Das Jazztrio KO·AX mit Lukas Leitner am Klavier und Synthesizer, Walter Singer am Kontrabass und Lukas Laimer am Schlagzeug. Foto: Victor Malyshev

Das Jazztrio KO·AX mit Lukas Leitner am Klavier und Synthesizer, Walter Singer am Kontrabass und Lukas Laimer am Schlagzeug. Foto: Victor Malyshev

Klangreise auf den unruhigen Wellen der Zeit

Das Tiroler Jazztrio KO·AX groovt sich virtuos in eine musikalische Trance mit Tiefgang.

Brandaktuell, futuristisch und innovativ: KO·AX treibt federleicht mit schwerer, virtuoser Musik über den Grund und blickt wie von einer Klangwolke umhüllt, herab auf die Zeichen der Zeit. Instrumentalmusik als Gesellschaftsstudie, geht das überhaupt? Das wird wohl so manch ein Skeptiker einwerfen. Die Band KO·AX antwortet mit individuellen Methoden, wie sie authentisch Emotionen in Musik verwandeln und deren Inhalt in Videoproduktionen untermauern.

Ihre neueste Produktion „Nakazora“ ist fast Paradebeispiel dafür, bezeichnet sich doch auf Japanisch einen Schwebezustand im Ungewissen. Und nimmt ganz passend Bezug auf die Gegenwart als Art Wendepunkt, wo der Blick in die Zukunft so verschwommen wirkt wie Nebelschwaden, die keine zwei Meter nach vorne blicken lassen. Ganz passend eigentlich zur Musik der Gruppe, die sich immer neu erfindet.

In Kooperation mit dem Tiroler Filmemacher Lukas Ladner begibt sich die Band, bestehend aus den Mitgliedern Lukas Leitner am Klavier und Synthesizer, Walter Singer am Kontrabass und Lukas Laimer am Schlagzeug, diesmal auch auf visueller Ebene in experimentelle Sphären. Und das mit Animationen, die die Live- Einspielung der Musiker mit lebensnotwendigen Naturphänomenen wie Wasserelementen verbinden. In der Musik kann man sich ohnehin verlieren und abtauchen, so intensiv ist sie: „Unsere Musik bleibt abstrakt, doch gerade das ist unsere Absicht“, bringt es Lukas Leitner auf den Punkt.

Einen tranceähnlichen Zustand kreiert sie, wie aus einem utopisch-dystopischen Film entlehnt, mit wiederkehrenden Klangmustern, verschachtelten Rhythmen und eingängigen Melodien, die, sobald sie ins Ohr zu dringen scheinen, wieder entrinnen. Viele der Klänge erinnern an Musikschaffende wie Philip Glass und Steve Reich und haben doch ihren unverkennbar eigenen Teint.

Die Welt am Rande des Seins

Das Video zu „Nakazora“ lässt jedenfalls den Worst Case vorausahnen und gibt dennoch zeitgleich Mut: Wenn sich plötzlich das idyllische Ambiente des Naturschauplatzes in eine verkehrte, kalte Industriesteppe verwandelt und düstere Prognosen aufzeigt, die gar nicht so fern der Realität sind, liegt es an uns allen, den Umgang mit der Mutter Natur zu überdenken. „Nakazora“ grast thematisch wie klanglich alle möglichen Verhältnisse zwischen den Menschen und der Umwelt ab, von existentiellen Notwendigkeiten über die Harmonie und Liebe bis hin zur rücksichtslosen Zerstörung.

Der Ausgang ist unklar, doch haben wir es nicht (noch) selbst in der Hand? Das neue Lied jedenfalls vermittelt diese Hoffnung, als Art Blindflug im luftleeren Raum. Der Nebel verhüllt die Sicht, doch ist noch nicht aller Tage Abend. Die Musik von KO·AX gibt jedenfalls Lichtblicke, wie sie in entfernteste Ecken strahlt und Dinge harmonisch miteinander verknüpft, die sonst Welten trennen. Experimentelle Klänge mit Jazz-, aber auch Rockeinflüssen und Tendenzen, die bis Minimal-Music reichen, untermauern dieses Bild und schieben sich zeitgleich ganz nebenbei in den Vordergrund.

Auch wenn noch so viele Fragezeichen vorherrschen, eines wird definitiv: KO·AX groovt im wahrsten Sinne des Wortes am Puls der Zeit. Lassen sich doch die drei Jungmusiker, die allesamt Tiroler Wurzeln haben, gerne von gesellschaftlichen Entwicklungen inspirieren, wie sie diesen durchaus kritisch gegenübertreten. Oft unsichtbar und auf den ersten Blick nicht gleich erkenntlich, loten sie den Spielraum des Instrumentellen auf ihre Weise aus. Dann und wann mit ironischen Zugängen, jedoch stets mit einer Mischung aus bitterem Ernst und Lockerheit versehen, den es braucht, um von der eigenen Involviertheit in die hinterfragende Distanz überzugehen.

Die mahnende Hand ist dabei überhaupt nicht ihr Stil, vielmehr möchten die Musiker ihr Publikum selbst zum Nachdenken anregen: „Als Inspiration für die allesamt von uns selbst komponierten Werke spielen natürlich die Ereignisse der letzten Zeit eine besondere Bedeutung. Dabei wollen wir aber im Sinne der Instrumentalmusik keine klaren, eindeutigen Botschaften vermitteln“, lässt Lukas Leitner wissen, der auch das aktuelle Lied in seiner Rohfassung komponiert hat: „Bei uns ist es immer so, dass einer von uns Dreien die Komposition schreibt, die dann gemeinschaftlich in der Band adaptiert und zur finalen Umsetzung gebracht wird“, betont der Wahlwiener.

Instrumentalmusik mit Biss

Anfang 2023 wird ein Album von KO-AX erscheinenden, die ersten beiden Single-Auskopplungen lassen seine musikalische Zeichensetzung erahnen: Mitte Mai kam das Video zum Song „Reich und Schön“ raus, angelegt als eine zynische wie scharfzüngige Widmung an so manche Entscheidungsträger des Landes wie er gleichermaßen ihre Machtgier und Korruptheit aufs Korn nimmt: „Es werden einige Stücke sein, die gegenwärtige Ereignisse musikalisch umkreisen, aber stets vermengt mit Liedern, die für sich selbst stehen. Der Mix macht es schließlich aus“, so Leitner, der mit seinem Trio bereits ein vielfältiges Programm zur Kostprobe stellt.

Mitunter wird neben dem Klimawandel als globale Herausforderung und der Kritik an der Korruption mit der Corona-Zeit auch etwas zur Sprache gebracht, das uns alle geprägt und gewissermaßen verändert hat: „Der Umgang mit sozialen Kontakten erhielt abrupt eine ganz neue Dimension und Bedeutung. Dieser Problematik im Bezug auf den reglementierenden Blick darauf in der Pandemie widmen wir ein eigenes Lied.“ Das Instrumentaltrio KO·AX schlägt Brücken, wo es noch zu wenige gibt und lässt die Zuhörer:innen sanft wie ein Stück Holz im Gewässer treiben. Wo es ankert überrascht letzten Endes so sehr, wie die von so vielen Stilen gespeiste Musik es stets aufs Neue tut. Nur allzu oft verheddert man sich und wird von den Klängen so in den Sog gezogen, dass es fast unmöglich scheint, loszukommen. Bis ein neues Klanggewitter ertönt.

Florian Gucher, geb.1995 in Villach und aufgewachsen im Gailtal, hat Germanistik und Visuelle Kultur in Klagenfurt studiert und ist als freier Kulturredakteur und Bildwissenschaftler tätig.

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