Experten mit neuer Kritik an Kalser Kraftwerksprojekt

Projektunterlagen seien unvollständig. Mängel bei Naturverträglichkeitserklärung.

Der Kampf um das umstrittene Kraftwerksprojekt Haslach-Kalserbach in der Glocknergemeinde Kals geht in die nächste Runde. Der WWF mit Gewässerschutzexpertin Marianne Götsch an der Spitze hat eine Reihe von Experten beauftragt, eine naturschutzfachliche Stellungnahme zu einer von der Gemeinde Kals als Projektbetreiberin vorgelegten „Naturverträglichkeitserklärung“ abzugeben. Sie fällt klar negativ aus.

„Durch das geplante Kraftwerk soll dem Kalserbach bis zu 90 Prozent seines Wassers entzogen werden. Ein derart massiver Eingriff hat klarerweise Auswirkungen auf die Ökologie des Flusses. Die von den Projektwerbern vorgelegte Naturverträglichkeitserklärung weist große Lücken auf und ist deshalb klar zurückzuweisen“, sagt WWF-Gewässerschutzexpertin Marianne Götsch.

Wieviel Wasser fehlt dem Kalserbach bei einem weiteren Kraftwerksbau? Und was bedeutet das für Flora und Fauna? Foto: Marianne Götsch

Die Universitätsprofessoren Leopold Füreder und Peter Schönswetter untermauern diese These: „Aus Sicht des Wissenschaftlers ist mir völlig unverständlich, wie ohne solider Datengrundlage behauptet werden kann, dass das Kraftwerk keine nennenswerten Auswirkungen auf den Kalserbach sowie auf die Isel hat. Die Projektwerber sollten belastbares Datenmaterial vorlegen, das belegt, dass es keine kumulativen Auswirkungen gibt und dies nicht einfach nur behaupten. Dass das schwierig ist, ist klar, aber eben genau in der Komplexität von Fließgewässerökosystemen begründet,“ sagt Schönswetter, der das Institut für Botanik an der Universität Innsbruck leitet, mit einem Forschungsschwerpunkt auf Evolution und Diversität von Pflanzen.

Leopold Füreder, Studiendekan an der Innsbrucker Fakultät für Biologie und Leiter einer Forschungsgruppe, die sich mit Gewässerökologie beschäftigt, bezweifelt ebenfalls die Naturschutz-Argumente der Kraftwerksprojektanten: „Unverbaute, naturnahe Alpenflüsse zeigen eine hohe Dynamik und sind dadurch von einer hochwertigen gewässertypischen Biodiversität gekennzeichnet. Pflanzen und Tiere passen sich mit speziellen Strategien und Lebensleistungen an die dynamische Natur an. Werden, wie im gegenständlichen Fall, diese Rahmenbedingungen wesentlich verändert, zum Beispiel die Abfluss- und Geschiebedynamik, ist eine negative Auswirkung auf die gewässertypischen Arten zu erwarten. Es ist für mich als Gewässerökologen unverständlich, dass die möglichen Auswirkungen nicht sorgfältig geprüft wurden.“

Ob das Kraftwerk Haslach-Kalserbach einen bewilligenden oder ablehnenden Bescheid in der Naturverträglichkeitsprüfung erhält, entscheidet die Umweltabteilung des Landes Tirol. Mittlerweile liegt auch eine Anfragebeantwortung zu diesem Thema von Landesrat Josef Geisler an die Liste Fritz vor. Die wollte wissen, ob an diesem Projekt neben der Gemeinde auch noch private Partner oder die Tiwag beteiligt seien, was das alles kostet und wie die Ertragsrechnung ausschaut. Geisler antwortet, er wisse nicht, ob neben der Gemeinde noch jemand an Bord ist und sei für die Finanzierung nicht zuständig. Das Kraftwerk soll jedenfalls 14 Millionen Euro kosten und pro Jahr 1,75 Millionen Euro aus dem Stromverkauf einbringen.

Geisler räumt in seiner Anfragebeantwortung auch ein, dass das geplante Kraftwerk in Kals nach dem Tiroler Kriterienkatalog negativ bewertet wurde und es keine Empfehlung zur Weiterverfolgung des Projekts gab. Die Gemeinde habe sich aber dennoch dazu entschieden, die Behördenverfahren weiterzuführen.

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2 Postings bisher
so ist es vielleicht

Also bis zu 90% Wasserentzug, das kann doch wohl niemals genehmigungsfähig sein, oder?! Da rinnt dann ja tatsächlich nur noch ein Rinnsal in diesem Bereich. Dass das der Natur grobe Veränderungen bringen würde, liegt ja auf der Hand. Alles mit Maß und Ziel würde ich mal sagen, dann gibts keinen Unfrieden! 🤔

    senf

    @so ist es vielleicht, oder auch nicht: frau götsch, "expertin" des WWF hat im foto das naherholungsgebiet "Lanna-Gries" mit den schotterfluren und den tamariskenbüschen eingefangen. wahrscheinlich mit absicht, oder ganz einfach aus ihrer unkenntnis, denn dieser kalserbachabschnitt ist für die wasserkraftnutzung völlig ungeeignet, weil über hunderte meter flusslauf ja kaum gefälle vorhanden ist.

    das eingereichte vorhaben berührt den kalserbach ab der mündung lesachbach bis unterhalb der steinbrücke in stanisca auf eine länge von rund 3,5 km. die angabe von 90% wasserentzug ist eine hausnummer, mehr nicht.

    trotzdem handelt sich hier um eine besonders sensible gebirgsbachstrecke, die bereits als natura 2000-gebiet ausgewiesen ist und wahrscheinlich gar nicht genehmigungsfähig ist, weil hier sicher mit dem instanzenweg bis zum europäischen gerichtshof gerechnet werden muss, der zu keinem erfolg führen wird.

    nachdem in dieser gegend schon zahlreiche ausleitungskraftwerke bestehen, sollte man dieses projekt endlich begraben und sich dazu besinnen, dass man als nationalparkgemeinde verantwortung mit vorbildwirkung für sinnvolle raumordnung übernommen hat.