Damit Skitouren im freien Gelände ein Genuss bleiben und nicht zur Gefahr werden, braucht es unter anderem eine gute Tourenplanung. Algorithmen bieten hier eine immer bessere Unterstützung. Foto: Alpenverein/Gerhard Mössmer

Damit Skitouren im freien Gelände ein Genuss bleiben und nicht zur Gefahr werden, braucht es unter anderem eine gute Tourenplanung. Algorithmen bieten hier eine immer bessere Unterstützung. Foto: Alpenverein/Gerhard Mössmer

Wie Algorithmen Lawinenunfälle verhindern…

…und worauf es sonst bei Skitouren ankommt, erklärt Michael Larcher im Interview und beim „Lawinen-Update“.

Die ersten Schneeflocken sind am Dienstag bis in den Lienzer Talboden gerieselt und haben auf den Bergen zumindest einen Vorgeschmack auf die winterlich weiße Pracht hinterlassen. Auch wenn es begeisterte Wintersportler:innen kaum erwarten können: Bis zur ersten Tiefschneeabfahrt wird es noch ein bisschen dauern.

Dennoch sollte sich, wer in der kommenden Wintersaison auch abseits der präparierten Pisten unterwegs sein möchte, schon jetzt darauf vorbereiten, damit die weiße Pracht nicht zur Gefahr wird.

Einer, dem die Sicherheit in den Bergen insbesondere im Winter am Herzen liegt, ist Michael Larcher. Er ist geprüfter Berg- und Skiführer, Gerichtssachverständiger bei Bergunfällen und Leiter der Abteilung Bergsport des Österreichischen Alpenvereins. Seit mehreren Jahren tourt er mit seinem Vortrag „Lawinen-Update“ durch ganz Österreich. 22 abend- und saalfüllende Vorträge von Dornbirn bis Wien sind in diesem Jahr geplant, auch in Matrei in Osttirol macht Larcher Halt.

Michael Larcher leitet die Abteilung Bergsport des Alpenvereines und tourt mit seinem „Lawinen-Update“ durch ganz Österreich. Foto: Dolomitenstadt/Huber

Im ersten Teil des „Lawinen-Updates“ steht die Lawinenprävention im Vordergrund: „Da zeige ich Unfälle aus der vergangenen Saison und mache an diesen Beispielen das Wissen fest, das es aktuell zum Thema Lawine gibt“, erklärt Larcher. So beleuchtet er in diesem Jahr beispielsweise den Hintergrund jenes Unglücks, bei welchem in Salzburg Anfang Dezember 2021 drei junge Männer bei einem Lawinenabgang ums Leben kamen, sowie einen Lawinenunfall in Landeck, bei dem vier Schweden und ihr einheimischer Bergführer nur mehr tot geborgen werden konnten.

Ich möchte nicht, dass wir auf die Unfälle schauen und sagen, das wäre uns nie passiert. Jeder kann in so eine Situation kommen oder hat schon ähnliches erlebt.

Michael Larcher, Alpenverein Österreich

Voyeurismus? Mitnichten. Larcher geht es genau um das Gegenteil. Die Beispiele sollen anregen, das eigene Verhalten am Berg zu reflektieren: „Ich möchte nicht, dass wir auf die Unfälle schauen und sagen: ‚Das wäre uns nie passiert.‘ Jeder kann in so eine Situation kommen oder hat schon ähnliches erlebt.“

Es gebe gewisse Unfallmuster, die immer wieder auftreten, so der Experte: Steiniges Gelände vermittelt trügerische Sicherheit und einzelne Bäume sind noch kein Wald, der vor Lawinen schützt. Auch gilt es, nicht nur den tagesaktuellen Lawinenlagebericht anzuschauen, sondern die Verhältnisse auch in den Tagen zuvor zu beobachten: „Im Winterverlauf haben wir immer zwei, drei Tage, an welchen sich die Unfälle zuspitzen. Oft baut sich so eine gefährliche Lawinenlage schon in der Zeit davor auf.“

Tourenplanung per Algorithmus

Die häufigste Unfallursache sei, dass die Tourengeher:innen den Zusammenhang zwischen den aktuellen Verhältnissen und dem Tourenziel nicht herstellen, erklärt Larcher: „Man hat ein Ziel im Kopf und wenn der Lawinenlagebericht nicht gerade Stufe vier oder fünf meldet, dann geht man einfach.“ Um diese Beziehung herzustellen, muss man die Informationen aus dem Lawinenwarndienst mit den Geländevoraussetzungen der geplanten Tour abgleichen – keine einfache Aufgabe. Auch vor Ort muss evaluiert werden, ob die Vorhersage und die eigenen Einschätzungen auf die tatsächlichen Begebenheiten zutreffen.

„Hier kommt mit der Digitalisierung eine ganz neue Dimension an Möglichkeiten auf uns zu“, meint Larcher. Das Portal „Skitourenguru“ beispielsweise verknüpft via Algorithmus den tagesaktuellen Lawinenlagebericht mit dem Gelände, durch das die gewünschte Tour verläuft. Im Anschluss wirft das Programm einen Skitouren-Track aus, der in grüne, gelbe und rote Abschnitte unterteilt ist und auf diese Weise die Lawinengefahr kennzeichnet.

