Susanne Rogl, Birgit Weitlaner und Pia Schlichenmaier unterstützen ihre Söhne auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben - vielleicht schon bald in einer Vierer-WG. Sandro und Jonas gefällt die Vorstellung von einer eigenen Wohnung. Foto: Dolomitenstadt/ Plunger

Susanne Rogl, Birgit Weitlaner und Pia Schlichenmaier unterstützen ihre Söhne auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben - vielleicht schon bald in einer Vierer-WG. Sandro und Jonas gefällt die Vorstellung von einer eigenen Wohnung. Foto: Dolomitenstadt/ Plunger

Wohngemeinschaften für mehr Selbstständigkeit

Der Verein Hand in Hand wünscht sich neue Wohnlösungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Jonas Schlichenmaier (20) öffnet mir die Türe zum Selbsthilfetreff am rechten Iselweg und begrüßt mich mit einem Lächeln. Es hängen bunte Bilder an den Wänden des Raumes und Plakate. Ab und an blitzen Sonnenstrahlen durchs Fenster herein. Hier treffe ich mich heute mit Pia Schlichenmaier, Obfrau des Vereins Hand in Hand, Birgit Weitlaner und ihrem Sohn Sandro und Susanne Rogl zu einem Interview.

Der Verein Hand in Hand, der im Jahr 1998 aus dem Elternverein der Sonderschule Lienz entstand, besteht seit über 20 Jahren. Er vernetzt Kinder mit besonderen Bedürfnissen und deren Eltern, unterstützt die Familien und pflegt regelmäßigen Kontakt zwischen den Mitgliedern. Ob bei einem Rodelausflug, beim Kegeln oder mit einem Flashmob am Lienzer Johannesplatz.

Aktuell stellt der Verein ein Projekt auf die Beine, um jungen Erwachsenen mit besonderen Bedürfnissen mehr Unabhängigkeit von ihren Eltern zu ermöglichen. „Selbstbestimmtes Leben, soweit es möglich ist. Das steht auch in der UN-Behindertenrechtskonvention und auch Österreich ist natürlich bestrebt, dass wirklich jeder so selbstständig wie möglich leben kann. Das finden wir natürlich super und begrüßen das sehr. Nur brauchen einige ein bisschen Hilfe und Unterstützung dabei. Und in dem Fall geht es jetzt um das Wohnen und das Ausziehen von Zuhause“, sagt Pia Schlichenmaier.

„Ein bisschen Spaß muss sein“, kommentiert Jonas dieses Bild und Sandro hätte nichts dagegen, bald von Zuhause auszuziehen. Foto: Dolomitenstadt/ Plunger

Konkret geht es um eine Wohnmöglichkeit für Menschen, die sehr selbstständig sind, jedoch ab und zu Unterstützung brauchen, und um Menschen, die mehr Pflege brauchen. Der Verein Hand in Hand setzt sich dafür ein, dass in Osttirol Wohngemeinschaften geschaffen werden, in denen diese Menschen gemeinsam wohnen und voneinander profitieren können. Die Grundidee entstand dabei bereits vor ein paar Jahren. 2019 sah man sich Best-Practice-Beispiele in Kärnten an.

Am liebsten wäre es den Eltern, wenn ihre Kinder in einer Wohngemeinschaft mit vier BewohnerInnen unterkommen. Allein würden die jungen Erwachsenen vereinsamen und stundenweise Betreuung im Zuge der Mobilen Begleitung wie sie Diakonie und Lebenshilfe anbieten, wäre für viele ebenfalls zu wenig. „Die BetreuerInnen verlassen die Wohnung meistens ungefähr um 21 Uhr und da glaube ich, dass mein Sohn Sandro sicher bis in der Früh nicht ins Bett geht. Und da muss er am nächsten Tag aber wieder fit sein, denn er arbeitet ja tagsüber“, sagt Birgit Weitlaner.

Eine WG, in der Menschen mit ganz verschiedenen Betreuungsgraden wohnen, könnte das Problem lösen. „Wenn jemand in der Wohngemeinschaft 24 Stunden Betreuung braucht, dann wäre sowieso jemand da und der könnte ja, auch wenn er nicht direkt zuständig ist, trotzdem einmal die Runde drehen und nach dem Rechten sehen“, sieht Susanne Rogl den Vorteil vor allem in der bunten Mischung.

