Biologisch, nachhaltig, saisonal und regional - in der "Speis von Morgen" entscheiden die Genossenschaftsmitglieder, was in die Regale kommt. Vinzenz Mell ist einer der kreativen Köpfe hinter dem Projekt. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Huber

Biologisch, nachhaltig, saisonal und regional - in der "Speis von Morgen" entscheiden die Genossenschaftsmitglieder, was in die Regale kommt. Vinzenz Mell ist einer der kreativen Köpfe hinter dem Projekt. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Huber

Speis von Morgen: „Mein, dein – unser Markt!“

Ein findiger Innsbrucker stellt das Konzept des Lebensmitteleinkaufens auf den Kopf. Ein Besuch vor Ort.

Die besten Konzepte entstehen dann, wenn man etwas in die Realität umsetzt, was man sich eigentlich für sich selbst wünscht: Vinzenz Mell hat in Innsbruck seinen eigenen Lebensmittelladen gegründet, weil ihm die Konzepte herkömmlicher Lebensmittelkonzerne nicht einleuchten.

Es ist aber nicht nur „sein“ Laden, es ist der gemeinsame Lebensmittelladen von allen (derzeit) 220 Genossenschaftsmitgliedern, die mit der Einzahlung von einmalig 250 Euro allesamt stimmberechtigt sind und damit mitentscheiden dürfen, was in der „Speis von Morgen“ verkauft wird. Daher stammt auch das Motto des kleinen Ladens im Innsbrucker Stadtteil Mariahilf: „Mein, dein – unser Markt!“

„Ich hab immer gesagt, einen eigenen Laden mach ich nicht, und jetzt steh' ich hier“, schmunzelt Vinzenz Mell. Gesunde und nachhaltige Ernährung wurde dem gebürtigen Deutschen in die Wiege gelegt, schon seine Großeltern ernährten sich vegetarisch. So beschäftigte er sich sein ganzes Leben lang mal mehr mal weniger mit nachhaltigem Lebensmittelkonsum, engagierte sich in einer Food-Coop und nahm an einem Projekt solidarischer Landwirtschaft teil.

„Mir wurde es irgendwann einfach zu mühsam, für biologische Lebensmittel quer durch die Stadt zu radeln oder im Geschäft lange danach zu suchen, wo die Lebensmittel herkommen“, meint er. So wurde die Idee geboren, im eigenen Stadtviertel einen Laden zu öffnen, in dem es biologische, nachhaltig erwirtschaftete, regionale wie saisonale Lebensmittel zu kaufen gibt – und das sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang.

„Ich hätte das natürlich niemals allein so geschafft“, erzählt Vinzenz. Während der Pandemie hat er einen Aufruf gestartet, um Gleichgesinnte zu finden. Schnell war ein Team aus neun kreativen Köpfen zusammengestellt. Im nächsten Schritt ging es darum, ein Konzept zu entwickeln und dann, das Projekt finanziell auf die Beine zu stellen.

„Als Genossenschaft sind wir nicht gewinn-, sondern gemeinwohlorientiert“, erklärt Vinzenz. Ziel war es, durch die Mitgliedsbeiträge 75.000 Euro zu sammeln, um eine ehemalige Apotheke neben dem Innsbrucker Metropol-Kino zu renovieren und die „Speis von Morgen“ dort einzurichten. Derzeit haben nur Mitglieder Zutritt zu dem Geschäft, in weiterer Folge könnte Vinzenz sich vorstellen, das Geschäft für alle zu öffnen.

Welche Lebensmittel und Produkte in „Der Speis von Morgen“ landen, ist von mehreren Faktoren abhängig: „Es geht uns um eine dreifache Nachhaltigkeit“, erklärt der studierte Geograph: „Zum einen sollten sie ökologisch nachhaltig erwirtschaftet sein, aber auch ökonomische Faktoren spielen eine Rolle. So sollen die Produzenten entsprechend für ihre Produkte bezahlt werden, sodass sie auf lange Sicht gesehen gut wirtschaften können. Und drittens geht es um soziale Nachhaltigkeit – beispielsweise sollten Erntehelfer entsprechend behandelt und entlohnt werden.“

„Mir geht es darum, die Welt für unsere Kinder so zu erhalten, dass auch sie ein gutes Leben führen können.“

Vinzenz Mell

Soweit als möglich, werden sämtliche Lebensmittel von regionalen Produzenten bezogen. „Die Speis von Morgen“ arbeitet direkt mit den Betrieben zusammen, sodass die Produzenten fair bezahlt werden. „Es soll allerdings ein ‚One-Stop-Shop‘ sein, in dem es von Lebensmitteln bis zu Klopapier und Zahnbürsten alles zu kaufen gibt“, so Vinzenz. Weil in Tirol beispielsweise (noch) keine Zahnbürsten produziert werden, beziehe man nachhaltige Bambuszahnbürsten von einem anderen Produzenten.