„Mit dem Instrument wird es uns gelingen, Unfälle präventiv zu verhindern, weil weniger Leute die falsche Tour wählen“, zeigt sich Larcher begeistert von dem kostenlosen Portal, das von einem Schweizer in Eigenregie entwickelt und mit Fördergeldern finanziert wurde und wird.

In den kommenden Jahren soll das Portal den gesamten Alpenraum erschließen. Heuer kann es erstmals auch in Österreich angewendet werden. Im Moment sind die Funktionen noch eingeschränkt, da es keine aktuellen Werte aus dem Lawinenwarndienst gibt.

Ein Algorithmus gleicht Geländedaten und den aktuellen Lawinenlagebericht ab und kennzeichnet die Abschnitte einer Tour je nach Gefahrenstufe in unterschiedlichen Farben. Screenshot: skitourenguru.ch

Derzeit sind etwas mehr als 1.700 Touren in Österreich auf dem Portal eingetragen. „Irgendwann soll es auch möglich sein, eigene Touren zu planen. Der Algorithmus wirft dann gelände- und lawinenberücksichtigend den idealen Track aus“, so Larcher. Dass die Menschen durch diese technische Unterstützung in der Tourenplanung mehr Risiko eingehen, glaubt Larcher nicht: „Mir ist lieber, jemand verlässt sich blind auf einen Algorithmus, als blind auf gar nichts.“ Und wenn das Programm eine grüne Route auswirft, heiße das nicht, dass das Risiko bei Null liegt: „Das muss jedem bewusst sein.“

Herkömmliche Regelwerke zur Risikoeinschätzung behalten weiter ihre Gültigkeit und abgesehen von der Tourenplanung gibt es noch andere Faktoren, die die Sicherheit am Berg beeinflussen: Etwa die eigene körperliche Fitness und die Selbsteinschätzung, das Abwägen des Lawinenrisikos vor Ort, die richtige Orientierung, das Einhalten von Abständen sowie die Größe und das Können der Gruppe.

Wichtig ist auch die richtige Ausrüstung und vor allem der Umgang damit: „Darum geht es im zweiten Teil des ‚Lawinen-Updates‘. Die beste Ausrüstung nützt nichts, wenn sie der Träger falsch anwendet“, meint Larcher. Mit einem Lawinen-Airbag ausgestattet zu sein, heißt nicht, mehr Risiko eingehen zu können und auch ein LVS-Gerät hat keinen Zweck, wenn man es nicht einzusetzen weiß. „Ein zentraler Appell des ‚Lawinen-Updates‘ ist immer, dass man diese Dinge nicht in einem Vortrag, sondern draußen in der Natur lernt“, meint Larcher und empfiehlt allen Skitourengeher:innen, ein Sicherheitstraining zu absolvieren.

Die beste Ausrüstung nützt nichts, wenn sie der Träger falsch anwendet.

Michael Larcher, Alpenverein Österreich

„Es geht dabei nicht nur um den richtigen Umgang mit der Notfallausrüstung, sondern auch um mentale Vorbereitung. Ein Lawinentraining hat das Ziel, dass man im Ernstfall einen Automatismus abspulen kann, weil man da immer an der Grenze zur Panik steht“, erklärt Larcher. „Viele wollen sich mit der Situation nicht konfrontieren und meinen, sie würden ‚eh nur sichere Touren gehen‘. Da beschwindelt man sich selbst aber ein bisschen“, so Larcher.

Die Hemmschwelle werde hier jedoch immer kleiner, freut sich der Bergführer, besonders junge Menschen würden ein höheres Bewusstsein für Sicherheit im Bergsport aufweisen. Die Zahl der Lawinenunfälle mit Todesopfern ist in den letzten Jahren – trotz Anstieg der Zahl an Touren im freien Gelände – stetig gesunken: In den letzten 20 Jahren kamen in Österreich im Schnitt 22 Menschen pro Jahr bei Lawinenabgängen ums Leben, in den vergangen fünf Jahren waren es durchschnittlich 16,4. Und dennoch: „Wir sind weit entfernt von einem zufriedenstellenden Zustand, auch weil wir Jahr für Jahr dieselben Unfallmuster sehen“, so Larcher.


Weitere Informationen:

Das „Lawinen-Update“ des Alpenvereins findet unter anderem am 8. Dezember um 19.00 Uhr im Kinosaal in Matrei i. O. statt. Außerdem kann der Vortrag am 16. Dezember auf YouTube per Livestream mitverfolgt bzw. zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden. Hier geht's zum „Lawinen-Update“ des vergangenen Jahres.    

Anna Maria Huber studiert in Innsbruck, schreibt nicht nur für dolomitenstadt.at sondern auch für die Straßenzeitung 20er und betreut unser Redaktionsbüro in der Landeshauptstadt. Annas Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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