Franz Walchegger: „Das Leben“ in zwei Versionen

Der künstlerische Weg des Lienzer Malers führt buchstäblich durch die Stadt.

Wie gelangt man von der Wolkensteinerstraße zum Sterzingerweg? Erst rechts abbiegen, dann immer geradeaus und bei der nächsten Weggabelung am besten noch einmal fragen. So könnte die richtige Antwort lauten, wenn sie allein den Lienzer Stadtplan im Auge hat. Für den künstlerischen Weg Franz Walcheggers stimmt sie aber nicht ganz. Ob er schon vor der Wolkensteinerstraße falsch abgebogen war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, und was den Lienzer Stadtplan betrifft, so finden wir ihn 16 Jahre danach in der Alleestraße 12, Ecke Defreggerstraße, wieder. Das ist eine ganz andere Richtung.

Franz Walcheggers Wohnhaus in der Alleestraße 12. Das monumentale Fresko sieht man ideal von diesem Standpunkt in der Defreggerstraße aus. Foto: Helmut Niederwieser

Nach dem Abschluss einer Maler- und Anstreicherlehre arbeitete Walchegger einige Zeit in einschlägigen Lienzer Betrieben, bevor er als Zwanzigjähriger seine künstlerische Ausbildung zunächst in Toni Kirchmayrs privater Zeichen- und Malschule in Innsbruck begann. Von 1936-1938 studierte er bei Wilhelm Dachauer an der Akademie der bildenden Künste in Wien und wechselte dann zu Ferdinand Andri in die Meisterschule für Freskomalerei, wo er 1941 die Diplomprüfung ablegte.

Eine Notiz in der Lienzer Zeitung vom 13. Februar 1943 vermerkt, dass der „Lienzer Kunstmaler Franz Walchegger, der jetzt in den Reihen der Wehrmacht an der Ostfront steht“, sich „noch vor wenigen Monaten“ an der Akademie in Wien aufhielt. Es ist nicht auszuschließen, dass er in dieser Zeit die sechs Jahre jüngere Maria Lassnig kennenlernte, die seit dem Wintersemester 1940/41 ebenfalls bei Dachauer und Andri studierte.  Bekanntlich nahm ihre Karriere einen vollkommen anderen Verlauf als die ihres Osttiroler Kollegen.

1952 bekam Walchegger von seinem Vater den in unmittelbarer Nähe zu seinem Elternhaus errichteten Neubau Alleestraße 12 überschrieben, wo er sich für die nächsten 5 Jahre Wohnung und Werkstatt einrichtete. 1955 schmückte er die Ostfassade mit einem 25 m² einnehmenden Fresko. Abgesehen von seinen Dimensionen und den unregelmäßigen Rändern entspricht das Werk allen Forderungen, die man gewöhnlich auch an ein Tafelbild stellt: Es füllt den Platz zwischen den Fenstern, ohne diese in die Komposition einzuarbeiten, und auch der in der Wolkensteinerstraße so konsequent ausgeschiedene Bildraum ist wieder da. Mehr noch: Die Silhouette der Dolomiten mit dem Spitzkofel im Hintergrund ist ein unmissverständlicher Fingerzeig, dass seine Topografie auf Lienz bezugnimmt, und auch wenn in dem um ein Kirchengebäude gruppierten Häuserensemble darunter kein bestimmtes Stadtviertel erkennbar ist, so gleicht es doch dem Milieu, das Walcheggers Kindheit und Jugend geprägt hat.

Dieser mehr emotionalen als rein visuellen Beziehung entsprechen auch Zeichnung und Farbe. Figuren und Gegenstände sind nahezu ohne auffällige Brüche umrissen, und ihre trotzdem überzeugende plastische Modellierung gelingt Walchegger dadurch, dass er Licht und Schatten in bunte Farbwerte übersetzt. Eine Schwarzweißabbildung, die den Maler im Gespräch mit dem Glasermeister Josef Rainer vor dem vollendeten Freskos zeigt, kann man unter solchen Vorzeichen durchaus metaphorisch verstehen: Die naturgetreue Farbwiedergabe war zu dieser Zeit längst nicht mehr das Problem der Malerei, sondern jenes der Fotografie.

Mitte der fünfziger Jahre plaudern Glasermeister Seppl Rainer und der Maler Franz Walchegger vor Walcheggers Haus in der Alleestraße/Ecke Defreggerstraße. Repro: Eleonora Bliem-Scolari

Komplementäre Kontraste ergeben sich aus den drei Grundfarben und deren Mischungen, die sich im Farbenkreis gegenüberliegen und einander grundsätzlich wechselseitig verstärken: Rot und Grün, Blau und Orange, Gelb und Violett. Durch das Mischungsverhältnis und den Anteil zwischen Schwarz und Weiß abgestuftem Grau lassen sich fast unendlich viele Nuancen erzielen. Diese sind allerdings nicht mehr Ausdruck der gewöhnlichen visuellen Umwelterfahrung, sondern der expressiven Kraft eines mit den vielfältigsten Erinnerungen behafteten Ortes.