In Sillian baut die OSG Lienz momentan neue Wohnhäuser, die sich in den Augen von Hand in Hand für die geplanten Wohngemeinschaften eignen würden. Hier wurden auch bereits Gespräche mit OSG-Vorstand Georg Theurl geführt. Auch vier konkrete InteressentInnen gebe es bereits, jedoch fehlen die Rahmenbedingungen, die eine tatsächliche Umsetzung ermöglichen würden. So ist noch nicht geklärt, ob eine weitere Vierer-WG zustande kommt, und wer die Betreuung sowie Leitung der Wohneinrichtung übernimmt.

Es liegt noch ein weiter Weg vor den Verantwortlichen des Vereins Hand in Hand: Es gilt das Land davon zu überzeugen, dass Bedarf da ist, damit das Projekt gefördert wird, und eine Trägerorganisation zu finden, die die Betreuung in den Wohngemeinschaften übernimmt. „Die Einrichtung muss dann einen Vertrag mit dem Land abschließen und das ist, glaube ich, der Knackpunkt. Deshalb müssen wir zuerst gut aufgestellt sein und wissen, was wir wollen oder was wir brauchen, damit wir das gut vermitteln können“, sagt Pia Schlichenmaier. Der Verein sucht deshalb nach Familien, die Interesse an einer Wohngemeinschaft in Sillian oder Lienz haben und bittet diese, sich zu melden.

Jannik Rogl braucht auch in der Nacht Unterstützung. In einer betreuten Wohngemeinschaft würde er nicht nur von den Betreuern, sondern auch von seinen MitbewohnerInnen profitieren. Foto: privat

Jonas Schlichenmaier würde sich jedenfalls darauf freuen, auszuziehen „Ich werde eine Runde Schlagzeug spielen, das tue ich schon seit sieben Jahren, und ich freue mich auf mein eigenes Leben“, sagt er. Vielleicht möchte Jonas auch seine eigene Band gründen, mit zukünftigen MitbewohnerInnen aber vor allem mit seinen Freunden.

Mama Pia Schlichenmaier ergänzt: „Ich glaube, dass du dich – gerade was das Wohnen anbelangt – freust, wenn ich mich nicht immer einmische, oder?“ Dem stimmt Jonas ohne zu zögern zu.

Man gehe sich zu Hause schon manchmal auf die Nerven. Wenn jemand von außerhalb, eine Betreuungsperson, in den Alltag eingreift, dann sei das etwas anderes als wenn das die Mama tut, sind sich die Mütter einig und Susanne Rogl fügt hinzu: „Mein Sohn ist jetzt schon 27 und da ist es auch so, dass man das als Eltern teilweise gar nicht mehr schafft. Und deswegen probiert man, jetzt schon was zu finden, damit man noch daran mitwirken und etwas Schönes schaffen kann.“


Interessierte können sich beim Verein Hand in Hand melden:

Susanne Rogl 0699-10811323 (Lienz)
Birgit Weitlaner 0650-3600474 (Sillian)
info@hih-osttirol.at

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15 Postings bisher
Weitlaner.B

Lieber Herr Soprano,

mir tut es leid, dass hier so aneinander vorbei geredet wird.

Ich versuche nochmal die Situation an Hand meines Sohnes zu erklären. Mein Sohn ist 26 Jahre alt und hat den Wunsch von zu Hause auszuziehen. Auf Grund seines geringen Unterstützungsbedarfs gibt es für Ihn nur die Möglichkeit alleine in eine Wohnung zu ziehen. (im Klartext für ein Wohnhaus ist seine Behinderung zu gering - er würde dort niemals einen Platz bekommen!)

Wir sind eine 6-köpfige Familie und er würde alleine in dieser Wohnung total vereinsamen. Selbsterverständlich würde er stundenweise Unterstützung bekommen und wie Hr. Schlichenmaier bereits erwähnt hat, verlässt dieser Dienst um 21.00 Uhr die Wohnung. Mein Sohn würde die Nacht vorm Fernseher verbringen und den Kühlschrank leer essen. Weiters möchte ich noch auf Ihre Anmerkung wegen kurzer Ärmel, Sandalen etc. eingehen. Mein Sohn wird sich immer das Kleidungsstück aus dem Schrank nehmen, das oben auf liegt. Das heißt: Wenn er im Winter bei Minusgraden eine kurze Hose und ein kurzärmeliches T-Shirt erwischt, wird er so vor die Haustüre gehen, dasselbe gilt im Sommer wenn er eine Wollmütze erwischt wird er diese aufsetzen.