„Der Laden soll auch eine Anregung sein, selbst in Produktion – entweder von Lebensmitteln, aber auch von anderen Dingen – zu gehen.“ So verlangt die „Speis von Morgen“ keine Mindestliefermenge, „man kann das einfach einmal für sich ausprobieren und das Produkt dann bei uns verkaufen“. So habe ein Genossenschaftsmitglied durch die Idee der „Speis von Morgen“ begonnen, selbst Kiwis zu züchten, die dann im Laden verkauft werden.

Frische Lebensmittel, die nicht gekauft werden, sollen in weiterer Folge von den Genossenschaftsmitgliedern selbst eingekocht oder weiterverarbeitet und anschließend im Laden verkauft werden, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Vinzenz kann sich auch vorstellen, ein kleines Bistro einzurichten oder Essen auf (Fahr-)Rädern für sozial bedürftige Menschen anzubieten, das mit Lebensmitteln aus der „Speis von Morgen“ gekocht wird. Auch hat das Konzept Potenzial, in anderen Stadtteilen Fuß zu fassen.

Die Ideen für ein besseres „Morgen“ gehen dem dreifachen Familienvater auf jeden Fall nicht aus: „Mir geht es darum, die Welt für unsere Kinder so zu erhalten, dass auch sie ein gutes Leben führen können.“ Nun steht aber erst einmal die offizielle Eröffnung der „Speis von Morgen“ am kommenden Freitag an.

Anna Maria Huber studiert in Innsbruck, schreibt nicht nur für dolomitenstadt.at sondern auch für die Straßenzeitung 20er und betreut unser Redaktionsbüro in der Landeshauptstadt. Annas Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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7 Postings

Burgi

So was ähnliches haben wir in Lienz auch! Die Foodcoop "die gute Speis"! Tolle Sache!

 
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senf

Es ist gut, wenn Leute neue Wege beschreiten. Vor allem mit solchen Ideen, die einer besseren Umwelt helfen, auch wenn dabei so manches auf den Kopf gestellt werden soll. Herr Mell wird dazu motiviert, weil ihm Konzepte herkömmlicher Verkaufsläden nicht überzeugen. „Mein, dein – unser Markt“ klingt recht überzeugend. Ob es so einfach ist, ein qualitativ tolles, gesundes und preisgünstig Angebot langfristig zu garantieren, wage ich ein wenig zu bezweifeln, denn auch hier werden marktkonformen Rahmenbedingungen gelten. Zudem gibt es ähnliche Verkaufseinrichtungen bereits einige Schritte weiter - in groß!

Das alles bleibt aber Angelegenheit der Betreiber, die auch einige Sachzwänge auf sich nehmen, wobei im Bericht sogar die Rede von „regionalen, biologisch nachhaltigen und saisonalen Lebensmittel ist, die über alle Wochentage, ja sogar Tag und Nacht erhältlich sind. Staunenswert - ohne Gewinnspanne! Ein gewagtes Geschäftsmodell, das nun in Innsbruck glücken soll. Allerdings schließe ich daraus, dass man in der Zwischensaison hungern muss, oder leider ungesunde Lebensmittel vom Großmarkt verkaut.

In Osttirol gibt es ähnliches bereits schon länger. Wer regionale Speisen genießen will, begibt sich in den Aneter Dorfladen zur Regionsnische eines Großkonzernes (inzwischen bieten das auch andere?) Matrei bietet bodenständige Waren im Talmarkt an.

In Lienz geht man zum Genussladen 24/7 (Selbstbedienung) und sogar im Kalser Dorfladele sind regionale Waren per Selbstentnahme durchgehend erhältlich. Verkäufer/innen braucht es ja nicht mehr! (Auch das nennt man heutzutage nachhaltig!)

 
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hallo123

Super Idee! Bei uns in Osttirol gibt es auch schon vergleichbare Shops. Zum Beispiel der Kastl Greissler- sehr empfehlenswert!

 
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    MagdaLe

    Der Kastl-Greissler ist vom Konzept her schon ein bisschen anders, das im Artikel ist eine Genossenschaft.

    Sind aber beides gute Konzepte mit hoffentlich viel Zukunftspotenzial.

     
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Chronos

Danke, Anna-Maria! Habe den Markt noch nicht gekannt.

Tolle Idee, super Konzept und sehr gut in die Praxis umgesetzt! Ich werde versuchen Mitglied zu werden und natürlich Kunde...

 
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unholdenbank

Superidee. Gratuliere und ich wünsche viel Erfolg. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis die "großen" Konzerne auch diese Idee stehlen werden, um ja nicht einen Euro zu verlieren. REWE hat's ja schon vorgemacht mit den shop-Containern. SPAR wird sicher in seinen Supermärkten eine "Mein,Dein-unser Markt" - Ecke einrichten. Und den HOFER - Thinktanks wird schon auch was einfallen. Diese monopolistischen Kraken können es ja nicht ertragen, wenn andere auch vom Handel leben wollen. Sie haben ja schon bei der Biolüge gezeigt, dass sie keinem anderen Luft lassen wollen.

 
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e-mission

idealismus ist halt mit viel arbeit verbunden.

 
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