„Man kommt Franz Walcheggers Bildkunst auch heute noch einen kleinen Schritt näher“, schreibt Winfried Löffler in seinem Beitrag zur 2013 erschienenen Walchegger-Monografie von Eleonora Bliem-Scolari, „wenn man in der Lienzer Franziskanerkirche (der „Klosterkirche“, in deren Kirchspiel Walchegger aufgewachsen ist) oder in der seinem Elternhause nahen Dominikanerinnenkirche eine Frühmesse besucht.“ Tatsächlich wird das monumentale Wandbild in der Alleestraße, Ecke Defreggerstraße, nicht zuletzt aufgrund seiner unzweideutigen religiösen Symbolik seit Generationen auf dem Weg zur Messe als feste Station wahrgenommen. Walchegger lässt die Familienaufstellung entlang einer Art Via Dolorosa stattfinden, die mit dem kreuztragenden jungen Mann ganz oben beginnt und auf Golgatha in der rechten unteren Bildecke, in der eine ausgezehrte, in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt, den winzigen Kahlkopf in die knochigen Finger vergraben, mehr tot als lebendig vor einem menschlichen Schädel auf der Erde sitzt, enden.

Franz Walchegger, Das Leben, Alleestraße 12, 1955. Foto: Helmut Niederwieser

Auch die zentrale Figurengruppe mit Frau, Mann und Kind ist von einem katholischen Sujet herzuleiten: vom „Heiligen Wandel“, eigentlich einem Erzählbild, das vor allem im Barock Maria und Josef mit dem ein paar Jahre alten Jesuskind während ihrer Rückkehr aus Ägypten nach Jerusalem als ein Portrait der „irdischen Dreifaltigkeit“ einfängt. Der Familienvater hält in Walcheggers Bild anstelle des sonst üblichen Wanderstocks eine umgedrehte Lanze in seiner Linken, um das Böse von seiner Familie abzuwehren. In einem Entwurf stößt er sie dem am unteren Bildraum lauernden Drachen in den Leib.

Walcheggers Fresko lässt den Keim der „Familie“ auf einen mehrere Generationen umfassenden Lebensweg wachsen und wagt sich damit an ein Thema, das sein überragendes Vorbild Albin Egger-Lienz schon 1911 in eine zeitlos gültige Form gegossen zu haben glaubte: „Noch vor Torschluß des alten Jahres“, schreibt Egger an den Kunsthistoriker Heinrich Hammer, „kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß ich ein neues großes Bild, ein Lebenswerk eben fertiggemacht habe. Das Bild heißt ‚Das Leben‘ und soll dieses in fünf Perioden (des Menschen) zur Darstellung bringen.“ Begeistert von der erfreulichen Resonanz, die das Werk vor allem bei Denkern und Dichtern (u. a. Carl Dellago) hervorgerufen hat, setzt er zwei Monate später in einem Brief an den Schriftsteller Otto Kunz noch eins drauf: „Mein größtes Erlebniß jetzt ist ‚das Leben‘. Wenn die Welt untergeht und manche alte Werte und Begriffe sich verwischen, so steht mein Werk außerhalb des Rummels, wie ein Sein für sich.“

Als Franz Walchegger seine Version des „Lebens“ an der eigenen Hausfassade veröffentlichte und zwei Jahre später in der neu gegründeten Lienzer „Friedensiedlung“, Sterzingerweg 9, noch einmal weiter entwickelte, war die Welt bereits zweimal untergegangen, und die „alten Werte und Begriffe“ hatten sich, nicht zuletzt in der Kunst, mindestens ebenso oft schon verwischt.

Franz Walchegger, Das Leben, Sterzingerweg 9, 1957. Foto: Helmut Niederwieser

In unserer Serie künstlerischer Meisterwerke schärft der Kunsthistoriker Rudolf Ingruber – Dolomitenstadt-Leser und -Leserinnen kennen ihn auch als launigen Randnotizen-Schreiber – den Blick auf insgesamt 20 bedeutende Kunstwerke im öffentlichen Raum Osttirols. Denn schließlich gilt: Man sieht nur, was man weiß. Als Fotograf begleitet Helmut Niederwieser diese Kunstdokumentation von dolomitenstadt.at.

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Nikolaus F. Pedarnig

Artikel wie diese sind der Grund, warum sich manche Medien intellektuell, inhaltlich und sprachlich von Anderen unterscheiden. Danke Rudolf Ingruber, bin als Bub jahrelang am Bild in der Alleestraße vorbeigegangen. Ich wusste wenig, daher sah ich wenig!