Es gibt auch in unserem Umfeld junge Erwachsene mit Behinderung die sehr gerne alleine in einer Wohnung wohnen. Wir haben in diesem Artikel ja nicht gesagt, dass plötzlich alle in WG´s wohnen sollen. Nur für unsere jungen Erwachsenen ist diese Wohnform die beste Lösung. Und sind sie versichert, dass wir uns nicht erst seit gestern mit diesem Thema und den unterschiedlichen Wohnmöglichkeiten beschäftigen!

    Anthony Soprano

    Ihre Antwort freut mich sehr liebe Frau Weitlaner! Auch an Sie nun die Frage: Wie kommen sie auf 21:00? Ich glaube Ihnen gerne, dass Sie sich nicht erst seit gestern mit diesem Thema beschäftigen, aber ich bin mir sicher, dass Sie sich seit gestern nicht mehr mit den bestehenden Betreuungsangeboten in Osttirol beschäftigt haben. Ich bin sehr glücklich, dass Sie nicht die Meinung von Herrn Schlichenmaier teilen. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn aus tiefstem Herzen, dass er einen Platz im Leben findet, an dem es Ihnen beiden gut geht! Ich bin der festen Überzeugung, dass dies auch möglich ist, ohne die Arbeit der Betreuer und Institutionen schlecht zu machen. Ihre jungen Erwachsenen können, Ihren Argumenten folgend, nur in WGs leben, aber es gibt auch junge und alte Erwachsene, die sehr gut alleine leben können. Ob sie nun passend gekleidet sind oder immer zur rechten Zeit schlafen, können sie auch ohne (Selbst)Hilfe bestimmen. Geben Sie sich einen Ruck und den Betreuungseinrichtungen eine Chance, denn wie sagte schon der große Norbert Hofer einst:" Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist!"

      r.ingruber

      Ich war auch eimal so um die 20, und wohnte in einer WG. Da haben mich meine Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, wann es Schluss mit lustig ist. Jetzt frage ich mich, auf welcher Seite meine Eltern da wohl gestanden hätten. Und es freut mich, dass neben "Endlich ins Gasthaus" und ähnlichen Banalitäten hier doch noch lebenswichtige Themen diskutiert werden können.

Anthony Soprano

Lieber Herr Karl Schlichenmaier,

Ein klassisches Wohnhaus sieht so aus, dass auf einem Stockwerk 4 Menschen mit Behinderung wohnen und rund um die Uhr betreut und rechtzeitig ins Bett geschickt werden bzw. warm angezogen außer Haus gehen. Somit ist ihr Seitenhieb auf bestehende Betreuungsangebote, um es mit den Worten Alexander van der Bellens auszudrücken, entbehrlich. Kurze Hosen und Sandalen oder kurze Ärmel - wo ist der Unterschied? Wenn ich nicht kalt habe und auch nicht krank werde, dann kann ich doch wohl gehen, wie ich möchte oder? Woher wissen sie eigentlich so genau, was Menschen, die alleine wohnen, in der Nacht so machen? Leben wirklich viele viele Menschen in einer WG? Ich persönliche kenne diese Wohnform eher nur von Studenten. Woher kommt die Meinung, dass um 21:00 Dienstschluss ist? Ganz ehrlich Herr Schlichenmaier, bitte informieren Sie sich über alle bestehenden Angebote, bevor Sie von Selbstbestimmung schreiben.

    Karl Schlichenmaier

    Lieber Herr Soprano,

    es liegt mir fern, die Arbeit der Betreuer oder Institutionen schlecht zu machen. Sie leisten eine wichtige Arbeit und unverzichtbare Unterstützung! Ich finde beim besten Willen auch keinen Seitenhieb in diese Richtung in meiner vorigen Antwort.

    Natürlich kann jeder, der nicht kalt hat oder krank wird jederzeit in kurzen Hosen und Sandalen gehen. Es gibt aber Menschen, die die Temperatur nicht spüren und eben deshalb krank werden. In dem Fall brauchen sie Unterstützung um sich zu schützen. Und genau darum geht es ja – der verantwortungsvollen Hilfe zum eigenen Leben.

    Allerdings finde ich Ihre Polarisation entbehrlich – Frau Weitlaner verfolgt das gleiche Ziel wie ich und ich habe den Eindruck, dass auch Ihnen das Wohl der Menschen mit Unterstützungsbedarf wichtig ist.

    Offensichtlich sind Sie vom Fach – vielleicht möchten Sie mich persönlich über die bestehenden Angebote in Osttirol aufklären? Ich bin gerne für ein Gespräch bereit.

