„Gleich um die Ecke, in eine ganz andere Welt“

Osttiroler Bäuerinnen begaben sich auf eine Entdeckungsreise durch das Cadore.

Eine Gruppe von Osttiroler Bäuerinnen begab sich im Mai auf eine besondere Lehrfahrt. Keine 100 Kilometer weg von zu Hause war es möglich, in eine spannende Welt einzutauchen. Es ging nicht darum, leistungsstarke Betriebe zu besichtigen. Es ging um Menschen, um die Persönlichkeiten hinter den landwirtschaftlichen Ideen und darum, wie sie aktuellen Herausforderungen begegnen.

So empfanden viele Teilnehmerinnen rückblickend die „Studytour“ im Mai, die im Rahmen des Projektes „Der wiederentdeckte Garten“ ins Cadore führte. Es handelt sich dabei um ein transnationales Leaderprojekt mit dem Alto Bellunese, initiiert vom Regionalmanagement Osttirol, das auch Projektpartner ist. Gina Streit vom RMO begleitete die Tour als Dolmetscherin und vermittelte schon im Bus viel Interessantes über die Region. Das Cadore bezeichnet eine von den Dolomiten umrahmte Tallandschaft in der Provinz Belluno. Es scheint auf den ersten Blick ähnlich zu sein wie Osttirol, ist aber doch in vielerlei Hinsicht anders.

Schon vor dem ersten Weltkrieg suchten viele Menschen aus dem Cadore ihr wirtschaftliches Glück als „Gelatieri“ in der Ferne. Die meisten Eisdielenbesitzer in Österreich und Deutschland stammen aus diesem „Val di Cadore“. Die Abwanderung setzte sich fort und heute gibt es in den Dörfern viele leerstehende Häuser und drumherum viele brachliegende Felder.

Diesem Umstand entgegenzuwirken ist das wesentliche Anliegen von Luciana Furlanis in Cibiana di Cadore. Viele Häuser sind hier mit beeindruckenden Bildern – den „Murales“ – geschmückt, an anderen aber ist „a vendesi“ – „zu verkaufen“ – zu lesen. Vor einigen Jahren ist Luciana nach Cibiana gezogen, in ein Dorf mit 300 Einwohnern auf 1000 Metern Seehöhe. Ihre biologisch produzierten Lebensmittel verkauft sie direkt vom Feld oder auch weiterverarbeitet in einem ehemaligen Kramerladen, der für Luciana nicht nur Verkaufslokal für ihre „Azienda agricola – La Riede“, sondern lebendige Begegnungsstätte ist. Vor ihrer „Bottega“ zeigte Luciana den Osttiroler Bäuerinnen, wie mit einfachen Zutaten Löwenzahn-Kapern hergestellt werden.

Der nächste Besuch galt dem Bauernhof von Matteo Talamini in Vodo di Cadore. Matteos Vater hatte, wie viele andere Menschen der Umgebung, in der Brillenfabrik gearbeitet, bis sie 2008 schloss. „Mein Vater stand vor der Wahl, mit der Familie aus Vodo wegzuziehen, oder etwas anderes zu probieren.“ Mit ein wenig Feld und ein paar Kühen aus dem Pustertal wurde begonnen. Heute gehört zum Familienbetrieb der Lehrbauernhof mit Schaukäserei, der Agriturismo (Buschenschank) und das Geschäft, wo die eigenen Produkte und die von Kooperationspartnern der Region verkauft werden.

Weitere Köstlichkeiten erwarteten die Osttiroler Bäuerinnen nach der Betriebsführung von Domenico De Coppi. „Sempre andare avanti“ ist sein Motto, „immer nach vorne schauen und weitermachen“. Anfang der 2000er Jahre war Domenico gezwungen, für seinen Obst- und Gemüsehandel neue Wege zu finden. Es kam ihm die Idee zur Weiterverarbeitung der Lebensmittel bis hin zur Herstellung von Convenience Produkten für den Privathaushalt und die Gastronomie.

Die letzte Station vor der Heimfahrt über den Kreuzbergpass war San Pietro di Cadore. Dort lebt Silvia Dall’O. Sie hat Lebensmitteltechnologie studiert und ist begeistert von der Landwirtschaft und den Bergen. Silvia ist aus Como hierhergezogen, um ihren Traum zu leben. In ihrem kleinen Betrieb „La Rosa Alpina“ verarbeitet sie selbst angebaute Kräuter, auch Obst und Gemüse. Besonders die Knolle Topinambur – „Kraftfutter“ nennt sie Silvia – gedeiht sehr gut in dieser Gegend. Und sie schmeckt, köstlich verarbeitet und eingelegt!

Was nehmen die Osttiroler Bäuerinnen von der Lehrfahrt mit nach Hause? Was hat sie beeindruckt? Die Freundlichkeit, die Begeisterung der Menschen für die eigenen Produkte, der Glaube etwas schaffen zu können, das unternehmerische Denken, Produkte zu veredeln und der Mut, seine Leidenschaft zu leben. Vor allem „der Mut“, sagten viele.

Evelin Gander ist nicht nur Stadtführerin und Biobäuerin, sondern auch Ideenlieferantin und Geschichtenerzählerin mit viel Einfühlungsvermögen. Thema ihrer Reportagen und Podcasts ist das Leben in all seinen Facetten.

Ein Posting

Nikolaus F. Pedarnig

Filmempfehlung zum kontroversiellen Thema "Leben in peripheren Regionen": "Alpenland" von Robert Schabus, 2022. Läuft ab jetzt in ausgewählten Kinos und ist eine gute Basis für vortreffliche Diskussionen.

Link: https://www.geyrhalterfilm.com/alpenland

 
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