schon eine Zugreise an die Adria war spannender als für viele eine Reise in die Karibik heute. Was ich damit sagen will: Nie war die Welt kleiner als heute, alles scheint möglich und genau darin liegt das Problem. „Du musst erfolgreich sein, um mithalten zu können“, „Was, du warst noch nie in den USA“, „Weshalb kannst du das nicht- andere können es doch auch“. Was muss in den Köpfen der Jungen vorgehen, wenn sie täglich von „Arbeitslosenquote“, „fehlende Studienplätze“ , „Quarantäne“ , „Trotzdem- Matura“ etc lesen—dass in dieser Hinsicht manche verzagen, ist mehr als verständlich

bergfex

....für 18- bis 21-Jährige. In diesem Jahr sollen junge Erwachsene die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Weg zu finden......

Es sind nicht alle "schlecht". Ich kenne solche "18-21 jährige" aus diesem Verein. Man versucht mit "reden,reden, reden " die Jugendlichen auf das normale Leben vor zu bereiten. Meiner Meinung nach werden diese Menschen mit Samthandschuhen angefasst, was leider oft den erwünschten Erfolg ausschaltet.