„Und klar seh ich wie nie zuvor, die Liebe höret nimmer auf.“

Auf dem Lienzer Friedhof ruht ein großer, nie wirklich entdeckter Dichter: Jesse Thoor.

Viele tausende Menschen wurden bisher am Lienzer Friedhof begraben und mit ihnen oft auch ihre Lebensgeschichten. Eigentlich sollte ich sagen: die Lienzer Friedhöfe. Es gibt nämlich vier namentlich ausgewiesene Areale. Der älteste Friedhof befindet sich um die Pfarrkirche St. Andrä. Dieser gehört im Gegensatz zu den anderen Friedhöfen nicht der Stadt Lienz, sondern zur Pfarre St. Andrä. Der älteste noch erhaltene Teil stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist in den Grabnischen südlich des Gotteshauses zu finden.

1901 wurde der neue, heute sagen wir der „Alte Friedhof“ geweiht, an den die Soldatenfriedhöfe beider Weltkriege anschließen. Aus Platzmangel aufgrund eines Zugunglücks in Nikolsdorf 1942 mit 20 Toten und fast 100 Verletzten wurde der Neue Friedhof angelegt. In den achtziger Jahren kamen die ersten Urnennischen dazu.

Seit 1963 erlaubt die katholische Kirche die Feuerbestattung. Was vor einigen Jahren noch für viele Menschen undenkbar war, erfreut sich heute auch in ländlichen Gegenden zunehmender Beliebtheit. Mittlerweile entscheiden sich in Lienz schon zwei Drittel aller Verstorbenen bzw. deren Angehörige für die Urne, bezirksweit sind es immerhin schon 50 Prozent.

Seit Bestehen der städtischen Friedhöfe in Lienz wurden dort etwa 12.500 Menschen beerdigt, das entspricht ungefähr der heutigen Einwohnerzahl der Stadt. Das Leben jedes einzelnen dieser Menschen ist einzigartig, voller Geschichten von Freude, Liebe und Leid. Einer von ihnen ist Peter Karl Höfele, alias Jesse Thoor.

Jesse Thoor, in Lienz begrabener, leider vergessener Dichter. Foto: Wallenstein Verlag
Jesse Thoor wandelte sich vom Kommunisten zum Mystiker. Foto: ÖBV/unbezeichnet

„Karli, sei brav und folg den Ärzten!“ hatte seine geliebte Tante zu ihm gesagt, bevor der Rettungswagen am 15. August 1952 von Matrei losfuhr. „Nein Tante, diesmal werde ich nicht brav sein,“ war Jesses Antwort. Wenige Stunden später verstarb der Dichter Jesse Thoor im Lienzer Krankenhaus.

Als Jesse Thoor starb, war sein Werk fast unbekannt, trotz Würdigung und Förderung durch Thomas Mann und andere. Franz Werfel bezeichnete Jesse Thoors Gedichte als „die erstaunlichste Leistung, die mir auf dem Gebiete deutscher Lyrik seit Jahren begegnet ist“. Peter Karl Höfele selbst veröffentlichte nur ein einziges Buch. Posthum sind mehrere Bücher mit seinen Werken und über den Dichter selbst erschienen.

Höfele wurde 1905 als Sohn oberösterreichischer Eltern – nicht steirischer wie oft zu lesen ist – in Berlin geboren. „Geschrieben hat er schon immer, bei der Petroleumlampe nachts, zum Ärger des Vaters,“ sagt sein Bruder. Auffallend waren neben seiner geringen Körpergröße und seiner ungewöhnlichen Kraft – er lief im Handstand die Treppe hinauf – seine vielseitigen Begabungen. In kürzester Zeit konnte sich Peter jedes Handwerk aneignen. Er führte ein abenteuerliches, unstetes Leben, war Vagabund, Klassenkämpfer und Mystiker. Seine Lebensgeschichte gleicht einem spannenden, berührenden und traurigen Roman.

Seht … ich lebe! – Noch hat mir keiner das Genick gebrochen. Das war einfach so: gesprungen oder gekrochen. – Und seht: In allen Provinzen Europas habe ich die Erde gerochen.

Jesse Thoor

Der Dichter wählte für sich das Pseudonym Jesse Thoor, abgeleitet vom Propheten Jesaja und dem germanischen Donnergott Thor, um seine Janusköpfigkeit zu symbolisieren. Harte Realitätserfahrung und religiöse Sehnsucht prägten sein Werk. „Die Sonette, die Reden und Rufe bleiben aber so einzigartig wie das Leben dieses ‚ungebildeten‘ Dichters, mit dem sie auf eine oft bestürzend unmittelbare Weise zusammenhängen, weil Jesse Thoor kein Wort schreiben konnte, ohne es durch das Erlebnis und das Leid errungen zu haben,“ schreibt Michael Hamburger im Vorwort zu seiner 1965 herausgegebenen Werkausgabe.

In der Fremde

Ist es so auf Erden?
Bin in die Welt gegangen.
Habe mancherlei angefangen.
Aber die Leute lachten.

Auf dem Felde gegraben.
Einen Wagen gezogen.
Ein Zaun gerade gestellt.
Tür und Fenster gestrichen.
Warme Kleider genäht.
Hölzerne Truhe gezimmert.
Feine Stoffe gewoben.
Goldenes Ringlein geschmiedet.

Was soll nun werden?

Werde nach Hause wandern,
und barfuß ankommen.

Das Grab von Peter Karl Höfele, mit Künstlernamen Jesse Thoor, auf dem Neuen Friedhof in Lienz. Foto: Gander

Im August 1952 besuchte Jesse seine Wiener Freunde in Matrei, auch seine Tante war angereist. Wenige Tage nach einer gemeinsamen Bergtour verstarb der Dichter 47-jährig an den Folgen einer Herzthrombose. Seine Freunde ließen Jesse am Neuen Friedhof in Lienz beerdigen und wählten für seinen Grabstein die Schlusszeile eines seiner Gedichte. Als Ehrengrab kümmert sich die Stadt Lienz um die Erhaltung der Grabstätte die inzwischen umgestaltet wurde. Nun steht es dort in Stein gemeiselt: „Und klar seh ich wie nie zuvor, die Liebe höret nimmer auf.“

Evelin Gander ist nicht nur Stadtführerin und Biobäuerin, sondern auch Ideenlieferantin und Geschichtenerzählerin mit viel Einfühlungsvermögen. Thema ihrer Reportagen und Podcasts ist das Leben in all seinen Facetten.

2 Postings

Vlad Tepes

Ich bin vor ein paar Jahren durch eine Oe1-Sendung zufällig über Jesse Thoor gestolpert, und hab mir sein "Gedichte"- Büchlein gekauft, sehr empfehlenswert.

https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=22889308191&cm_sp=SEARCHREC-_-WIDGET-R-_-BDP-F&searchurl=kn%3Djesse%2Bthoor%26sortby%3D20

 
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MagdaLe

Was für ein interessanter Mensch! Vielen Dank für den Artikel - ich bin mir sicher, dass die wenigsten Osttiroler diesen Dichter davor schon kannten.

 
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