Anthony Soprano

Ich gebe zu bedenken, dass es das klassische Wohnhaus ist nach dem hier gesucht wird. Diese Wohnhäuser gibt es österreichweit in den unterschiedlichsten Größen und Formen. Auch, wenn man es in tolle Worte schmückt und als innovativ anpreist, so ist dies wohl nur eine Mogelpackung. Allein die Rolle die den BetreuerInnen hier zudgedacht wird ist etwas fragwürdig. Die sollen unter anderem schauen, dass die Bewohner rechtzeitig ins Bett kommen und die Dinge umsetzen die den Eltern verwehrt werden. Dieses Modell ist einfach überholt und vor allem entspricht es nicht den UN-Behindertenrechtskonventionen.

    Karl Schlichenmaier

    Lieber Anthony Soprano,

    was ist ein „klassisches Wohnhaus“? Eine WG (Wohngemeinschaft) von vier jungen Leuten? Wohl kaum.

    Selbstbestimmtes Leben ist gut und laut UN- Behindertenrechtskonvention hat jeder das Recht auf Unterstützung um genau das zu tun. Wenn nun ein paar junge Erwachsene (oder natürlich auch ältere) in einer WG zusammen wohnen möchten, was ist das Problem? Eine Innovation ist das keine, denn genau so leben viele, viele Menschen – mit und ohne Unterstützungsbedarf – im ganzen Land. Freiwillig und gerne. Das ist keine Mogelpackung.

    Ist es besser, wenn stattdessen jeder allein in einer eigenen Wohnung lebt, wo man auf Betreuer (und deren Dienstzeiten) angewiesen ist um zB zu Freunden gehen zu können? Wo die Betreuung um 21 Uhr Dienstschluss hat und man die ganze Nacht auf dem Sofa liegen bleibt und Filme schaut? Oder man zieht bis in die Früh durch die Straßen. Womöglich im T-Shirt. Im Winter. Einfach weil die Einsicht fehlt, dass es spät ist, man den Schlaf braucht, die Temperatur eine warme Jacke verlangt um nicht krank zu werden... Nur als Beispiel.

    Oder doch eine moderne WG von vier Gleichaltrigen, in der die Wohnbegleitung optimiert werden kann und z.B. der Nachtdienst einer Person mit hohem Unterstützungsbedarf gegebenenfalls auch den selbständigeren Bewohner darauf hinweisen kann, dass nun Nacht und Zeit zum Schlafen ist.

    Es geht hier wirklich nicht um Kontrollverlust der Eltern, sondern um junge Menschen die ihr eigenes Leben gestalten und eine Wohnform so selbstbestimmt wie möglich wollen. Dieser Wunsch ist nicht überholt, sondern ganz aktuell.

Luna9

Ich hoffe, ihr findet bald eine passende Wohnmöglichkeit..Alles Gute im neuen Lebensabschnitt!!

defregger

Tolle Kinder, tolle Eltern!

Ein selbstbestimmtes Leben, jederzeit und zeitnah zu wollen, zu unterstützen und auch umzusetzen!

So geht Familie!

    isnitwahr

    ich bin einfach nur entsetzt über die Nichtzustimmer! Habt ihr etwas gegen Menschen mit Beeinträchtigungen? Habt ihr Angst vor diesen wunderbaren Leuten! Finder ihr, dass man sie wie vor noch ein paar Jahrzehnten noch verstecken soll? So jetzt heraus aus der Deckung und erklärt mir das einmal und - seid einfach nur froh und dankbar, dass ihr keine Barrieren solcher Art habt, das kann sich durch einen Unfall mit schwerer Kopfverletzung, einer neurologischen Erkrankung und übrigens auch Viren und Bakterien, die das Gehirn befallen, sehr schnell ändern.

      Herr_Kules

      Sehr geeherte/r Frau/Herr isnitwahr!

      Ich offenbare mich nur zu gern als "Nichtzustimmer". Nicht jedoch, weil ich etwas gegen Menschen mit Beeinträchtigungen habe. Wogegen ich allerdings etwas habe sind Leute, die feierlich Selbstbestimmtheit predigen, um im nächsten Atemzug davon zu sprechen, dass erwachsene Menschen (mit Beeinträchtigungen) nach 21 Uhr nicht mehr munter sein dürfen (siehe oben!) und gegen Leute, die dem unreflektiert zustimmen.

      Selbstbestimmung für Menschen mit Beeinträchtigungen zu fordern heißt nicht ihnen nur das zuzugestehen, was die Eltern ihnen erlauben, sondern konsequent geltend zu machen, dass alles, was Menschen ohne Beeinträchtigungen auch Menschen mit Beeinträchtigungen erlaubt sein muss, egal ob ihre Eltern damit einverstanden sind.

      isnitwahr

      Sehr geehrter Herr_Kules, vielen Dank für Ihre interessante Sichtweise. Ich habe allerdings das mit der Uhrzeit so verstanden, dass Betreuungspersonen ihren regulären Dienst um 21:00 beenden und nicht, dass der junge Mann um 21:00 ins Bett geschickt wird. Es sollte nur darauf geachtet werden, dass das Bett rechtzeitig aufgesucht wird, um für die Arbeit fit zu sein. In meinem Bekanntenkreis gibts auch Jemanden mit Beeintächtigung, dieser sind zwar an und für sich recht selbstständig, benötigt aber doch für gewisse Bereiche etwas strengere Vorgaben. Und leider gibt es auch heute noch Menschen mit großen Vorurteilen gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen.

      r.ingruber

      Sehr geehrter Frau isnitwahr,

      die "interessante Sichtweise", die Herr_Kules so kompetent darlegt, scheint mir die einzig zutreffende Interpretation der grundlegenden Werte der für alle geltenden Menschenrechte zu sein: Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Es ist zu begrüßen, dass Sie sich auf den Dialog darüber einlassen. Allein der Komparativ, in dem sie die "etwas strengeren Vorgaben" für den "Jemand" aus ihrem Bekanntenkreis fordern, hebt schon semantisch auf Ungleichheit ab.

      Lion

      Meine "stimme nicht zu" beziehen sich auf die Aussagen der Eltern, da sie für mich nichts mit einem selbstbestimmten Leben zu tun haben! Warum sollten sie denn total vereinsamen? Und warum wären sie denn auf die Betreuer angewiesen, wenn sie Freunde besuchen wollen? Können sie das nicht auch alleine? Wenn die Sorge besteht, dass sie die ganze Nacht alleine durch die Straßen ziehen, sollte das wohl kein Problem sein!? Selbstbestimmtes Leben heißt auch, dass ich mir nachts etwas von MEINEM Kühlschrank nehmen darf. Ob ich dabei alles leer esse, kommt wohl darauf an, wieviel im Kühlschrank ist. Menschen mit Unterstützungsbedarf sollten dort unterstützt werden, wo sie Hilfe brauchen. Sie sollten dabei aber nicht fremdbestimmt werden! Jemanden zu sagen, wann er ins Bett gehen muss, ob und wann er fernsehen darf und wann er essen darf, ist fremdbestimmt und hindert diese jungen Erwachsenen daran, selbst Erfahrungen sammeln zu dürfen! Und zuletzt noch zum "Anziehthema"... Sollte jemand kein Wärme- Kälteempfinden haben, wird er natürlich dabei unterstützt, die passende Kleidung zu finden! Dafür braucht es aber auch keine 24h Betreuung! Ich wünsche den Eltern, dass sie lernen, ihren Kindern (und auch den Betreuern) zu vertrauen. Sie schaffen so viel mehr, wie ihr es für möglich haltet! Lasst sie selbst ihre Erfahrungen machen, dann können sie lernen und daran wachsen!

      Herr_Kules

      Volle Zustimmung für @Lion und herzlichen Dank an @r.ingruber.

      @isnitwahr

      Ich kritisiere (paraphrasiert): Erwachsenen Menschen (mit Beeinträchtigungen) darf nicht vorgeschrieben werden, wann sie ins Bett gehen müssen, da das der Selbstbestimmung zuwiderläuft. (Oder, würden Sie sich darüber freuen, wenn Ihnen gesagt wird, dass Sie ins Bett gehen müssen, obwohl Sie das nicht wollen?)

      Sie antworten (paraphrasiert): Nein, so war das nicht gemeint, der Erwachsene (Mensch mit Beeinträchtigung) sollte nur früh genug ins Bett geschickt werden.

      - Ich denke, dass Sie verstehen, worauf ich hinaus will.

      Es ist gut, dass es in der Gesellschaft kaum mehr Leute gibt, die eine Abneigung gegen Menschen mit Beeinträchtigungen hegen. Viel eher findet sich heute die problematische Ansicht, dass Menschen mit Beeinträchtigungen "für gewisse Bereiche etwas strengere Vorgaben benötigen". Das ist ein großes Vorurteil und Sie sind Teil des Problems, wenn Sie diese Ansicht vertreten.